Chefket Konzert für Schulklassen Interview mit Chefket

Chefket
© Goethe-Institut London / Magnus Pölcher

Von September bis Oktober 2016 tourt der bekannte deutsche Musiker Chefket durch die Region Nordwesteuropa. Bei seinem Besuch in London haben wir ihm einige Fragen gestellt. Viel Spaß beim Lesen!

Goethe-Institut: Uns interessiert zuerst, seit wann du rappst und wie du damit angefangen hast?

Chefket: Ich habe ungefähr mit 13 Jahren angefangen zu rappen. Da habe ich viel Musik von meinen Schwestern gehört und irgendwann gab es dann von Nas das Album „It was written“. Daran habe ich gesehen, wie komplex es ist, habe mitgerappt und später irgendwann angefangen Songs auf Englisch zu schreiben. Und irgendwann hatte ich dann meine eigene Band, habe ein paar Songs auf Deutsch gemacht und habe gesehen, dass die Leute nicht nur zu den Songs abgehen, sondern auch zuhören, was ich rappe.

Auf Englisch klingt zwar alles sehr gut, weil es mehr Worte gibt, die einsilbig sind und eine tiefere Bedeutung haben. Auf Deutsch ist es schwieriger, da muss man auf die Phonetik achten und dass es richtig fließt. Aber wenn es dann klappt, hast du Zuhörer, die wirklich jedes Wort verstehen.

Goethe-Institut: Du hast dir das Rappen also im Grunde selbst beigebracht, oder?

Chefket: Ja, das stimmt. Also das erste Mal, dass ich einen Reim geschrieben habe, das war vor 20 Jahren.

Goethe-Institut: Aktuell bist du gerade für das Goethe-Institut auf Tour und bringst Jugendlichen in Workshops das Rappen bei. Wie fühlt sich dieser Seitenwechsel an?

Chefket: Am Anfang hatte ich ein komisches Gefühl dabei. Das war während einer Sommerschule im Middlebury College in Nordamerika, in der Leute Deutsch lernen. In 7 Wochen sollen die Kursteilnehmer so viel lernen, wie man eigentlich in einem Jahr lernt. Das war total verrückt dort zu unterrichten. Da waren Harvard-Studenten und Opernsänger und ich stand vor ihnen und habe versucht ihnen die deutsche Sprache zu erklären. Das war für mich auf jeden Fall neu.

Ich hab dann aber gemerkt, das ist etwas, womit ich mich auskenne. Und das nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch. Und deswegen kann ich auch, wenn die Schüler etwas nicht direkt verstehen, oder man sie nicht sofort begeistern kann, darauf nochmal anders eingehen und ihnen ganz viele praktische Beispiele nennen und sie deswegen dann auch besser catchen. Lehrer sein ist ja auch ein bisschen wie eine Bühne betreten. Wenn ich in den Klassenraum komme, werde ich angesehen und alle erwarten Wissen. Und deswegen ist es durch meine Bühnenerfahrung gar nicht mehr so schwer.

Goethe-Institut: Uns interessiert natürlich auch, wie bisher die Konzerte für Schulklassen gelaufen sind? Amsterdam, Kopenhagen, wie war es?

Chefket: Sehr gut! Also, die ersten drei, vier Reihen sind total ausgeflippt und weiter hinten haben alle still gefeiert - glaub ich zumindest. Das war schön. Es ist natürlich anders als bei eigenen Konzerten, wo die Leute komplett nur meinetwegen da sind mit ihren Chefket-T-Shirts und alle Songs mitsingen können.

Dadurch ist es eine größere Herausforderung das Publikum zu begeistern. Auch wenn wir Festivals spielen, ist es nie so, dass wir einfach nur auf die Bühne gehen und unser Programm abspielen. Sondern meine Band und ich versuchen, dass wir dieses Konzerterlebnis mit den Leuten teilen, so dass jeder dabei ist und jeder ein Teil davon wird.

Goethe-Institut: Wenn du den Eindruck hast, dass ein Konzert nicht so gut läuft, hast Du einen Trick, um nochmal das Ruder rumzureißen?

Chefket: Ich zieh mich aus.

Goethe-Institut (lacht): Und das funktioniert immer?

Chefket Chefket | © Goethe-Institut London / Magnus Pölcher Chefket: Immer. Da rennen alle direkt raus. (lacht) Der Trick ist eigentlich einfach Fragen zu stellen. Zu gucken: Sind die überhaupt da? Hören die zu? Außerdem funktioniert es besser, wenn es interaktiver ist und dann der Klassenkamerad zum Beispiel plötzlich auf der Bühne steht, dann wachen die Kids natürlich auf. Falls es dazu kommt, dass es abflaut, gucke ich, dass ich mit denen Spiele mache, damit sie wieder wach werden.

Goethe-Institut: Die deutsche Sprache ist natürlich unser Metier, eines der Hauptthemen des Goethe-Instituts. Du beschäftigst dich auch sehr viel damit. Was für ein Verhältnis hast Du zur deutschen Sprache? Ist die deutsche Sprache auch eine verbale Waffe für Dich? Oder etwa ein Regelwerk, gegen das man eigentlich verstoßen sollte?

Chefket: Ja, ich glaube, ich habe die deutsche Sprache schon oft im Würgegriff gehabt und fange deshalb damit an neue Wortschöpfungen entstehen zu lassen. Oder ich denk mir, ich will jetzt weg von allen Normen, ich will auch nicht mehr reimen, ich will nur noch Gefühle wecken, ich will nur noch abstrakte Sachen schreiben. Das kommt dann auch oft vor. Zum Beispiel bei meinem Song „Fliegen“ habe ich mit den Präpositionen immer gespielt und es hat mir extrem Spaß gemacht.

Das ist technisch nicht der krasseste Reim, aber da sieht man eben, wie man mit der deutschen Sprache auch spielen kann. Oder mit Betonungen arbeiten kann. Wenn ich sage: Der Typ ist immer anders. Dann sage ich, der ist heute SO und morgen SO. Aber wenn ich sage, der ist HEUTE so und MORGEN so, dann ist er immer gleich. Damit kann man ganz viele Sachen machen. Das ist sehr subtil. Das geht dadurch, dass die deutsche Sprache so präzise ist, ich glaube, ich könnte das auf Englisch gar nicht.

Goethe-Institut: Wir haben uns bereits darüber unterhalten, wie du das mit Schülern machst: Die schlagen Dir Wörter vor und du machst daraus was?

Chefket: Wir machen das alle zusammen! Ich sage: Was ist euer Lieblingswort? Dann kommt etwas, wie zum Beispiel „Heizung“ und dann geht es weiter, man findet den Reim. Dann kommt der Sinnzusammenhang, also was verbinde ich damit, das ist die Wärme. Dann geht der Reim auf Wärme. Dann machen wir den Takt, und ich sage: ok, so geht der Takt, jeder schreibt etwas dazu, die Endreihen rappen alle mal mit. Und dann merken die Kids, es ist eigentlich gar nicht so schwer, wenn man anfangen möchte. Wenn man noch nie einen Text geschrieben hat, kann man so eigentlich anfangen.

Chefket Chefket | © Goethe-Institut London / Magnus Pölcher Goethe-Institut: Würdest du das vielleicht für uns ausprobieren? Wir haben uns drei Wörter ausgedacht und vielleicht könntest du uns sagen, was du daraus machen würdest? Die Worte sind: Goethe, Smombie und Fingerspitzengefühl.

Chefket: Goethe bin ich nicht, doch ich habe wie Smombies, wenn sie auf den Touchscreen drücken, Fingerspitzengefühl wie Blinde bei Blindenschrift

Goethe-Institut: Wie lange brauchst du um einen Song zu schreiben?

Chefket: Es kommt drauf an. Den Song „Fliegen“ habe ich zum Beispiel sehr schnell geschrieben. Das waren nur ungefähr 10 Minuten. Ich hab es nicht mal geschrieben, ich hab immer einen Satz an den nächsten gereiht und es war perfekt. Irgendwie war die Stimmung gut. Ich habe auch genau die Aufnahme benutzt, die jetzt auf dem Album ist.

Teilweise gibt es aber auch Texte, die schreibe ich seit acht Jahren, die sind immer noch nicht fertig. Die habe ich noch nicht ganz geknackt, die hab ich noch nicht ganz so hingekriegt. Manchmal muss man einfach auch aufgeben, aber es kommt immer darauf an, was man sagen will.

Manchmal gibt es diese Konzept-Songs, wo ich mir dann viel aus dem Ärmel schüttele, nur um dann zu merken, das ist zu sehr Konzept. Am Ende bleibt vielleicht nur ein Satz übrig, mit dem arbeite ich dann weiter. Es ist harte Arbeit aber macht auch voll Spaß!

Goethe-Institut: Zu guter Letzt, hast du ein deutsches Lieblingswort?

Chefket: Mein deutsches Lieblingswort ist Nichtsdestotrotz.

Goethe-Institut: Vielen Dank für das spannende Gespräch mit Dir, Chefket! Und weiterhin viel Glück für Deine Tour durch Nordwesteuropa.