Heiner Müller Grandiose Diktion, radikale Vision, Politik im Blickfeld

Heiner Müller
4.11.89 Berlin: Demonstration - 500.000 Bürger beteiligten sich an einer Demonstration für den Inhalt der Artikel 27 und 28 der Verfassung der DDR. Auf dem anschließenden Meeting auf dem Alexanderplatz ergriff auch der Dramatiker Heiner Müller das Wort. | © Bundesarchiv, Bild 183-1989-1104-047 / Link, Hubert / CC-BY-SA 3.0

Der Autor lebte im Osten Deutschlands, doch seine Stücke wurden vor allem im Westen aufgeführt. Die deutsche Wiedervereinigung war für Heiner Müller nur das Startzeichen für die nunmehr ungezügelte Kraft des Kapitals, und dem zerfallenden Monstrum des realen Sozialismus galt im Rückblick wenig mehr als nur Zynismus. Ein Gespräch über den legendären Theaterautor zum 20. Todestag mit seiner griechischen Übersetzerin Eleni Varopoulou.

Frau Varopoulou, wieso muss es die Texte von Heiner Müller auf Griechisch geben? Was hat er dem griechischen Theaterpublikum zu sagen?
 
Neben Kafka, Brecht oder Beckett gehört Heiner Müller zu den wichtigsten Stimmen der modernen europäischen Literatur, wobei gerade seine Theatersprache auf den Bühnen der Gegenwart einen ganz besonderen Stellenwert hat. Durch diese Sprache und eine Poetik, in der Form höchst avanciert, zieht sich als roter Faden der Blick auf die antike griechische Welt und deren Tragiker, aber auch auf den modernen Dichter Konstantinos Kavafis. Beim Übersetzen der Müller´schen Texte empfand ich eine tiefe Verwandtschaft zwischen dem Griechischen und dem Deutschen, hauptsächlich bei der Suche nach Äquivalenzen in Rhythmus, in der Lakonik und expressiven Dichte, aber auch beim philosophischen Satzhorizont. Es wäre geradezu fahrlässig, wenn die Leser und das Theaterpublikum in Griechenland nichts über so einen Autor erfahren würden. Umso mehr, als er, auf den Spuren von Brecht, eine grandiose Diktion mit einer radikalen Vision fürs Theater verbindet und dabei die Politik im Blickfeld behält.
Wenn ich darauf antworten soll, was „er zu sagen hat“, fällt mir spontan Walter Benjamin ein, von dem der Satz stammt: „Was ‚sagt’ denn eine Dichtung? Was teilt sie mit? Sehr wenig dem, der sie versteht.“ Müller schrieb hermetische Texte mit prismatischer Wirkung. Er verabscheute, was mühelos herunterlesbar war und positive Botschaften verteilte. Die von ihm aufgerollten Thematiken: Gewalt und Geschichte, Krieg und Revolution, Faschismus und Terror können an heutige Leser und Zuschauer im Theater nur über ihre inneren Widersprüche und nur als unerbittliche Fragen herangetragen werden.
 
Wie würde eine griechische Heldenfigur in einem Müller-Stück heute handeln?
 
Abgesehen davon, dass Heiner Müller unvorhersehbar war, hat er das Konzept des Helden und der Handlung dekonstruiert. Von den antiken Autoren hat er die tragischen Figuren im Moment ihres Falls übernommen, den Augenblick ihrer Blendung und Ermattung; er wollte in seinen Bearbeitungen dieser Stoffe die Protagonisten nicht als im traditionellen Sinn handelnde Personen zeigen, sondern als reagierende und kommentierende.
 
Mit welchen Themen würde sich Heiner Müller im Jahr 2015 befassen, 25 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung, 14 Jahre nach dem 11. September, im Jahr der Zerstörung des antiken Palmyra und der jüngsten Pariser Terroranschläge?
 
Müller thematisierte in seinen Werken nie erschütternde Tagesereignisse. Er verwies gern auf Shakespeare, bei dem die seinerzeit wichtigste Begebenheit, die Niederlage der spanischen Armada, nie als dramatisches Material verwendet wurde. Müllers Theater geht anders mit der Aktualität um: Es befasst sich mit den Konflikten, aus denen heraus solche Fakten entstehen oder geschürt werden, des Weiteren mit dem Nährboden der großen politischen und gesellschaftlichen Probleme. Doch der Intellektuelle und politisch hellhörige Denker Müller, der stets Stellung zur Zeitgeschichte nahm, würde es sich nicht entgehen lassen, auf seine eigene, „abweichende“ Weise zu intervenieren und Ereignisse in Gedichten, Interviews und Gesprächen zu kommentieren. Diese seine Kommentare, die ihresgleichen suchen, waren oft gegen den Strich des Mainstreams im öffentlichen Diskurs gebürstet, brachten unbequeme Wahrheiten zur Sprache und die nicht ganz makellosen Seiten der politischen Vorgänge ans Licht.
 
Worauf verweist Heiner Müller, wenn er sagt: „Kunst aber stammt aus und wurzelt in der Kommunikation mit den Toten“? 
 
Dieser Satz von Müller in dessen üblicher Abwandlung als „Dialog mit den Toten“ erscheint wiederholt in unterschiedlichen Kontexten seines Werks. Es geht um die grundsätzliche Feststellung, dass jede Kunst aus der Tradition entsteht und mit ihr kommuniziert, doch irgendwann Einwände gegen sie geltend macht, da sie ihrer Geschichte und ihren Toten etwas entgegenstellt. Müller meint hier aber noch etwas anderes: Dass nämlich die Kunst mit denjenigen Toten kommuniziert, die Opfer der Geschichte waren, die historisch scheiterten und unterlagen, die das, was sie als  Aufgabe oder Auftrag wahrnahmen, nicht vollendeten oder nicht verwirklichen konnten. Daher versuchte er als „Archäologe“ immer wieder, jene historische Zukunft auszugraben, die man verscharrt hatte. Den kapitalistischen Gesellschaften von heute und der globalisierten Kultur stand er kritisch gegenüber, weil sie nicht den Blick auf die Zukunft erschließen und gleichzeitig der Gegenwart so sehr Vorschub leisten, dass die Vergangenheit dem Bewusstsein entgleitet, gar von ihm verstoßen wird. Auf seine lakonische Art hat er das so zusammengefasst: „Keine Vergangenheit ohne Zukunft“.
 
Können Sie nachvollziehen, dass Heiner Müller meinte, der Text im Theater habe noch immer nicht seine Rolle gefunden?
 
Ja, das kann ich, genau wie alle, die die Entwicklungen im heutigen Theater verfolgen und zugleich Müllers Blickwinkel darauf begreifen. Viele aktuelle Tendenzen des Theaters zeichnen sich durch eine Verschiebung des dramatischen Textes aus. Das kann etwa eine Auflösung der Sprache sein oder auch die Entscheidung, andere Elemente und Verfahren in den Mittelpunkt der Aufführung zu stellen. Zugleich wird Theater in der herkömmlichen Form fortgeführt, mit Rollen und Schauspielerpersönlichkeiten, den altbekannten Rahmenbedingungen. In diesem Engpass gestaltete Heiner Müller einen literarischen Text, der im Theater nicht unbedingt als Rollentext für gleich welchen Schauspieler verwendet wird. Seine Vision ging auf ein „Theater ohne Protagonisten“, in dem der Text, postdramatisch und offen, demjenigen gegenüber, der ihn äußert, ganz und gar seine Autonomie wahrt und als Dichter-„Wort“ den Zuschauer erreicht.