Deutsch-Griechische Geschichte Hans Löber – ein unerwarteter Beschützer

Martin Bretschneider in der Rolle des Hans Löber
Martin Bretschneider in der Rolle des Hans Löber | © surreart/Giorgos Symeonidis

Eine wahre Begebenheit während des Zweiten Weltkriegs auf der griechischen Insel Milos bildete die Grundlage für die Theateraufführung HANS (ΧΑΝΣ – Μέσα στο Ένα το Πολύ). Das griechisch-deutsche Ensemble und ein deutschsprachiger Hauptdarsteller, der eigens für die Rolle Griechisch lernte, haben die Geschichte neu beleuchtet und auf mehreren Ebenen mitreißend auf die Bühne gebracht.

Als der deutsche Arzt Hans Löber 1943 auf die griechische Insel Milos versetzt wurde, konnte er sich nicht vorstellen, dass dieser Ort bald sein „Inselchen“ werden würde, wie er Milos später in ausführlichen Briefen an seine Frau bezeichnete. Kurz nach seiner Ankunft auf Milos hätte er nicht daran zu denken gewagt, dass ihm die Bewohner der Insel für seine lebensrettenden Behandlungen und Operationen auch 70 Jahre später noch dankbar sein würden. Am meisten hätte ihn wohl die Tatsache überrascht, dass seine eigene widersprüchliche Geschichte während der deutschen Besatzungszeit in Griechenland Künstler der nachfolgenden Generation inspirieren und das Publikum zutiefst bewegen würde.

Hans Löber Hans Löber | © Dr. Hans-Georg Löber Als die Initiatorin und Regisseurin des Stücks, Elissavet Hasse, die insgesamt 57 Briefe von Hans Löber an seine Frau in Deutschland gelesen hatte, stand ihre Entscheidung fest: Die dunkle Facette der offiziellen Geschichte um Löber musste bekannt gemacht werden. „Ich dachte sofort daran, dass es sich lohnen würde, die Geschichte für das Theater zu adaptieren“, erzählt die griechische Regisseurin, die in Köln lebt und arbeitet. In den letzten Jahren realisiert sie federführend das mehrteilige Projekt Deine Geschichte, das sich künstlerisch mit autobiographischen Geschichten und Zeugenberichten aus Griechenland zur Zeit der deutschen Besatzung auseinandersetzt und vom Auswärtigen Amt mit Mitteln des Deutsch-Griechischen Zukunftsfonds finanziert wird.

Hasses Ziel war es, mithilfe ihrer Kunst die mannigfaltige Persönlichkeit eines Menschen zu präsentieren, der Grenzen überschritt und sich aufgrund seines Berufes und seiner medizinischen Kenntnisse vom deutschen Besatzer zum Beschützer der Bewohner von Milos entwickelte. „Es war genau diese Widersprüchlichkeit, die mich enorm gereizt hat“, erläutert Hasse. „Er übte den Beruf des Mediziners aus, knüpfte freundschaftliche Beziehungen zu den Einheimischen, ergriff verschiedene Initiativen und plante, sich nach dem Krieg zusammen mit seiner Familie auf Milos niederzulassen“, fügt Hasse hinzu.

Die Vor-Ort-Recherche auf Milos

Gemeinsam mit dem Theaterautor Jürgen Himmelsbach reiste Hasse im vergangenen Sommer nach Milos. Dort bot sich ihnen die Gelegenheit, mit Zeitzeugen zu sprechen und zu verifizieren, was ihnen aus den Briefen und den offiziellen Archivunterlagen bereits bekannt war. „Im Gespräch mit acht betagten Zeitzeugen erhielt ich die Bestätigung für die guten Beziehungen, die Löber zu den Insulanern unterhielt.
Zudem erfuhr ich, dass der deutsche Mediziner jede Woche am festlich gedeckten Tisch einer einheimischen Familie saß“, schildert Hasse. „Man teilte uns auch mit, dass es sich wohl um einen außergewöhnlich schönen Mann handelte.“

Hans als Mensch, nicht als Held

Zumal das Bühnenwerk, das im ausverkauften Theatersaal des Kunst- und Medienzentrums BIOS im Zentrum von Athen zur Aufführung kam zwar auf historischen Dokumenten beruhte, zugleich aber auch etliche fiktive Elemente enthielt. Die Handlung entfaltet sich im Wesentlichen auf den drei Bewusstseinsebenen nach Freud: dem Ich, dem Über-Ich und dem Es. Parallel zu seiner intensiven Tätigkeit als Arzt gerät Hans mit seinem Gewissen in Konflikt. Wobei er nicht nur gegenüber der griechischen Seite Rechenschaft ablegen muss, sondern auch gegenüber der deutschen Seite – die auf der Bühne in Gestalt seiner Eltern symbolisiert wird, die ihn daran erinnern, was er ihrer Ansicht nach seinem Vaterland, Deutschland, schuldig ist. Die Absicht der Theatermacher bestand mitnichten darin, ihn auf der Bühne als Helden zu stilisieren, vielmehr wollten sie ihn als Menschen mit all seinen Gefühlen und Widersprüchen darstellen.
 
  • Impressionen der Aufführung © surreart/Giorgos Symeonidis
  • Impressionen der Aufführung © surreart/Giorgos Symeonidis
  • Impressionen der Aufführung © surreart/Giorgos Symeonidis
  • Impressionen der Aufführung © surreart/Giorgos Symeonidis
  • Impressionen der Aufführung © surreart/Giorgos Symeonidis
  • Impressionen der Aufführung © surreart/Giorgos Symeonidis
  • Impressionen der Aufführung © surreart/Giorgos Symeonidis
„Löber war ein Mensch mit einem Hang zum Perfektionismus. Alles, was er machte, wollte er gut machen. Diese Einstellung schlägt sich auf verschiedenen Ebenen nieder“, merkt der Bühnenautor Jürgen Himmelsbach an. „Gut“ bedeutete demzufolge für ihn, seine Mission zu vollenden und alles was er anpackte, wie zum Beispiel die medizinische Versorgung seiner Mitmenschen, zu einem erfolgreichen Ende zu führen.“ Allerdings fasst er den Entschluss die Pflichten, die aus seiner militärischen Funktion entspringen, bewusst zu überschreiten. „Er besaß die Fähigkeit, eigenverantwortlich Entscheidungen zu fällen, eine für jeden Arzt geradezu unabdingbare Begabung, zumal er sich darüber im Klaren war, dass sein Handeln bedeutende Auswirkungen auf andere hatte und dieses Bewusstsein verlieh ihm Kraft.“, fügt Himmelsbach hinzu.

Die psychoanalytische Dimension des Werks

Einmal wird Hans aufgefordert, seinen deutschen Eltern, die einen Verräter in ihm sehen, Rede und Antwort zu stehen. „Seine dramaturgische Zuspitzung erfährt das Stück im Augenblick der Konfrontation mit den Eltern, wenn also das Äußere mit dem Inneren, mit unserer Herkunft, unseren Erzeugern zusammenstößt.“ In dieser Szene kommen fundamentale Erkenntnisse der Psychoanalyse zum Vorschein. Himmelsbach erklärt, dass „die Psychoanalyse dem Unsichtbaren und Unausgesprochenen einen Umriss verleiht, allerdings begegnen wir solchen Vorgehensweisen schon lange, bevor Freud mit seiner Theorie auf den Plan trat.“ In der antiken Tragödie ist es der Chor, der die Handlung voran und Akteure wie Zuschauer der Katharsis entgegen treibt. Dadurch übernimmt der Chor eine entsprechende psychoanalytische Funktion. Für viele Zuschauer erinnerte der Aufbau von ΗΑΝS an die Struktur der griechischen Tragödie, wird doch auch hier der Held, nachdem er wiederholt mit allen Seiten seine Klingen kreuzt, der Katharsis zugeführt, die im konkreten Fall mit einem von elektronischer Musik begleitenden befreienden Tanz des 33-jährigen Arztes besiegelt ist.

Eine innige UND erkenntnisreiche Zeit während der Proben

„Die Vorbereitung der Aufführung war eine einzigartige Erfahrung“ unterstreicht die griechische Schauspielerin Eftychia Lyvaniou. Zehn Tage lang wohnten die Mitwirkenden – zwei griechische und ein deutscher Schauspieler, der Autor und die Regisseurin – gemeinsam unter einem Dach in Köln. „Wir wachten auf, frühstückten zusammen, machten unsere Proben und unterhielten uns bis in den späten Abend hinein über einzelne Details der Aufführung“, ergänzt der Schauspieler Jannis Nikolaou. Für ihn markierte die ständige Präsenz des Autors während der Proben eine völlig neuartige Erfahrung. „In Griechenland übergibt der Autor in aller Regel dem Ensemble seinen Text und überlässt ihn fortan seinem Schicksal“, erzählt Nikolaou.

Eftychia Lyvaniou, Jannis Nikolaou und Martin Bretschneider Eftychia Lyvaniou, Jannis Nikolaou und Martin Bretschneider | © Elissavet Hasse Für Lyvaniou, war diese Form der Koexistenz von mehrfachem Nutzen: „Wir sind fünf Menschen, die sich vorher nicht kannten und einen unterschiedlichen Hintergrund haben, doch wir gehören alle derselben Generation an und weisen daher dieselbe zeitliche Distanz zu den historischen Ereignissen auf“ sagt sie. „Wir näherten uns ihnen auf Grundlage der gemeinsamen Einsicht an, dass es im Krieg weder Sieger noch Besiegte gibt.“

Die beiden griechischen Schauspieler Lyvaniou und Nikolaou waren außerdem beeindruckt von ihrem deutschen Kollegen Martin Bretschneider, denn er hat eigens für die Rolle des Hans Löber Griechisch gelernt. „Ich arbeitete in Berlin fünf Wochen lang an dem Text, zusammen mit einer griechischen Linguistin und Dramaturgin.“

Das Resultat von Bretschneiders Bemühungen war berührend: Er gab seinen Text fehlerfrei wieder und bewahrte sich doch einen Akzent, durch den der Zuschauer diskret daran erinnert wurde, dass der Protagonist doch auch fremd in seiner Umgebung war.

Die Verantwortung des Künstlers

„Ich war mir der Verantwortung bewusst, die ich mit der Annahme der Rolle eines deutschen Militärs dem griechischen Publikum gegenüber übernommen hatte“, gesteht Bretschneider. „Ich habe sowohl Distomo als auch Kalavryta (beides Schauplätze von Massakern der Wehrmacht während der Besatzungszeit) besucht und bin in Gesprächen mit Überlebenden der tiefen Wunden gewahr geworden, die die Wehrmacht in Griechenland aufgerissen hatte. Deshalb ist es umso wichtiger, sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen“, schlussfolgert er. Nichtsdestotrotz stellte die Inszenierung die Aktualität und Universalität des Stoffes unter Beweis, stehen doch auch wir oft vor ähnlichen Zwangslagen, in denen einst Hans Löber steckte. „Wer weiß, für welches Thema wir der kommenden Generation gegenüber Rechenschaft ablegen müssen?“, fragt sich Bretschneider in der Garderobe. „Im Verhältnis zur damaligen Zeit nehmen wir auch heute viel Übel einfach so hin.“