Von Minsk bis Thessaloniki Journalistische Begegnungen auf Deutsch

Besuch beim Burda Verlag und der Zeitschrift „Meine Familie und Ich“
Besuch beim Burda Verlag und der Zeitschrift „Meine Familie und Ich“ | Foto: Michalis Goudis

Eindrücke und Meinungen wurden ausgetauscht, Freundschaften geschlossen und Kooperationen vereinbart, in einem bemerkenswerten Sprachengemisch, mit Hilfe dessen auch eine Sammlung von „Koch-Storys“ in einer Online-Zeitschrift über Essen entstand: All das ergab sich, als im Juli 2014 12 junge Journalisten aus den Balkan- und anderen osteuropäischen Ländern - von Minsk und Thessaloniki - in München 12 gleichaltrige deutsche Kollegen in der wichtigsten Journalistenschmiede Deutschlands trafen, der Deutschen Journalistenschule (DJS). Michalis Goudis, Teilnehmer aus Griechenland, notierte Momentaufnahmen einer Woche intensiver gemeinsamer Arbeit und interkultureller Annäherung.

Die Korruptheit von Politikern, die Herausforderungen, vor denen die  junge Generation steht und derentwegen sie oft zur Migration veranlasst ist, aber auch die Frage, was wie schmeckt, was wo am liebsten getrunken wird und wie man am besten darüber berichtet: dies und vieles andere haben junge Menschen in Osteuropa gemein, wie etwa Svetlin und Diana aus Bulgarien, Maria aus Fyromakedonien, die Slovenin Maja und die Ungarin Dora, aber auch Ivana aus Serbien und Stefan aus Bosnien …. Auf „neutralem“ Boden fällt einem  das sofort auf.
 
Petra lebt in Kroatien auf der Insel, auf der sie geboren ist. Was immer sie mir bei den langen Busfahrten der Linie 190 auf dem Weg zum Seminar berichtete, ist so gut wie identisch mit den entsprechenden griechischen Verhältnissen.  Dass ein Großteil der Bevölkerung Journalisten keine Wertschätzung entgegenbringt, gibt ihr zu denken, gerade wenn die überwiegende Mehrheit ihrer Generation nolens volens ihr Glück jenseits der Heimat suchen muss.

Csongor aus Rumänien schreibt viel über die ungarische Minderheit in seinem Land. Auf unserem Fußweg zum Hochhaus der Süddeutschen Zeitung, wo auch die DJS untergebracht ist, sprechen wir über die politische Situation in Griechenland und Rumänien. In beiden Ländern wird Korruption so gut wie nicht bekämpft, daher genügt es, bei unseren Erzählungen jeweils nur die Namen zu auszutauschen.

Mikel leistete mir Gesellschaft, als ich an einem regnerischen Abend in der Münchner Einsteinstraße auf den Bus wartete. Wir haben nicht nur denselben Namen, sondern sind auch Nachbarn, denn er kommt aus Albanien, so dass uns einiges verbindet. Er spricht in den höchsten Tönen von Athen und davon, dass sein Vater Griechisch kann. Beim Thema öffentliche Verkehrsmittel und politische Repräsentation entdecken wir eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Tirana und Thessaloniki.

Nasta mag Minsk, die Hauptstadt Weißrusslands, wo sie lebt. Aber sie mag auch den Sänger Marios Frangoulis. Von mir will sie sein Lied „Wege des Himmels“ ins Englische übersetzt haben.

Geschichten und Fakten verbinden

Marko, Henning und Astrid bilden das Mentorenteam des Seminar „International Networker“, veranstaltet von der DJS und unterstützt von der Robert Bosch-Stiftung. Es bietet Vorträge, Präsentationen, hauptsächlich jedoch eine Reihe von experimentellen und praxisbezogenen Aktivitäten. Vom Team koordiniert befasst sich die Gruppe mit Datenjournalismus, denn in Zeiten der Informationsflut wenden sich Medien alternativen Methoden der Faktendarstellung zu.

Wie etwa setzt man Infographik richtig ein? Wie kann der Journalist eine Story präsentieren angesichts der gewaltigen Datenmenge, die über ein paar Klicks im Internet verfügbar ist? Wie kann der Multimedia-Journalismus (Ton, Fotobild, bewegtes Bild und anderes) zielführend mit dem klassischen Text koexistieren? Eine Woche lang bemühten sich 24 Nachwuchs-Journalisten um Antworten darauf, während sie mit Instrumenten wie Google Fusion, CartoDB, Infogram, Tableau und anderen vertraut gemacht wurden.

Aus der Kooperation ist das Netzmagazin „Cook-Tales“ mit facettenreichen visualisierten Storys über Essen und dessen Einfluss auf unser Leben entstanden.

Bei der Recherche und der medialen Aufbereitung kam es immer wieder zu Gesprächen über das brisante Thema des Datenschutzes, aber auch über die Rolle von Journalisten bei Fällen wie etwa Wikileaks oder Edward Snowdon. Präsentationen von Projekten wie Hostwriter, der weltweiten Kooperationsplattform für Journalisten, ermöglichen einen erweiterten Blick auf die kreative Transformation des Berufs.

Journalismus studieren im SZ-Hochhaus

Der womöglich entscheidendste Vorteil der DJS München ist die Platzierung dicht an einer der wichtigsten Zeitungen Deutschlands, der Süddeutschen Zeitung (SZ). Man braucht nur in den langen Fluren des von Oliver Kühn errichteten Gebäudelabyrinths zu laufen, um den Aktualitätsbezug und Arbeitsrhythmus des riesigen Verlagskonzerns in sich aufzunehmen. Mag sein, dass diese Erfahrung nicht zum Seminarstoff gehörte; sie prägt jedenfalls all diejenigen, die nach beendetem Studium das Haus in Berg am Laim Richtung Arbeitsmarkt verlassen.

Abgesehen von dieser exquisiten Koexistenz steht den Studenten der DJS eine hochwertige Ausstattung zur Verfügung. Sie werden von erfahrenen Dozenten unterrichtet, die zugleich journalistisch aktiv sind. Das gesamte Studienprogramm verlangt den Leuten alles ab. Anna etwa berichtet von den unzähligen Stunden, die in die Produktion des Halbjahresmagazins „Dicke Dinger“ investiert wurden. Die Klasse bildete das Redaktionsteam, und das Ergebnis war dann auch für uns alle sichtbar, insofern die Seiten einzeln an den Wänden eines Unterrichtsraums hingen.

Tobi hilft allen Teilnehmern der internationalen Gruppe bei der Lektüre der Zeitungen, die täglich kostenlos neben der Kaffeemaschine verteilt werden. Da geht es nicht nur um die SZ, sondern um ein breites Spektrum von Printausgaben, anfangen bei Münchner Regionalblättern bis hin zur internationalen Presse - eine maßgebliche tägliche Dienstleistung, die der Überlegung Rechnung trägt, dass einer der ersten Schritte auf dem Berufsweg des Journalisten im Lesen besteht, und zwar nicht nur von Zeitungen.

Daniel, der Münchner aus der Gruppe, berichtet uns auf dem Weg zum „Englischen Garten“ – am letzten und einzigen freien Nachmittags des Seminars – von den Praktika in deutschen Medieneinrichtungen. Ganz unterschiedlich, wohin sich die Studenten wenden, je nach Interessen und angestrebter  beruflicher Orientierung: Der eine will zu einer Zeitschrift nach Berlin, der nächste einfach nur in ein anderes Stockwerk, um sein Glück bei der SZ zu versuchen. Wieder andere suchen Spezialisierungsoptionen, etwa bei Sportseiten im Netz. Jedenfalls ist es die Schule, die eine Tür zur gewünschten Einrichtung öffnet, wobei sich Mentoren um jeden einzelnen Fall kümmern.

Und wenn man meint, es bei einer anerkannten und ehrwürdigen Zeitung in der bayerischen Hauptstadt mit einem konventionellen Gebilde zu tun zu haben, dann tritt „Deadline“ auf den Plan und wirft dieses Vorurteil über den Haufen … Diese Vokabel, die mehr oder weniger alle Journalisten im Griff hält, übernahmen die SZ-Redakteure für ihre Musikband, in der sie ihr künstlerisches Talent ausleben.
 
Der Journalismus verändert sich rascher als die meisten anderen Berufssparten. Wer dabei bleiben will, ist auch auf die Hilfestellung von Seminaren wie „International Networker“ angewiesen. Was sich allerdings nicht ändert, ist die Tatsache, dass Reportagen, Berichte und Kommentare nach wie vor einen Anlass bilden für mehr Wissen und Umgang mit anderen Menschen.