Demokratie gegen Rechtsextremismus Geh nicht weg, Ungeheuer!

Stelenfeld des Denkmals für die ermordeten Juden Europas mit Besuchern, Berlin
Stelenfeld des Denkmals für die ermordeten Juden Europas mit Besuchern, Berlin | Foto: Marko Priske

Die rechtsextreme „Goldene Morgenröte“ und ihre Kader sind inzwischen Alltag in Reichweite, beschämend, erschreckend und abstoßend, keinesfalls jedoch unangreifbar. Es liegt an uns, ob sich diese ideologische Seuche ausbreitet oder nicht – ob Unkundige informiert oder von oben herab behandelt werden. Ein Kommentar von Avgoustos Corteau.

Schuld von sich zu weisen ist ein zutiefst menschlicher Impuls – aus Abwehr oder Rechtfertigung. Der/die (Mit-)Verantwortliche begehrt unter dem Angstdruck von Schuldgefühlen auf und setzt alle Hebel in Bewegung, um diese loszuwerden und sich von seinen/ihren Handlungen und deren Konsequenzen zu distanzieren.

Eine kollektive Ungehaltenheit dieser Art erlebt man in den letzten Jahren bei vielen Griechen: Sie empfinden Zorn, Ärger und Ekel angesichts der Popularität der neofaschistischen Organisation „Goldene Morgenröte“, aber auch wegen der sich zunehmend ausbreitenden Hassideologie, die von ihr verfochten wird. So sehr wir auch die entsprechende Wählerschaft als Fremdkörper isolieren möchten, so deutlich zeugt allein schon diese Angstreaktion davon, wie vertraut uns eben diese ist, in manchen Fällen gar ähnlich: Wenn selbst Eichmann, der die „Endlösung“ konzipiert hat, letztlich nicht ein Monster in Menschengestalt war, sondern ein im Sinne seines Auftraggebers handelnder Technokrat, dann sind auch wir offensichtlich nicht von Monstern umzingelt.

Schuld und Verantwortung

Woher kommt also diese Schuld? Mag sein, in der plötzlichen Vergegenwärtigung der Tatsache, dass wir ununterbrochen abgewiegelt haben und jetzt das Ergebnis dafür vorliegt. Wir fühlen uns schuldig, denn wir haben nicht rechtzeitig begriffen, was da im rechtsradikalen Schoß (der in seiner ersten parlamentarischen Verkörperung als LAOS-Partei fast malerisch, jedenfalls harmlos wirkte) ausgebrütet und mächtig wurde; denn wir drängten es nicht zurück, noch bevor es sich zu neonazistischem Extremismus entwickelte; vielmehr nahmen dessen Vertreter, von Fackeln und Laternen begleitet, ihre Plätze im Parlament ein. Wir fühlen uns schuldig, weil wir uns nicht wirklich Mühe gegeben haben, individuell oder gemeinsam dagegen anzugehen, obwohl wir schon jahrelang wussten, dass unsere Gesellschaft zutiefst rassistisch und intolerant war. Sicher ist, dass jedes Mal, wenn jemand über die „Trottel, die diese Leute wählen“ schimpft, ein Stück der Wut und Abschätzigkeit an uns selbst adressiert ist und uns vorsprachlich, aber real und quälend mit dem Gedanken konfrontiert: „Geschieht dir gerade recht, schlag ruhig deinen gleichgültigen Schädel an die Wand!“ Und dann bereuen wir selbstredend bitterlich jeden blöden Witz, den wir toleriert haben, jede auch nur ansatzweise rasssismusaffine Maßnahme, die kommentarlos durchging, sowie die geringste Niedertracht, aus der größere entstanden sind.

Und im Entsetzen, das uns beherrscht, wenn wir die Dimensionen des Problems begreifen, während die Schritte der Erynnien beim Näherkommen immer ohrenbetäubender werden, versuchen wir uns auf jede mögliche Weise der Verantwortung zu entziehen, selbst wenn dies in Absurditäten endet. Es reicht nicht, dass wir – wie etwa nicht wenige Wirtschafts- und Politikwissenschaftler – auf sachliche Art die internationale Wirtschaftspolitik Deutschlands rügen. Nein: Wir müssen diesem Land auch noch den Nationalsozialismus unter die Nase halten, etwa in dem Ton: „Ihr habt das Ungeheuer ja erfunden, euer Land hat es im Krieg großgezogen, also gehört es ausschließlich zu euch, auf immer und in alle Ewigkeit“. So dass Frau Merkel als heutiger Hitler dasteht, Führerin des Vierten Reichs mit Schäuble als dem tapfersten ihrer Mitstreiter (der so verhasst ist, dass sogar die fanatischen Gegner der „Goldenen Morgenröte“ für einen Moment vergessen, was ihnen die so hoch geschätzte Andersartigkeit bedeutet, und in einen wüsten Rassismus regredieren), und die Deutschen werden allesamt zu Nazis erklärt – wohlgemerkt, die von heute, egal, ob die Gesetzgebung ihres Landes sogar die Gründung einer neonazistischen Organisation wie derjenigen, die uns hier im Nacken sitzt, untersagt.

Der Nutzen der Erinnerung

Goodwins Gesetz zufolge steigt im Verlauf von Netzdiskussionen die Wahrscheinlichkeit, dass ein Vergleich mit Hitler und den Nazis eingebracht wird. Der Grund ist einfach und nachvollziehbar: Die Gräueltat des Holocaust ist vermutlich das dunkelste Kapitel der Menschheitsgeschichte und ihr Erfinder für viele nach wie vor die Verkörperung des absoluten Bösen. Extreme identifiziert man stets im für Einzelne und Gruppen abschreckenden Exempel des Nationalsozialismus und seiner Anhänger. Aus diesem Blickwinkel heraus, dem der historischen Lektion, weisen die Verbrechen der Nazis (und das von ihnen hinterlassene Schuldbewusstsein, das auch aus der Vielzahl von Holocaust-Monumenten im heutigen Deutschland spricht) einen gewissen Nutzen auf. In Verbindung mit den Konzentrationslagern und den Berichten der Überlebenden liefern sie ein Gesamtbild des Grauens, das sich nie wiederholen darf.

Selbstverständlich gibt es auch die Gegenmeinung, formuliert etwa in der ausgezeichneten Parabel „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink: dass nämlich die jüngeren Generationen nicht in der Lage sind, die Dimensionen des Holocaust zu begreifen, was sie für ein Wiederaufleben dieses ethischen Sündenfalls anfällig mache. Die Konzentrationslager können einem nichts beibringen, meint eine Jüdin mittleren Alters, lebenslang traumatisiert, weil ihre Mutter eine von zigtausend Häftlingen in Auschwitz war, in der Verfilmung des Buchs. Die junge Generation greife mehrheitlich zur Literatur, gehe ins Kino oder Theater, jedenfalls nicht in die Konzentrationslager. Obschon der Genozid an den Juden ein unmittelbar persönliches Thema für mich ist, teile ich diese Überzeugung: Trotz seiner Brauchbarkeit als Bewusstseinspeitsche ist Schuldbewusstsein ein insgesamt kontraproduktives und unfruchtbares Gefühl.

Was bedeutet, dass dieses ganze Lamento der Schuldeingeständnisse uns weder als Griechen noch als Menschen weiterhilft. Die „Goldene Morgenröte“ und ihre Kader sind nicht allein Exempel oder Erinnerung, sondern Alltag in Reichweite, beschämend, erschreckend und abstoßend, keinesfalls jedoch unangreifbar. Es liegt an uns, ob sich diese ideologische Seuche ausbreitet oder nicht – ob wir Unkundige informieren oder sie von oben herab behandeln (denn ich bin der festen Überzeugung, dass es Wähler der „Goldenen Morgenröte“ gibt, die keine Ahnung davon haben, was Nazismus und Neonazismus bedeuten); ob man politische Organisationen und Maßnahmen unterstützt, die sich für die Achtung von Andersartigkeit jeder Art einsetzen; ob wir unsere niederträchtigsten Eigenschaft ablegen, nämlich die, weder hören noch handeln zu wollen, wenn der Gehetzte ein anderer ist. Es ist unsere Pflicht, wollen wir Humanisten und Demokraten genannt werden, die unfassbare Tatsache zu nutzen, die ein Parlamentarier der „Goldenen Morgenröte“ darstellt (ganz zu schweigen ein potentieller Minister aus diesen Reihen, Stütze einer unfähigen rechten Führung mit rechtextremen Ablegern), um ein für alle Mal Hass als Gedanken und Praxis zu unterbinden.

Ich meine, das ist zu schaffen! Ohne im Mindesten zur Ahnenverehrung aufgelegt zu sein: Angesichts der Griechen, die sich in den 1940er Jahren selbstbewusst gegen die Original-Schlächter der SS erhoben und unterm Joch einer wahren Gewaltherrschaft verelendeten, vor der der Merkel´sche Hegemonismus den schlumpfmörderischen Ambitionen eines Gargamel gleicht, angesichts von Menschen, die ohne jeglichen Rest von Freiheit und Würde in den Todeslagern dahinvegetierten, dies durchstehen und überleben konnten, kommt mir unser ganzes Gejammer zumindest schäbig vor. Wenn wir gemeinsam das Ungeheuer am Leben halten, direkt neben uns, im Gedächtnis und als realexistente Bedrohung, dann können wir es auch zusammen beseitigen.