Thomas Ostermeier im Gespräch Wohin man heute auch reist

Thomas Ostermeier
Thomas Ostermeier | Foto: Paolo Pellegrin

Der künstlerische Leiter der Berliner Schaubühne zählt zu den erfolgreichsten europäischen Regisseuren unserer Zeit. Heute Mitte vierzig, galt er zu Beginn seiner Laufbahn als die große Überraschung des deutschen Theaters. Mutig, beharrlich, visionär, ist er dem Publikum des Festivals Athen/Epidaurus aus früheren Gastspielen durchaus vertraut. Dieses Jahr brachte er die Inszenierung von Ipsens „Ein Volksfeind“ mit, dessen Protagonist, der Arzt Stockmann, mit irritierendem Nachdruck seine Stimme erhebt und als rechter Störfaktor die Kreise politischer Korruption aufzumischen versucht. Katerina Ikonomakou traf den Regisseur vor der Aufführung in Athen.

Katerina Ikonomakou: Dass ausgerechnet diese Inszenierung der Schaubühne jetzt in Athen gezeigt wird, ist sicher nicht nur für die Athener von hoher Brisanz, sondern auch für das Team der Aufführung selbst, nicht wahr?

Thomas Ostermeier: Wir waren schon oft hier, auch in Epidaurus, zu Zeiten, wo die Spannungen wegen der Krise besonders stark waren: mit ständigen Demonstrationen und Protesten, Feindbilder in den Medien, die die Fakten verdreht darstellten und aggressiv über Deutsche redeten. Wir jedenfalls hatten nie auch nur das geringste Problem. Immer fühlten wir uns aufgehoben in einem Klima des Vertrauens zwischen uns und dem Publikum, das zu den Aufführungen kam. Wohin man heute auch reist, um dieses Stück so inszeniert zu zeigen - die Verhältnisse machen es überall hochaktuell. Wir haben es mit einer weltweiten Krise des Kapitalismus zu tun. In den meisten Ländern, in denen wir gastieren, nehmen wir Facetten dieser Weltkrise wahr. Für uns ist das natürlich deprimierend, zugleich aber auch eine Bestätigung, dass wir mit dieser Aufführung einen empfindlichen Nerv getroffen haben.

Was ich in Athen nicht antreffen möchte, ist diese naive Meinung, dass „die Deutschen an unserem Zustand schuld“ sind. Denn ich bin der Überzeugung, dass es keine Unterscheidungen zwischen Völkern gibt, sondern nur zwischen Reichen und Armen. Kann sein, dass die Reichen und Mächtigen in Deutschland die Griechen in große Schwierigkeiten gebracht haben, dasselbe gilt aber auch für die Reichen und Mächtigen Griechenlands. Die verhalten sich ihren eigenen Leuten gegenüber gar nicht fair. Wir reden also nicht von Nationen, sondern von unterschiedlichen Klassen. Deshalb hoffe ich, dass wir bei der Diskussion mit dem griechischen Publikum nicht zu hören kriegen, dass etwa wir Deutsche an allem schuld sind. Abgesehen davon bin ich persönlich alles andere als zufrieden mit der Regierung meines Landes, auch nicht mit der Art und Weise, wie in Deutschland die Kluft zwischen Arm und Reich immer breiter wird. Dieses Gefühl der Unzufriedenheit bezieht sich auch auf die Vorgängerregierung mit den Sozialdemokraten.

Möchten Sie, dass Ihre Inszenierungen sich positionieren und eine klare Meinung zu Fragen äußern, die in den jeweiligen Stücken thematisiert werden?

Als Bürger und Person habe ich glasklare Meinungen. Die bringe ich aber nie auf die Bühne. Denn Theater befasst sich nicht mit bestimmten politischen Positionen oder Botschaften. Die Dramaturgie zeigt uns, wie häufig trotz aller Auseinandersetzungen beide Seiten recht haben können. Was nun den „Volksfeind“ angeht, sind beide Seiten – die des Bürgermeisters so gut wie seines Bruders – nachvollziehbar. Die Dinge sind keineswegs eindeutig: Mag sein, dass der Arzt Stockmann sich letzten Endes fürs Geld entscheidet statt dafür, um die Wahrheit zu kämpfen. Im Stück, in der Inszenierung geht es nicht darum, wer recht hat und wer nicht, sondern, wie jeder von uns sich Zwangslagen stellt – und mit unseren Grenzen umgeht.

„Ein Volksfeind“ ist auch die Geschichte zweier Brüder. Oft haben wir von Ihnen gehört, dass die Familie, wie sie von uns gelebt und reproduziert wird, die Wurzel zahlreicher Übel unserer Gesellschaft bildet. Was genau meinen Sie damit?

Abgesehen davon, was uns Freud gelehrt hat, kann man über die Familie in der heutigen Form wohl sagen, dass vor allem Frauen sich mit Diskriminierungen jeden Typs herumschlagen. Wenn eine Frau Kinder kriegt, beginnen die Probleme in ihrem Job. In Deutschland geben, glaube ich, 70 % der Frauen ihre Arbeit auf, wenn sie ein zweites oder drittes Kind kriegen. Die Folge davon: Sie sind wirtschaftlich von ihren Männern abhängig und so wird das Gleichgewicht einer Beziehung gestört. Frauen, deren Kreativität sich in der Kindererziehung erschöpft, empfinden Unbehagen. Sie betrachten die Kinder als Ergebnis ihrer Anstrengungen statt vielmehr als eigene, unabhängige Persönlichkeiten, was nicht nur Probleme in der freien Entwicklung junger Menschen zur Folge haben kann. So wachsen Ärger und Depression, ja Wut innerhalb der Familien. Es gibt auch Menschen, von denen man sagen kann, sie sind in die falsche Familie geboren worden und es wäre besser, andere Eltern hätten sie aufgezogen.

Generell kann man sagen, dass dieses traditionelle Familienmuster, in dem wir groß werden und das wir reproduzieren – in Deutschland deutlicher als etwa in Frankreich oder den skandinavischen Ländern – ein Bereich ist, der Groll und Schmerz begünstigt. Dann haben wir noch all diese Scheinheiligkeit rund um die Monogamie. Die Ehe hat man sich vermutlich ausgedacht, um männliches Eigentum zu schützen, d.h. sich zu vergewissern, dass das Kind der Liebespartnerin einen bestimmbaren Vater hat und der Besitz entsprechend vererbt werden kann.

Was meinen Sie: Bestehen überhaupt Aussichten, diesem Modell zu entrinnen?

Natürlich! Haben wir das nicht bereits getan? Alle führen wir ein Leben, das nicht zu diesen Vorgaben passt. Die meisten von uns haben Eltern, die auch außereheliche Beziehungen führten, wir selbst haben wechselnde Lebensgefährten. Bemerkenswert: Oft ist die Beziehung zu einem Freund tiefer und ehrlicher als zu unserer Familie. Diese Lebensform ist von uns selbst bereits überwunden worden, nur wollen wir es nicht wahrhaben.

Die Fragen stellte Katerina Ikonomakou.

Gekürzte Fassung der Erstveröffentlichung im Festivalmagazin EΦ 34.