Goethe-Institut Award for New Translation
Gewinnerin 2022: Sharon Howe im Interview

Ein Bild von Sharon Howe
Sharon Howe


Unsere Informationsbeauftragte Annemarie Goodridge hat sich mit Sharon Howe unterhalten, nachdem sie den Goethe-Institut Award for New Translation 2022 gewonnen hat. Das Interview können Sie unten lesen.


Was ist Ihrer Meinung nach die wichtigsten Elemente einer guten Übersetzung?

Ich würde sagen, der Versuch, die Stimme des Autors oder der Autorin so genau wie möglich wiederzugeben und den Leser*innen die gleiche Erfahrung zu vermitteln, die sie auch im Original gemacht hätten. Paradoxerweise kann das bedeuten, dass man die Dinge ein wenig umstellt (wenn z. B. ein Wortspiel an einer Stelle nicht funktioniert, können die Übersetzer*innen an anderer Stelle ein Äquivalent einfügen); das Wichtigste ist, dass man das richtige Gleichgewicht zwischen Texttreue und Lesbarkeit findet.


Die für den Übersetzungswettbewerb ausgewählte Passage stammte aus Ulrike Draesners Schwitters (Penguin, 2020). Die Jury bezeichnete ihn als "teuflisch schwierig"! Welche Aspekte fanden Sie an diesem Text besonders herausfordernd oder bemerkenswert?

Das ist keine Übertreibung! Das Hauptproblem war die Übertragung eines mehrsprachigen Textes ins Englische: Während man bei den meisten deutschen Leser*innen davon ausgehen kann, dass sie zumindest rudimentäre Englischkenntnisse haben, ist das umgekehrt eher nicht der Fall. Um den Gemütszustand einer deutschen Künstlerin und Schriftstellerin im Exil nachzustellen, die versucht, sich in einer fremden Sprache zurechtzufinden, vermischt Ulrike Draesner die Sprachen in einem Text, der sich eher wie ein Gedicht als wie ein Roman liest. Hinzu kommt der Versuch, Schwitters' dadaistische Perspektive widerzuspiegeln - daher die Nonsenswörter, Reime und Wortspiele, mit denen wir alle in Ruth Martins ausgezeichnetem Workshop nach dem Wettbewerb so viel Spaß hatten (allein der Titel - "Schaf(f)en" - führte zu einer Reihe einfallsreicher Vorschläge von "Sheepshifting" bis "Baabaa Dada"). Wir waren uns alle einig, dass es Herausforderungen wie diese sind, die die Arbeit des Übersetzer*innen so schwierig machen, aber auch so viel Freude bereiten.


Können Sie uns etwas über Ihren bisherigen Werdegang als Übersetzerin erzählen?

Ich übersetze seit über dreißig Jahren, aber bis vor kurzem war der Großteil meiner Arbeit kommerziell. Ich habe mich immer danach gesehnt, etwas Kreativeres zu machen (wenn auch weniger gut bezahlt!), und versuche nun, diesen Traum zu verwirklichen und mich auf dem Literaturmarkt zu etablieren. Ein von New Books in German organisierter Workshop am Goethe-Institut in London gab mir den nötigen Anstoß, und die British Centre for Literary Translation Summer School im Jahr 2016 tat ihr Übriges. Bislang habe ich vor allem Sachbücher von Autoren wie Steffen Mau, Aaron Sahr und Michael Butter übersetzt. Besonders viel Spaß hat mir die Übersetzung von Ronen Steinkes Anna & Dr. Helmy gemacht, der wahren Geschichte eines muslimischen Arztes, der einem jüdischen Mädchen in Hitlers Berlin das Leben rettete.

Dabei ist mir aufgefallen, wie sehr mich die Gemeinschaft der Übersetzer*innen unterstützt - vor allem, wenn man bedenkt, dass wir hier im Vereinigten Königreich auf einem notorisch kleinen Markt konkurrieren. Bei mehreren Gelegenheiten wurde mir Arbeit von aufmerksamen Kolleg*innen übertragen, und ich habe wirklich von den Ratschlägen erfahrener Übersetze*innen profitiert - oft über das Emerging Translators Network, das eine unschätzbare Ressource darstellt. Wie wir alle wissen, kann der Übersetzungsberuf sehr einsam sein, und Branchenveranstaltungen wie die von der Society of Authors/Translators Association organisierten Online-Gespräche sind eine großartige Möglichkeit, Wissen auszutauschen und sich allgemein über sprachliche Themen auszutauschen, die andere Menschen langweilen. Und es ist natürlich toll, dass wir vorsichtig zu persönlichen Veranstaltungen zurückkehren.

Apropos, ich bin gerade vom Internationalen Übersetzertreffen in Berlin zurückgekommen, das mir freundlicherweise vom Goethe-Institut ermöglicht wurde - eine Gelegenheit, für die ich wirklich dankbar bin. Es war eine sehr intensive Woche, die mir einen faszinierenden Einblick in die aktuellen Trends auf dem deutschen Buchmarkt verschafft und mich wirklich beflügelt hat. Jetzt gilt es, all diese Inspiration in die Praxis umzusetzen...

Welche deutschsprachigen Autoren zählen Sie derzeit zu Ihren Favorit*innen?

Ich liebe die bewegende Schlichtheit von Robert Seethalers Ein ganzes Leben und Der Trafikant. Aus ähnlichen Gründen bin ich auch seit langem ein Verfechter von Hans-Josef Ortheils Die Erfindung des Lebens, einer weitgehend autobiografischen Geschichte über die heilende Kraft von Musik und Literatur. Ein weiterer Favorit ist Robert Schneiders eindringlicher Schlafes Bruder. Wenn ich hier Klassiker erwähnen darf, dann ist Franz Werfels Epos Die Vierzig Tage des Musa Dagh eines der fesselndsten Bücher, die ich je gelesen habe. Davon abgesehen hat meine Reise nach Berlin eine lange Liste von Empfehlungen hervorgebracht, und ich freue mich wirklich darauf, mich durch einige der neuesten Titel zu arbeiten, angefangen mit Antje Rávik Strubels Blaue Frau.


 

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