Wermke/Leinkauf Über Althergebrachtes hinauswachsen

Matthias Wermke und Mischa Leinkauf
Matthias Wermke und Mischa Leinkauf | Foto (Ausschnitt): © Goethe-Institut Athen/Vangelis Patsialos

Die Geschichte hat uns gelehrt: Besonders in schwierigen Zeiten blüht die Kunst. Neue künstlerische Bewegungen erblicken das Licht der Welt und führen auch zu kultureller Neugeburt, was wiederum Hoffnung für die Zukunft mit sich bringt, ganz gleich wie düster diese erscheinen mag

​So scheint es sich auch in der griechischen Krise zu verhalten. Trotz aller Probleme, die diese mit sich brachte, spürt man in der Hauptstadt Athen den Pulsschlag des künstlerischen Schaffens. Die Kunstszene ist dort lebendiger denn je und dies übt große Anziehungskraft auf eine neue Generation von Künstlern aus, die mit ihrer Kunst gesellschaftliche Anliegen thematisieren und soziale Botschaften verbreiten möchten.

Matthias Wermke und Mischa Leinkauf sind zwei deutsche Künstler, die „über das Althergebrachte hinauswachsen“, um die Grenzen des öffentlichen Raums zu erforschen. Ihrer Kunst zuliebe fürchten sie sich nicht davor, waghalsige Risiken einzugehen. Das Künstlerduo befindet sich derzeit in Athen, im Rahmen des Art Residency-Programms des Goethe-Instituts.

Was bedeutet Art Residency?

Es geht um ein praktisches Programm von Gastaufenthalten für Künstler aus dem Ausland, mit dem Ziel, ein Kennenlernen der fremden Kultur sowie ein Gefühl für den Alltag des Gastlandes zu ermöglichen, damit die so gelebte Erfahrung Zugang zum entsprechenden künstlerischen Schaffen finden kann. Die Thematik des Werks kann durch den Träger, der die Art Residency organisiert, vorgegeben werden oder es kann dem Künstler freigestellt werden, selbst ein Thema zu wählen. In jedem Falle aber ist das Ziel, dass das künstlerische Ergebnis ein Werk wird, das aus den im Gastland erlebten Erfahrungen entstanden ist.

Obwohl das Konzept der Art Residency-Programme in Europa relativ weit verbreitet ist, kam es erst vor kurzem nach Griechenland. Frau Juliane Stegner, die Leiterin der Programmabteilung des Goethe-Instituts Athen, fügte in diesem Zusammenhang hinzu: „Das Art Residency-Programm des Goethe-Instituts ist ein Programm, das vom Hauptsitz des Instituts in München initiiert wird. Es wurde 2005 gegründet und bietet seitdem jährlich sechs Residenzen für jeweils vier Künstler und zwei Kuratoren an jährlich wechselnden Orten. Jedes Jahr werden alle Auslandsinstitute eingeladen, sich für eine Residenz zu bewerben. Die Auswahl der Standorte trifft der Fachbereich Bildende Kunst in der Zentrale. Die Künstler werden jeweils von den Mitgliedern des Beirats Bildende Kunst des Goethe-Instituts vorgeschlagen und legen ein Proposal für einen konkreten Zielort vor. Eine vom Beirat benannte Jury wählt dann die Künstler aus, die an dem Programm teilnehmen werden. Anschließend werden von der Zentrale in München die entsprechenden Informationen an alle Standorte des Goethe-Instituts weitergegeben, damit diese sich bei Interesse melden können. Auch das Goethe-Institut Athen hat Interesse an der Aufnahme von Künstlern über dieses Programm angemeldet und so haben wir dieses Jahr Matthias Wermke und Mischa Leinkauf bei uns.“

Matthias und Mischa stellen sich den Athenern vor

Beide wurden Ende der 70er Jahre in Berlin geboren und erlebten als Jugendliche, in einem äußerst aufnahmefähigen Alter, den Fall der Berliner Mauer und die neue Freiheit, die damit einherging. Dies hatte einen entscheidenden Einfluss auf ihr Leben und ihre Kunst. Seit dieser Zeit fördern und fordern sie das Recht aller Menschen ein, sich frei bewegen und ausdrücken zu können sowie den öffentlichen Raum zu bestimmen, selbstständig und ohne jedwede Einschränkung.
Matthias studierte Geschichte und Skulptur, Mischa Video-Art und Fotographie. Wenn sich die Wege zweier Künstler mit gemeinsamen Anliegen kreuzen, so wird das Ergebnis dieses Aufeinandertreffens zwangsläufig Barrieren aufbrechen und Einschränkungen beseitigen.
Obwohl sich die Rollen im Laufe der Zeit auch verändert haben, ist grundsätzlich Matthias der Performer und Mischa derjenige, der die Bilder für ihre Video-Art aufnimmt – Bilder, bei denen es einem buchstäblich den Atem verschlägt.

Für die Freiheit, die Freiheit erklimmen

Auf den ersten Blick erscheint es so, als spielten die Künstler mit der Gefahr. Sowohl mit der physischen Gefahr, die ihre riskanten Kunstaktionen mit sich bringen, als auch mit dem strafrechtlichen Aspekt der Verletzung gesetzlicher Vorschriften. Aber so ist es nicht wirklich.
Jedes Vorhaben wird sehr gründlich vorbereitet und jede Einzelheit der einzugehenden Risiken wird genauestens im Voraus berechnet. „Wir beobachten die Lage, damit wir über alle Gefahren auf dem Laufenden sind sowie über die jeweiligen Rechtsvorschriften. Anschließend bemühen wir uns, diese Vorschriften zu verletzen, wenn auch nur vorübergehend, um all die Verbote sichtbar zu machen, die den Bürgerinnen und Bürgern auferlegt werden und die täglich zahlreicher werden,“ erklärt Matthias, und fügt hinzu: „All das machen wir nicht auf gewalttätige Art, sondern auf poetische, spielerische und angenehme Weise, und zwar um uns die Frage zu stellen, wozu wir all diese Verbote in unserer Gesellschaft haben“.
Mittels oft „gefährlicher“ und „illegaler“ Projekte wollen die beiden Künstler die Gesellschaft wachrütteln, damit Bürgerinnen und Bürger den öffentlichen Raum einfordern, der ihnen zusteht. Sie möchten damit auf alle Freiheiten hinweisen, die allmählich eingeschränkt werden, entweder im Namen der Sicherheit oder im Namen anderer Gründe, die das politische System immer wieder neu erfindet.
Ein weiterer Parameter, der mit dem Werk der Künstler in Verbindung steht, ist die Kommerzialisierung des öffentlichen Raums. Dieser ist mit Tischen und Stühlen ausgefüllt, und wer sich setzen möchte, muss zahlen. „Die Stadt muss völlig frei sein, die Bürgerinnen und Bürger müssen die Organisation des öffentlichen Raums innehaben. Sie müssen selbst die Regeln festlegen können, die diesen Raum bestimmen. Das ist im Rahmen von Verboten nicht möglich, sondern nur über das Interesse und die Zuneigung der Bürger gegenüber ihrer Stadt. Wir sind entschlossen, dieses ganze System der Unfreiheit in der Stadt zu ändern,“ sagt Mischa.

Warum Athen?

Über den praktischen Rahmen hinaus, also dem Angebot des Art-Residency Programms seitens des Goethe-Instituts, fühlten sich Matthias und Mischa aufgrund der Schönheit und der Geschichte des Landes zu Griechenland hingezogen. Darüber hinaus ist auch die diesjährige documenta, die weltweit größte Kunstveranstaltung, die alle fünf Jahre in Kassel und in diesem Jahr zusätzlich auch in Athen stattfindet, ein großer Anziehungspunkt, der Künstler aus aller Welt nach Griechenland locken wird.
„Das heutige Griechenland unterscheidet sich sehr vom übrigen Europa. Die Regeln, die in diesem Land aufgestellt wurden und die bis heute funktionierten, funktionieren jetzt eben nicht mehr. Die Menschen haben erkannt, dass sie ihren Gehorsam einstellen müssen, wenn sie nicht nur überleben, sondern auch etwas Neues schaffen wollen und eine Katastrophe abwenden möchten. Die derzeitige Lage in Griechenland erinnert uns an das, was in Berlin zur Zeit des Mauerfalls los war. Wenn ein System zusammenbricht, müssen die Menschen erfinderischer werden als zuvor. Der öffentliche Raum ist in Krisensituationen entscheidend. Die Menschen haben das Bedürfnis in die Öffentlichkeit hinauszugehen, um zu kommunizieren und kreativ zu werden,“ erklären Mischa und Matthias.

Die beiden Künstler sind gerade dabei, die Stadt zu erkunden und mit ihren Einwohnern zu diskutieren, um sich im Hinblick auf das Werk, das in Athen entstehen wird, inspirieren zu lassen. Die documenta, das Art Residency-Programm des Goethe-Instituts und der künstlerische Sinnesrausch der vielen unterschiedlichen Kulturen, die sich in Athen miteinander vermengen, sind die ideale Zusammensetzung, um Neues für Griechenland und Europa hervorzubringen.