Blüte trotz Krise? Kleine Qualitätsverlage in Griechenland

Maria Topali
Maria Topali | © Heinrich Böll Stiftung

Mit rarer, unbeirrbarer Beharrlichkeit, die zugleich läuternd und vitalisierend wirkt, schützen kleine griechische Verlagshäuser, denen der Gedanke an „schnelles  Geld“ von Grund auf fremd ist, die fast erloschene Flamme der Hoffnung aufs hochwertige Buch, lassen sie gar auflodern; Maria Topali hat sich umgesehen, und das nicht nur in der griechischen Hauptstadt.

Im krisenbedingt angeschlagenen Griechenland von 2014 ist es riskant, von Elite zu reden. Kaum ein Stein der alten Welt ist auf dem andern geblieben; das gilt vor allem und gerade für rundum Wertgeschätztes. Zu den Ausnahmen, die die Regel bestätigen, gehört jedoch zweifellos der belesene Drucker und Verleger Emilios Kaliakatsos, der den Stigmi-Verlag betreibt.
1984 brachte er sein erstes Buch in Umlauf und ist heute beim 400sten Titel. Unbeirrbar produziert er Bücher von gleichsam klassischer Ästhetik und hoher Qualität (schlichte monochrome Buchcover mit ansprechender Typografie, gelegentlich nach besonderem Auftrag illustriert, nicht-beschnittene Buchblocks, gutes Papier). Seine kommentierten Ausgaben antiker Texte können sich neben denen international eingeführter Großverlage ohne weiteres sehen lassen. Persönlichkeiten, die die moderne griechische Kultur prägten - wie etwa der Dichter Manolis Anagnostakis, der Philosoph Panajotis Kondylis, der Archäologe und Philologe Stylianos Alexiou, der Schriftsteller E.H. Gonatas oder der Altphilologe Daniil Jakov - haben ihm ihre Werke anvertraut. Zwar gilt der 67-jährige Verleger nicht wirklich als Mentor von Nachwuchsautoren; seine Entscheidung für einen bestimmten Schriftsteller kommt jedoch vielen Ehrenauszeichnungen gleich – zumindest unter Kennern. Die Arbeit erledigt er alleine, lediglich seine Tochter greift ihm ein wenig unter die Arme.
Literarische Hochkultur, bei deren Präsentation besonderer Wert auf das Handwerk  des Buchdrucks gelegt wird (Cover mit Kunstmotiven und -werken in warmen Farben, gewöhnlich großformatig auf hochwertigem Papier), sowie Erstveröffentlichungen außergewöhnlicher griechischer Autoren assoziiert man in den vergangenen 20 Jahren mit dem Verlag To Rodakio  von Julia Tsiakiri. Gegründet wurde er 1992 von der Editorengruppe der Zeitschrift für Literatur, Literaturtheorie und -kritik Ekivolos (1978-1997). To Rodakio hat etwa 150 Titel im Umlauf, während weitere 30 derzeit in Vorbereitung sind. Es handelt sich um ein Einzelunternehmen, das drei Mitarbeiter beschäftigt. Als größte Erfolge des Verlags gelten die Neuauflage des Gesamtwerks von Dimitris Hatzis und die Bücher von Vangelis Hatzijannidis. Von der griechischen Literaturzeitschrift Diavaso wurde Hatzijannidis’ erste Publikation (der Roman „Vier Wände“, 2000) mit dem Preis für das beste Erstlingswerk in Prosa ausgezeichnet, worauf Übersetzungen ins Italienische, Französische, Spanische, Englische und Portugiesische folgten. In Frankreich erhielt das Werk in der Übertragung von Michel Volkovitch den "Laure Bataillon"-Preis (bestes fremdsprachiges Werk des Jahres in der gelungensten Übersetzung), in England kam es auf die Shortlist für den Literaturpreis „Independent Foreign Fiction Prize 2007“.

Klein, aber fein auch in Nordgriechenland

Lässt man Athen hinter sich, stößt man weiter nördlich auf den kleinen Verlag Nissides, gegründet 1993 von Vassilis Tomanas auf Skopelos, einer Insel der Nördlichen Sporaden. Als Übersetzer erhielt Tomanas 1999 den Nationalen Literaturpreis für die Übertragung von Thomas Bernhards „Korrektur“. Der Einmannbetrieb verlegte 2004 seinen Sitz nach Thessaloniki. Unter den etwa 250 bisher edierten Titeln sind bedeutende Publikationen etwa des jüdischen Historikers Joseph Nehama und anderer über die Stadt Thessaloniki, Wissenschaftstexte  renommierter Philologen und Philosophen, literarische Werke und Zeitzeugenberichte.
Im Zentrum von Thessaloniki wird seit 2005 die Verlagsbuchhandlung  Shakespearikon betrieben, gegründet vom jungen Lyriker Giorgos Alissanoglou und benannt nach dem Pariser Verlag „Shakespeare and Company“, der das erste Exemplar von James Joyce‘ „Ulysses“ herausgegeben hatte. Bis heute hat Shakespearikon etwa 90 Titel produziert, vorwiegend Bücher junger Autoren, aber auch etablierter (griechischer und internationaler) Lyriker, Theaterstücke, Essays und Erzählungen. Abgesehen von exzellenten Nachwuchsautoren bringt der Verlag auch avantgardistische und experimentelle Schriftsteller und Dichter unter. Das „schwerste Geschütz“ des Verlags stellt der renommierte Prosaschriftsteller, Dichter und Dramatiker Dimitris Dimitriadis (1944) dar, Verfasser des hierzulande als Schlüsseltext geltenden „Ich sterbe als Land“, 1978 (auf Deutsch 2001 in der Zeitschrift Lettre International publiziert). Sein Werk ist international übersetzt, und seine Theaterstücke werden weltweit inszeniert, unter anderen von Patrice Chereau im Theatre de la Commune d’ Aubervilliers, Paris.

Vertrauen in direkte Kontakte

Zurück in Athen, bei zwei jüngeren Verlegern, dem Ehepaar Alexandros Manolakis und Thalia Protonotariou, die den Verlag Okto betreiben und – wie es der Zufall wollte – ihre ersten Schritte mitten im Wirbelsturm der Krise machten. Ihr erstes Buch – modern, ästhetisch, originell – erschien 2007; sieben Jahre später sind sie beim 30sten Titel angelangt. Dank des neuen Vertrauens in „etwas Kleines“ wenden sich immer mehr griechische Autoren an diesen Verlag: Schriftsteller, die eine sorgfältige Ausgabe ihres Werks wünschen und besonderen Wert auf persönlichen Kontakt und direkte Kommunikation legen. So wird auch der bereits in fünf Sprachen übersetzte und mit Preisen ausgezeichnete Autor Christos Chryssopoulos (geboren 1968) seinen Essay „Das geliehene Wort – ein Beitrag zur literarischen Performativität“  im März 2015 in diesem kleinen Qualitätsverlag herausbringen.
Die Philologin und Lektorin Giota Kritseli betreibt den Verlag Kichli, dessen erstes Buch im Dezember 2008 erschienen war. Inzwischen umfasst der Verlagskatalog 40 literarische griechische und übersetzte Titel: Theaterstücke, Essays, Biografien und Kunstbände. Der vielgelesene und früh verstorbene Lyriker Argyris Chionis, der hochgeschätzte Dichter, Künstler und Übersetzer Alexandros Issaris sowie der für seinen Erstlingsroman ausgezeichnete Giorgos Mitas zählen zu den bemerkenswerten Autoren des Kichli-Verlags, der editorische Ästhetik (exklusives Papier, künstlerisch gestaltete Buchcover und ein sorgfältiges Layout) zu seinen Hauptaufgaben zählt. Dem Leser Bücher als Genussoption anzubieten - darum geht es diesem Verlag.
 
Der Wunsch nach einer ästhetisch ansprechenden und achtsam besorgten Publikation sowie das Bedürfnis der Autoren nach direktem und persönlichem Kontakt mit dem Menschen, dem das Manuskript „in die Hände gelegt“ wird - buchstäblich und metaphorisch –, um daraus ein Buch zu machen, sind die wohl wichtigsten Gründe dafür, dass kleine Qualitätsverlage inzwischen beeindruckend vielen und großen Namen der griechischen Literatur attraktiv erscheinen. Man sollte sich jedenfalls darauf besinnen, dass kleine unabhängige Unternehmen, gestützt auf persönlichen Kontakt und zwischenmenschliche Beziehungen, nach wie vor ein wichtiges Merkmal der griechischen Kultur und der Wirtschaft Griechenlands darstellen.