Bruno Gross in Thessaloniki "Europa ist ein wunderschönes Mosaik, ein Palimpsest"

Bruno Gross in Thessaloniki
Bruno Gross in Thessaloniki | Foto: Ingo Dünnebier/ Goethe-Institut Athen

Bruno Gross, Kaufmännischer Leiter des Goethe-Instituts, besuchte Thessaloniki im Rahmen des ArtecityA-Projekts und sprach mit der Journalistin Margarita Pournara über Deutschland in Europa und den Geist der Kooperation

In Zeiten, in denen das deutsch-griechische Verhältnis durch aktuelle Auseinandersetzungen und die Last der Geschichte auf die Probe gestellt wird, gibt es immer wieder Menschen, die uns mit Milde und Würde daran erinnern, dass die beiden Völker doch nicht so vieles trennt, wie oft behauptet wird.
Bruno Gross, der kaufmännische Direktor und Vorstand des Goethe-Instituts, reiste im Februar nach Griechenland, um bei der Auftaktveranstaltung des europäischen Kulturprojekts ArtecityA in Thessaloniki zu sprechen. Es handelt sich um ein Projekt, das acht europäische Städte mit dem Ziel zusammenbringt, Kunst als Katalysator für sozialen und politischen Wandel zu nutzen.

1969 geboren, übernahm der studierte und renommierte Naturwissenschaftler 2011 seine derzeitige Funktion für das Goethe-Institut und hat seither, dank der mehreren hundert Zweigstellen weltweit, einen wirklich internationalen Erfahrungsschatz in Sachen Bildung und Kultur angesammelt. Ob er an die Macht der Kulturdiplomatie glaubt? Ob seiner Meinung nach Kultur als eine Art „Klebstoff“ wirken könnte, der die Risse auf europäischer Ebene schließt? Darauf antwortet er: „In jedem Fall haben europäische Politiker in den letzten Jahren realisiert, dass der Weg zu einem Gefühl der Zusammengehörigkeit nicht nur über das Feld der Politik und der Wirtschaft, sondern auch über die gemeinsame Geschichte und die gemeinsamen Werte zu schaffen ist. Unterschiede und Missverständnisse zwischen den Völkern sind vollkommen natürlich, sie sollten uns nicht einschüchtern. Ganz im Gegenteil, sie sind der Treibstoff, der uns nach vorne bringen sollte, zu einem klischeefreien Europa, wo jeder seinen einzigartigen, gleichwertigen Platz hat. Wir müssen dringend herausfinden, was uns verbindet und dies durch unser Handeln kommunizieren, das die Bürger selbst - und nicht die Machtpolitiker- als Ausgangspunkt hat. Eines darf man dabei nicht vergessen: Wenn man von der europäischen Integration auf europäischer Ebene spricht, spricht man sicherlich nicht von Vernichtung der Diversität oder von einem Trichter, der alles schluckt und ein homogenisiertes Produkt erzeugt. Europa ist ein wunderschönes Mosaik, ein Palimpsest, das all diese Völker zusammengebracht und zu einer großen Familie verbunden hat. Unser Reichtum liegt in unserer kulturellen Identität“.

Geist der Kooperation

Ich erliege der Versuchung, eine schwierige Frage zu stellen: Wenn Amerika seine Wirtschaftskraft durch den „Export“ von Kulturprodukten ausdrückt, angefangen bei Hollywood-Filmen und mündend in einem ganzheitlichen Lebensgefühl, scheint aus Deutschland in diese Richtung nicht viel zu kommen. Warum? Bruno Gross erklärt: „ Eine solche Politik stand doch nie im Mittelpunkt. Im Gegenteil, es herrschte ein Geist der Zusammenarbeit und des Respekts des Anderen, ein Geist des gleichwertigen Dialogs. Nehmen wir das Goethe-Institut als Beispiel. In keiner unserer internationalen Kooperationen wollen wir einfach unsere Meinung durchsetzen  –  worauf wir abzielen ist unserem Gesprächspartner zuzuhören, seine Sicht der Dinge zu erfahren und aus seiner Erfahrung zu lernen. Nur so kann eine Zusammenarbeit für beide Seiten ergiebig sein, sonst geht es lediglich darum, zu dominieren. Diese Herangehensweise hat Früchte getragen und weltweit zu einem positiven Deutschlandbild geführt“.

Wie viel Spielraum haben wir in einer Zeit, in der Deutschland das Bild einer kompromisslosen und strengen europäischen Supermacht vermittelt, die die übrigen Staaten dominiert, eine alternative Perspektive zu eröffnen? „Persönlich glaube ich an ein Europa der Europäer. Das ist heutzutage das wichtigste Kapital dieses alten Kontinents, das muss der Kern der Agenda sein. Deutschland hat nicht nur eine Dimension, es ist ein Land mit vielen Gesichtern. In hitzigen Zeiten überschattet manchmal das eine Gesicht die vielen anderen. Leider spielen die Massenmedien hierbei oft eine sehr negative Rolle. Und doch ist die Geschichte Europas eine Geschichte der Koexistenz, die gemeinsame Werte schaffen konnte“.

Bruno Gross bezieht sich offensichtlich auf die dramatischen Ereignisse in Paris. Wie kommentiert er die Wiedererweckung des Nazismus in Europa durch die Popularität einiger rechtsextremer Gruppierungen?  „In Deutschland gab es, zumindest direkt nach den Angriffen auf Charlie Hebdo, enorme Demonstrationen gegen Islamophobie und Hass, mit gigantischer Teilnahme der Bevölkerung. Das Seltsame daran ist, dass die höchste Verbreitung rassistischer Einstellungen in deutschen Städten zu verzeichnen ist, wo der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund am niedrigsten ist. Ich bin ein von Natur aus optimistischer Mensch und bin zuversichtlich, dass Europa es schafft, aus dieser schwierigen Lage rauszufinden. Es gibt eine gesunde Basis, eine zeitgenössische Intellektualität und einen gemeinsamen Willen zum Fortschritt“.