Regisseurinnen der DEFA

Helke Misselwitz: Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann? Helke Misselwitz: Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann? © DEFA-Stiftung, Thomas Plenert

Mit den drei Spiel- und vier Dokumentarfilmen dieser Reihe möchten wir ein Blick darauf werfen, wie Regisseurinnen der DEFA (Deutsche Film Aktiengesellschaft, 1946 – 1990/1992), der ostdeutsche staatliche Filmproduktion, das Leben in ihrem Land in ihren Filmen widergespiegelt haben und unter welchen Bedingungen sie diese Filme drehen konnten.

Eine Liste alle Filmvorführungen der Reihemit weiterführenden Links finden Sie weiter unten auf dieser Seite.

 
Zum Programm

Während Ingrid Reschkes Spielfilm Kennen Sie Urban? (1971) über einen jungen Ex-Sträfling, der seinen Weg findet, wie eine heitere sozialistische Coming-of-Age-Geschichte daherkommt, ist Iris Gusners Die Taube auf dem Dach (1973/2010) ein weniger linientreues, leichtfüßiges Portrait einer jungen berufstätigen Frau, die sich nicht zwischen zwei Männern entscheiden kann. Evelyn Schmidt schlägt in Das Fahrrad eine dunklere Saite an und erzählt von einer alleinerziehenden Mutter und ungelernten Arbeiterin, die sich durch ihre stupide Arbeit nicht unterkriegen lassen will und die Konsequenzen zu tragen hat. Ihre Geschichte könnte auch die einer der Frauen sein, denen Helke Misselwitz in ihrem ein Jahr vor dem Mauerfall entstandenen Dokumentarfilm Winter adé (1988) das Wort gibt, um über ihr Lebenserfahrungen zu sprechen. Ein Jahr später zeichnet Misselwitz mit Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann? (1989) das Portrait der energisch-mütterlichen Chefin eines privaten, familiengeführten Kohlehandels in Berlin sowie der Männer, die für sie arbeiten. In dem Kurzfilm Aktfotografie - Gundula Schulze (1983) macht Misselwitz das Portraitieren selbst zum Thema, verbindet geschickt ein Interview mit der Fotografin Gundula Schulze über deren Verständnis von Aktaufnahmen als Portraitfotografie mit ihren eigenen Filmaufnahmen von Frauen an einer Supermarktkasse. Die Reihe schließt mit Petra Tschörtners Dokumentarfilm Berlin - Prenzlauer Berg - Begegnungen zwischen dem 1. Mai und dem 1. Juli 1990 (1990), der uns das gleiche Stadtviertel wie Misselwitzes 'Kohlefilm‘ führt, jedoch nach dem Mauerfall. Eine Vielzahl unterschiedlichster Reaktionen auf das historische Ereignis ist zu hören, die eine komplexe Gefühlslage widerspiegelt, von Freude über Lakonie bis zur Sorge über die Zukunft.

Hintergrund

Die Gleichberechtigung der Frau war ein zentraler Faktor im Selbstverständnis der DDR und in ihrer Politik. Ideologisch gesehen entsprach sie der Idee einer sozialistischen Gesellschaft, in der alle BürgerInnen gleich sind. Zugleich bot sie die Grundlage für die Berufstätigkeit von Frauen und förderte damit die Produktivität und wirtschaftlichen Entwicklung des Landes. So wurde die Arbeit von Frauen durch Ausbildungsmöglichkeiten und Kinderbetreuung unterstützt, wie es zum Beispiel in dem Film Stars, den wir in unserer parallel laufenden Jürgen Böttcher-Reihe zeigen, zu sehen ist. Solche Maßnahmen änderten sich im Laufe der Zeit, ebenso wie das offiziell propagierte Frauenbild. Abhängig vom politischen Klima und der wirtschaftlichen Situation sollten Frauen fleißige Arbeiterinnen oder gute Mütter sein oder beide Rollen gleichzeitig heldenInnenhaft erfüllen.
 
Was die Repräsentation von Frauen in den Filmen und der Filmproduktion der DDR angeht, so zeigen sie auch hier eine starke Präsenz, besonders offensichtlich jedoch auf der Leinwand. Tatsächlich stellen eine bemerkenswerte Anzahl von DDR-Filmen Frauen in den Mittelpunkt. Erklären lässt sich dies u.a. damit, dass sich gesellschaftskritische Stoffe, insbesondere ab den 1960er Jahren, leichter angehen ließen, wenn sie mittels einer weiblichen Figur thematisiert wurden. Die meisten dieser Filme wurden jedoch von Männern gedreht, darunter einige der bekanntesten wie Das Kaninchen bin ich (Kurt Maetzig, 1965), Karla (Herrmann Zschoche, 1965/1990), Die Legende von Paul und Paula (Heiner Carow, 1973), Solo Sunny (Konrad Wolf, 1979) oder Die Beunruhigung (Lothar Warneke, 1981). Ein einfacher Grund hierfür ist, dass es in der DEFA nur sehr wenige weibliche Spielfilmregisseurinnen gab, und von diesen waren zwei für Kinderfilme zuständig. In anderen Bereichen sah die Situation allerdings besser aus. Zwar gab es keine Kamerafrauen, aber der Schnitt war ausschließlich eine Frauendomäne bei der DEFA. Auch gab es viele Drehbuchautorinnen und Dramaturginnen, wodurch auch weibliche Themen in die in die gefilmten Geschichten einflossen. Und es gab mehr Regisseurinnen in den Studios für Dokumentar-, Animations- oder Lehrfilm, ganz zu schweigen von den Frauen, die für Maske und Kostüm zuständig waren oder den vielen hervorragenden und beliebten Schauspielerinnen. Im Bereich Spielfilmregie jedoch, allgemein als die wichtigste und prestigeträchtigste Disziplin angesehen, erwies sich die DEFA nicht als Ort der Chancengleichheit.
 
Als es nach dem Ende der DDR zu einer breiteren Rezeption von DEFA-Filmen im Westen kam, lag das Augenmerk vor allem auf männlichen Regisseuren und den in der DDR verbotenen Filme, die es endlich ans Licht zu bringen galt. Dagegen hat es wesentlich länger gedauert, bis die Arbeiten von Regisseurinnen zugänglich gemacht und wahrgenommen wurden. Die Retrospektive der diesjährigen Berlinale mit dem Titel Selbstbestimmt - Perspektiven von Filmemacherinnen (7.2. – 17.2.2019), kuratiert von Connie Betz und Karin Herbst-Meßlinger, brachte Filme von Frauen aus Ost- und Westdeutschland aus den Jahren 1968 bis 1999 zusammen und schärfte damit auch das Profil ostdeutscher Regisseurinnen. Darüber hinaus hat die parallele Veröffentlichung des Buches Sie, herausgegeben von Cornelia Klauß und Ralf Schenk, durch die Zusammenstellung von über 60 Porträts von DEFA-Regisseurinnen aus den verschiedensten Bereichen wesentliche Lücken geschlossen. Die in unserer kleinen Reihe gezeigten Spiel- und Dokumentarfilme können nur einen kleinen Ausschnitt aus diesem breiten Spektrum bieten. Es ist eine Gelegenheit, diese Filme zu sehen und zu genießen, in dem Bewusstsein, dass es noch viel mehr zu entdecken gibt.


Die in dieser Retrospektive gezeigten DCPs wurden durch die DEFA-Stiftung und den Distributionsservice der Deutschen Kinemathek - Museum für Film und Fernsehen in Berlin zur Verfügung gestellt.
Unser Dank richtet sich auch an Mirko Wiermann (DEFA-Stiftung) und Diana Kluge (Deutsche Kinemathek - Museum für Film und Fernsehen).