Jugendperspektiven Verschwendungssucht und schlechter Geschmack

Utopia in Progress
Utopia in Progress | Foto: Ilja Mess

20 junge Leute gestalten mit ihrer so bildlichen wie witzigen Sprache die Aufführung „Utopia in Progress“, die in Konstanz und Thessaloniki gezeigt wird. Da ist von Träumen die Rede, von Ängsten und Geld, aber auch von Politik. Maria Rigoutsou war bei der Uraufführung.

Was ist unsere Wahrheit? Wovor fürchten wir uns? Wovon träumen wir? Wer bist du, wer bin ich? Was bringt die Zukunft? Was weißt du von mir, was weiß ich von dir? Das sind nur ein paar der Fragen, mit denen sich 20 Jugendliche zwischen 16 und 24 aus Griechenland und Deutschland auseinandersetzten, um gemeinsam ein Theaterstück zu gestalten. „Utopia in Progress“ ist eine Koproduktion des Jungen Theaters Konstanz und des Staatstheaters von Nordgriechenland, unterstützt vom Goethe-Institut Thessaloniki. Sie ermöglichte den jungen Leuten, sich kennenzulernen, ein paar Wochen miteinander zu verbringen und in Konstanz/Thessaloniki zusammenzuarbeiten. Nach außen trat das Resultat dieser Begegnung Ende April 2014 als Uraufführung in Konstanz, der süddeutschen Stadtidylle - ein Event, das vor Lebendigkeit barst, vor Humor sprühte und keinen ungerührt ließ.

„Als Vorlage für das ganze Projekt diente das Stück „Die Vögel“ von Aristophanes, in dem die beiden Hauptfiguren einen idealen Staat einzurichten versuchen und deshalb zu den Vögeln gehen. Doch wir hatten nicht die Absicht, „Die Vögel“ zu inszenieren. Der Stoff war eher eine Art Instrument, um verschiedene Fragen zu formulieren. Diese Fragen stellten wir dann den Kids in Seminarsitzungen, woraus sich der Text der Aufführung ergab“, erklärt uns Anestis Azas, einer der beiden Regisseure.

„Utopie ist für mich die perfekte Liebe“, „Ihr Griechen gebt zu viel aus“, „Ihr Deutschen seid geizig und habt einen schlechten Geschmack. Ihr tragt etwa Sandalen mit Socken“. „Ich will stolz darauf sein, etwas aus eigenen Kräften zu schaffen, nicht einfach nur darauf, Griechin zu sein, was Zufall ist“. „Ich schäme mich für unsere Geschichte“. „Ich bin stolz darauf, Deutscher zu sein. Wir haben Goethe und Schiller“. Zwei Welten, zwei Gruppen stoßen aufeinander, mit all den Stereotypen und der ganzen Unterschiedlichkeit. Die nachwachsende Generation einer Gesellschaft, der es wirtschaftlich gut geht, im Gegensatz zu ihren Altersgenossen in einer Gesellschaft, die derzeit die Folgen jahrelanger politischer Fehlentscheidungen durchlebt. Anders gesagt: Die Kinder der Krise einerseits, die Kinder des Wohlstands andererseits.

Mythos und Wirklichkeit

Die Idee für dieses Projekt geht auf Sarit Streicher zurück: „Dafür gab es mehr als nur einen Grund. Das Konstanzer Theater hat dieses Jahr das Schwerpunktthema „Mythen, Märchen, Europa“. Ich nahm das als Herausforderung an, denn ich wollte unbedingt etwas zu Griechenland machen. Seit Jahren verfolge ich die dortige Entwicklung, fahre oft hin und habe sämtliche gegenseitigen Vorurteile kennengelernt, die auf dem Hintergrund der Sparpolitik und der Wirtschaftskrise laut geworden sind. Daher sprach ich mit der künstlerischen Leitung des Konstanzer Theaters darüber, etwas über Griechenland und vor allem mit jungen Leuten von dort zu machen“. 

Nicht alle beteiligten Jugendlichen sind angehende oder ausgebildete Schauspieler. Das machte die Arbeit für Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris, die beiden Regisseure, alles andere als leicht. Alle Beteiligten hatten jedoch etwas zu berichten. Einige sprachen von der Identitätskrise, die sich einstellt, wenn man in einem Land lebt, aus dem die eigenen Eltern nicht stammen. Da wird zu Hause eine andere Sprache gesprochen als draußen mit den Freunden. Oft bedeutet die gemeinsame Familiensprache nicht unbedingt auch gemeinsame Ansichten. Das gilt für Griechen so gut wie für Deutsche. Wie erzählt man etwa den Eltern, dass man Schauspieler werden will? Wie von der Beziehung zu einem Türken? „Papa, ich bin homosexuell“, gibt ein junger Mann auf der Bühne zu. 

Spontan, vital, unmittelbar: Die jungen Leute redeten nicht um den heißen Brei herum. Was einige der Eltern sagten, ließ ebenfalls niemanden kalt. Auf einer Großleinwand an der hinteren Bühnenwand waren Auszüge aus Interviews mit einigen von ihnen zu sehen. Was würden sie anders machen, wenn sie könnten? „Alles“, war eine von Lachen begleitete Antwort, ergänzt von der Bemerkung: „Ich hätte lieber, dass meine Tochter mit ihrer Arbeit Geld verdient, anstatt mich zu interviewen“.

Ein Stück, das keine Antworten gibt, sondern Fragen stellt

Die Dynamik dieses Stücks ist kaum zu beschreiben. Dichte Textteile wechseln sich ab mit lauter Musik und Tanz. Letztlich setzt sich gegen sämtliche Unterschiede durch, was alle Beteiligten vereint: Jugend, Energie, Lebensfreude. Faschismus und rechtsradikale Phänomene der Gegenwart gehen diese jungen Leute ironisch an, etwa mit Kommentaren darüber, was sie selbst in der Diktatorenrolle wohl alles anpackten. Eine würden alle Frauen umbringen, die weniger als 55 kg wiegen, eine andere die Rente für ehemalige Parlamentarier auf 300 Euro pro Monat drücken. Am Ende kommt auch das Publikum buchstäblich ins Spiel. Es beteiligt sich, lacht, klatscht ständig. Prodromos Tsinikoris sagt zum Finale der Aufführung: „Was Fabiano äußert: dass er sich nicht mit Politik befasst, weil er mit seinem Leben zufrieden ist, die Zeitung liest und sie dann liegen lässt und Kopfweh kriegt, wenn man ständig über Politik und unser Leben diskutiert, darüber, was falsch und richtig ist; dass unser Leben in Zyklen verläuft und es dann jäh dunkel wird auf der Bühne – das ist für mich ein Ende mit selbstgewähltem Fragezeichen“.