Kreativwirtschaft in Thessaloniki Das Gegengift zur Krise?

Die Design-Ausstellung „Made in Thessaloniki“ im Stuttgarter Rathaus
Die Design-Ausstellung „Made in Thessaloniki“ im Stuttgarter Rathaus | Foto: Giorgos Toulas

In der nordgriechischen Metropole gibt es erneut eine Reihe von Initiativen, die sich hauptsächlich mit der Kreativwirtschaft und der Entwicklung neuer Denk-, Arbeits- und Kooperationsformen befassen. Der Kulturjournalist Giorgos Toulas berichtet von ihrer Entstehung und denkt über ihre Perspektiven nach.

Nicht nur in den letzten Krisenjahren musste die Stadt Thessaloniki stark unter der Rezession leiden; schon vor 20 Jahren machte sich im Zusammenhang mit den Konflikten und Kriegen im Balkan ein Rückgang der Wirtschaftskraft bemerkbar, in dessen Folge Industriezone und Hafen verödeten und der Tourismus zurückging. Zahlreiche Fabrikationsstätten wurden geschlossen, und ein Großteil des Arbeitskräftepotenzials orientierte sich notgedrungen anderswohin. Auch die dortige Kreativwirtschaft, die sich rasant entwickelt hatte, blieb davon keineswegs unberührt. Zu ihrem sichtlichen Niedergang trug auch die Migration vieler junger Menschen in Länder mit besseren Berufschancen bei.

Das war nicht immer so: In den 1980er-Jahren erlebte Thessaloniki einen einzigartigen Aufschwung der Musikindustrie. Plattenfirmen brachten einen Hauptteil der alternativen griechischen Produktion heraus und promoteten die junge Szene des Landes. In Thessaloniki begannen einige der wichtigsten innovativen Musiker, unter anderem etwa die Rockbands Trypes (Löcher) und Xylina Spathia (Holzschwerter) oder die Sänger Nikos Papazoglou und Sokratis Malamas ihre Karriere. Für die Einrichtung des ersten griechischen Design-Museums in Thessaloniki sorgte dessen Mentor Stergios Delialis. Ende der 1980er-Jahre gab es dort eine eindrucksvolle Biennale junger Kreativer. Damals wurden einige der besten Grafikdesign-Studios des Landes eröffnet. Diese einmalige Blüte hielt jedoch nicht lange an. Die Jugoslawien-Kriege, das damit verbundene Embargo sowie die Verkehrsbeschränkungen für Thessaloniki, aber auch der Fall der Berliner Mauer und die entstehenden Billigmärkte der Balkanländer, in die dann viele nordgriechische Firmen ihren Sitz und ihre Produktion verlegten, nicht zu vergessen die griechische Binnenmigration nach Athen, wo die Konzentration von Kapital und Investitionen in den Folgejahren als einziger Ausweg erschien – all dies führte dazu, dass Thessaloniki schrumpfte und langsam verfiel.

Kreativwirtschaft gegen Krisenklima

Doch es gibt in den letzten Jahren – gleichsam als Gegengift zur Krise – eine Reihe von Initiativen, um dem abweisenden Klima, das vor allem jungen Leuten im beruflichen und sozialen Bereich entgegenschlägt, die Stirn zu bieten.

Diese Initiativen sind hauptsächlich auf die Kreativwirtschaft und die Entwicklung neuer Denk-, Arbeits- und Kooperationsformen bezogen. Teils handelt es sich um Versuche vereinzelter kreativer Kräfte, aber auch um gemeinschaftliche Ansätze, mittels derer die Konzepte und produzierten Ergebnisse verbreitet werden. Zu nennen wären u.a. aus jungen und erfahrenen Fotografen gebildete Teams, wie etwa die aus 150 Leuten bestehende Gruppe Stereosis, oder Gemeinschaftsprojekte im Foto- und Grafikdesign-Bereich, die an großen Wettbewerben teilnehmen und international ausgezeichnet werden (etwa Beetroot, Dolphins, Designers United), aber auch Industriedesigner wie Thanassis Babalis oder Jannis Kalogiannidis, deren Arbeiten für griechische Firmen internationale Preise erhalten. Ganze Stadtviertel haben sich verwandelt, wie etwa das historische Zentrum von Thessaloniki, wo sich kleine Einheiten mit neuer kreativwirtschaftlicher Nutzung niedergelassen haben. Das Gebiet um die Valaoritou-Straße etwa ist voll von kleinen Geschäften und Büros, die in den letzten Jahren dort aufgemacht haben.

Eine neue Realität im „Anderen Thessaloniki“

Eine neue Realität entsteht, unterstützt etwa von Aktionen wie „Thessaloniki Allios“ (Thessaloniki Anders) der Zeitschrift „Parallaxi“. Diese Plattform versucht, die Arbeit der Kreativen nach außen zu tragen und sie lokal, aber auch international zu zeigen, wie kürzlich bei einer Ausstellung im Stuttgarter Rathaus. Als Format bieten sich außer Ausstellungen auch Workshops an, bei denen die Kreativen mit Vertretern der Industrie zusammenkommen und über die Zukunft der städtischen Kreativwirtschaft diskutieren. „Made in Thessaloniki“, ein großes Festival für Design und Architektur wird von „Parallaxi“ und dem Goethe-Institut Thessaloniki veranstaltet. Es trug vom ersten Augenblick an wichtige Impulse in die Szene und deren Öffentlichkeitswirkung und führte zu einem bisher nie gekannten Publikumsinteresse für Ausstellungen, Modenschauen, Workshops, aber auch für die Umwidmung öffentlicher, bisher vernachlässigter und aufgegebener Räume, für kreative Interventionen bei Denkmälern, Brücken, Kinderspielplätzen oder anderen Orten. Dies alles hat dazu beigetragen, dass die Thessaloniker nun aufmerksamer wahrnehmen, was Kreativwirtschaft eigentlich macht und was sie für die Stadt bedeuten könnte.

Aber auch Tagungen der verschiedenen Institutionen, Universitäten, Einladungen von Referenten aus dem Ausland, die Erfahrung und Knowhow vermitteln, und Ausschreibungen mit anschließender Preisvergabe schaffen ein Klima der optimistischen Hoffnung auf Entwicklung einer städtischen Kreativwirtschaft, sei es auch im kleinen Maßstab.

Was nun ansteht, ist die Koordination sämtlicher Ansätze und Alleingänge der Szene. Auch müssen sie kommuniziert werden, sowohl innerhalb als auch außerhalb Griechenlands, um für Touristen ein Anziehungspunkt und für die Geschäftswelt eine Branche zu sein, deren Kreativitätspotenzial man auf produktive Weise nutzen kann. Ausstellungen und Designerwochen, fürs Ausland konfektioniert, und Vernetzung der Produktion mit dem Design: dies bildet die Agenda für die Entwicklung der Kreativwirtschaft in Thessaloniki.