Literarisches Übersetzen Eindrücke vom Wannsee

Eindrücke von Wannsee_Magazin
Das Literarische Colloquium Berlin, jene “leuchtende Insel”, die „vom Ausland aus gesehen ein unersetzliches Beispiel ist“ (Paul Nizon). | Foto: Tobias Bohm

Jedes Jahr, Anfang März, treffen sich bei Berlin Übersetzer aus der ganzen Welt. Die griechische Übersetzerin Pelagia Tsinari war 2015 dabei und schildert für uns ihre Eindrücke. Von der Begeisterung der Übersetzer für Literatur bis hin zur harten Landung in der Realität.

Am Wannsee, diesem idyllischen Vorort Berlins, treffen sich seit 2004 jährlich Anfang März ungefähr 30 Übersetzer aus der ganzen Welt in der alten Villa Am Sandwerder 5, Sitz des Literarischen Colloquium Berlins – jene “leuchtende Insel”, die „vom Ausland aus gesehen ein unersetzliches Beispiel ist“ (Paul Nizon). Tatsächlich könnte die Funktion des LCB, der Geist der hinter jeder seiner Veranstaltungen steckt und vor allem der positive Einfluss auf alle, die seine Schwelle überschritten haben, nicht treffender zusammengefasst werden. Das Literarische Colloquium Berlin ist ein Leuchtturm für Autoren und Übersetzer, die nicht selten den Irrwegen des Marktes, den Stürmen der nicht verkauften Bücher und den Klippen der Sprache ausgesetzt sind.

Von den Ufern der Wolga ins Herz des Big Apple

Beim diesjährigen Internationalen Treffen hatten 26 Übersetzer aus 22 Ländern die Chance – unter idealen Umständen einer nicht zu vergleichenden Gastfreundschaft und Pflege seitens der Organisatoren – nicht nur zeitgenössische Autoren und ihre neuesten Romane kennenzulernen, sich über Möglichkeiten von Stipendien und Unterstützung der literarischen Übersetzung zu informieren und die Leipziger Buchmesse zu besuchen, sondern sich vor allem in einem freundlichen und ehrlichen Klima über die Erfahrungen eines schwierigen Berufs auszutauschen.

Schon von der Zusammensetzung her war die Gruppe einzigartig. Wo könnte man sonst einen Ghostwriter aus Brooklyn, eine Dozentin für Germanistik und Übersetzung aus dem fernen Saratov, an den Ufern der Wolga, einen Lyriker aus Teheran und eine Deutschlehrerin und Dolmetscherin aus Peking treffen? Eine der ersten Schlussfolgerungen, die man aus dem Treffen ziehen konnte, war, dass sehr wenige Übersetzer ausschließlich von der Übersetzung leben. Meistens verdienen sie ihren Lebensunterhalt, indem sie einen verwandten Beruf ausüben. Übersetzen tun sie dann in ihrer Freizeit. Oder das Übersetzen führt sie früher oder später dazu, sich als Schriftsteller zu versuchen.

Bücher als Schwerindustrie…

In den Gesprächen unter den Übersetzern wurde öfters festgestellt, dass Deutschland den Literaturraum und die Bücherbranche im Allgemeinen als Schwerindustrie versteht. Die Gelder, die in die Veranstaltungen der Branche einfließen, sind mythisch – “vom Ausland aus gesehen“ und vor allem für Länder wie Griechenland. Man denke nur an die vielen Lesungen, die stattfinden, da jeder Autor/-in sein/ihr neues Buch unzählige Male dem Publikum vorstellt, sei es in großen oder kleineren Städten Deutschlands, eine etablierte Form der Buchförderung und eine beträchtliche Einnahmequelle für die Autoren. Die Lesungen sind sehr professionell vorbereitet, manche gleichen einer Performance und sind auch gut besucht, da das Publikum diese Art von Veranstaltungen wahrscheinlich in seine Freizeitaktivitäten einbezogen hat.

Die Leipziger Buchmesse spricht auch für die oben erwähnte Feststellung. Man werfe nur einen Blick auf die Zahlen: Sie ist in fünf Hallen von je 20.500 Quadratmetern untergebracht, dieses Jahr beschäftigte sie um die 3.000 Mitwirkenden, es gab 3.200 Veranstaltungen und 186.000 Besucher strömten auf das Leipziger Messegelände. Wenn man das bibliophile Publikum, das die Veranstaltungen in 410 verschiedenen Leseorten der Stadt Leipzig im Rahmen von “Leipzig liest“ besuchte dazu addiert, hatte die diesjährige Leipziger Buchmesse insgesamt 251.000 Besucher.

…und Menschen von “spezifischem Gewicht”

Doch Institutionen, Gelder und Infrastruktur bieten nur die –zweifellos wichtigen– Voraussetzungen.  Wenn es nicht die richtigen Personen hinter all dem gäbe, würden die riesengroßen Hallen nichts als erbärmlich leere Gebäudehüllen bleiben, die Autoren würden lediglich vor wenigen Freunden und Bekannten vorlesen und Veranstaltungen wie das Übersetzertreffen würden leblos, langweilig und eintönig sein. Man redet hier von Menschen eines “spezifischen Gewichts” wie Jürgen Jakob Becker, stellvertretender Geschäftsleiter des LCB, der im literarischen Programmbereich arbeitet und den Schwerpunkt Übersetzerförderung betreut. Neben einer perfekten Organisation, einem reichen Programm und einer großzügigen Gastfreundschaft, gewinnt er jedes Mal die Bewunderung und Anerkennung seiner Gäste durch sein tatkräftiges Interesse für jeden einzelnen Übersetzer, durch die Natürlichkeit, den Humor, die Wachsamkeit und sein unglaubliches Gedächtnis, mit dem er locker die verlegene Pausen der Vorlesungen füllt, die Übersetzer zu einem Stipendium ermuntert oder sie vorstellt, indem er sie alle beim Namen nennt, Schwerpunkte ihrer Arbeit und Herkunftsort erwähnt und das alles auswendig vor der staunenden Gruppe. Das Engagement, das Wissen und die Kompetenz solcher Menschen geben den Institutionen Leben, locken das Publikum zu Lesungen, unterstützen die Übersetzer als Vermittler zwischen deutschsprachiger Literatur und nationalen Büchermärkten. Solche Menschen sorgen, schließlich, dafür, dass alle zufrieden nach Hause gehen, zufrieden von der Messe, die sie besucht haben, dem Autor, dem sie zugehört haben, den Leuten, die sie kennengelernt haben.   

Wenn die Übersetzer mit einem Koffer voller Büchern, einem Kopf voller Ideen und Lust auf neue Abenteuerreisen ins Land der Übersetzung nach Hause kommen, erleben sie oft eine harte Landung in einer Realität, die keinen Freiraum für Träume und noch weniger für persönliche Wahlmöglichkeiten bietet. Viele Übersetzer der Gruppe kommen aus Ländern, die von der Wirtschaftskrise und den damit zusammenhängenden politischen Gegebenheiten geplagt sind. Es kann vorkommen, dass sie etwas übersetzen, das ihnen nicht so gut gefällt, nur um “die Miete bezahlen zu können“. Die meisten aber werden kämpfen, um ein Buch durchzusetzen, das sie kennengelernt, gelesen und geliebt haben. Oft gelingt es ihnen nicht. In diesen Momenten, wenn die Begeisterung in Luft aufgelöst wird und der übersetzerische Elan hart getroffen wird mit Fragen nach dem Sinn und dem Zweck dieses Kampfes, werden zumindest 26 Übersetzer von Seoul bis Mexiko an dieses Treffen zurückdenken und weiterhin um gute Bücher und gute Übersetzungen kämpfen.