Thessalonikis öffentlicher Raum Eine schwierige Beziehung

Die berühmten
Die berühmten "Regenschirme" von G. Zongolopoulos entwickeln sich zum Wahrzeichen von Thessaloniki. | © Goethe-Institut Athen /Kostas Koukoumakas

Schon seit den Sechzigerjahren nimmt die Rücksichtnahme auf vorhandenen öffentlichen Raum in griechischen Großstädten stetig ab. Thessaloniki ist dabei keine Ausnahme, wie Bürger und Vertreter der lokalen Gebietskörperschaften bestätigen. Tische und Stühle der gastronomischen Betriebe versperren vermehrt öffentliche Plätze und verschonen dabei weder Bürgersteige noch Fußgängerübergänge. 

Die Gemeinden in Thessaloniki sehen in diesem Fall Geldbußen vor, die jedoch nur mit Verzögerung entrichtet werden. Hinzu kommt, dass die Wirtschaftsrezession das sogenannte Krisenunternehmertum hervorgebracht hat – an den Plätzen, wo sich zuvor zahlreiche, mittlerweile geschlossene Geschäfte befunden haben, findet man nun häufig Fast-Food-Filialen, die in den seltensten Fällen den öffentlichen Raum respektieren.
Die einfachste Rechtfertigung und das häufigste Argument zugunsten dieser Entwicklung ist meist, dass es um neue Arbeitsplätze gehe, die in Zeiten der Krise wichtiger seien, als die Erhaltung und Gestaltung der öffentlichen Räume. Doch dies geht zu Lasten der Lebensqualität in Thessaloniki, denn die Beziehung der zweitgrößten Stadt Griechenlands zu seinen öffentlichen Räumen war ohnehin, auch schon vor der Krise, eine schwierige und problematische.

Ein weiteres Beispiel dafür ist die Neuentwicklung der Uferfront in Thessaloniki. Die Sanierung und Neugestaltung dieser Uferpromenade wurde im Dezember 2013 fertiggestellt und öffnet die Stadt auf eindrucksvolle Weise zum Meer hin. Die verantwortlichen Architekten Prodromos Nikiforidis und Bernard Cuomo erhielten für ihre Gestaltung, die die Promenade optisch mit der Weite des Himmels und des Meeres verschmelzen lässt, zahlreiche nationale und internationale Preise. Viele Experten und besonders die Bürger der Stadt sind sich einig, dass das Ergebnis außergewöhnlich ist.

Sonnenuntergang an der neuen Uferpromenade. Sonnenuntergang an der neuen Uferpromenade. | © Goethe-Institut Athen/Kostas Koukoumakas Anfang April 2017 kam es jedoch zu einem Konflikt im Zusammenhang mit der öffentlichen Nutzung der neuen Uferpromenade. Auslösender Faktor war der Beschluss der Stadtverwaltung unter dem amtierenden Bürgermeisters Giannis Boutaris, entlang der Promenade fünf Getränkekioske, mit Außengastronomie, einzurichten. Offiziell hieß es, dass jene, die diesen öffentlichen Ort nutzen, keinerlei Möglichkeiten hätten, sich in nächster Nähe mit Wasser zu versorgen. Außerdem wurde das Argument angeführt, dass die Kioske in den heutigen Krisenzeiten Arbeitsplätze und sichere Einnahmen für die Gemeindekasse bedeuten würden. Allerdings wehrte sich eine Bürgerinitiative sowie einige dem Bürgermeister nahestehende Stadträte dagegen und warnten vor der potentiellen Gefahr, dass sich dieser einzigartige öffentliche Raum zu einer endlosen Feiermeile entwickele. Die Sorge der Bürger und Stadträte war berechtigt und zeugt von ihrer Sensibilität für das Thema.

Einer der fünf Glaspavillons, von denen drei zu Getränkekiosken umfunktioniert werden sollen Einer der fünf Glaspavillons, von denen drei zu Getränkekiosken umfunktioniert werden sollen | © Goethe-Institut Athen/Kostas Koukoumakas Es wurde vorgeschlagen, dass nur noch drei von den einst fünf geplanten Kiosken, mit Tischen und Stühlen auf einem dafür begrenzten Raum ausgestattet werden, die gleichzeitig keinen Störfaktor für die Nutzer der neugestalteten Uferpromenade darstellen dürfen. Die endgültige Entscheidung wurde nun kürzlich vom Stadtrat mit insgesamt 19 Stimmen zugunsten des Vorschlags lediglich drei Getränkekioske einzurichten gefällt. „Wir werden sehr streng auf die Einhaltung dieser Regelung achten,“ versicherte Boutaris in diesem Zusammenhang.

3739 Ordnungswidrigkeitsverfahren im Jahr 2016

Der Bürgermeister Giannis Boutaris hält die Reaktionen der Bürger zwar für überzogen, spricht aber andererseits auch von einem gesunden Zeichen im Hinblick auf eine vorhandene und aktive Zivilgesellschaft in Thessaloniki.
„Als es zu den Protesten kam, gab es weder ein Konzept noch einen Ausführungsplan für die Aufstellung von Tischen und Stühlen, sondern nur einzelne Ideen. Unsere Absicht war es, aus den Einnahmen der Kioske die Pflege und Wartung der neuen Uferpromenade zu finanzieren und den Spaziergängern oder jenen die auf Rasenanlagen und öffentlichen Bänken ihre Freizeit verbringen möchten, Erfrischungs- und Sitzmöglichkeiten anzubieten“, erklärt er.
Auf die Frage, ob Thessaloniki seine öffentlichen Räume respektiere, antwortet der Bürgermeister sehr offen: „Wir sehen in ihnen kein öffentliches Gut, sondern eher eine Erweiterung unserer Privatsphäre. Wir entsorgen Kaffeebecher wo immer wir möchten und parken nach Lust und Laune. Damit ist Thessaloniki nicht allein. Es geht um das Fehlverhalten eines ganzen Landes und das jahrzehntelange Versagen des Staates, die geltenden Gesetze zur Anwendung zu bringen. Dazu benötigt man polizeiliche Überwachung, die gerade in den heutigen Zeiten auf das Problem des Personalabbaus im öffentlichen Sektor stößt.“
Die Daten, die von der Stadtverwaltung in Thessaloniki zur Verfügung gestellt wurden sind in diesem Zusammenhang aufschlussreich: 2016 gab es 3739 Ordnungswidrigkeitsverfahren aufgrund unerlaubter und willkürlicher Nutzung von öffentlichem Raum. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres sind es bereits 1867 Verfahren. Der Gesamtbetrag der Geldbußen betrug im letzten Jahr 2,1 Millionen Euro. Davon konnten allerdings nur 1,1 Millionen Euro tatsächlich von der Stadtverwaltung eingenommen werden. Seit Januar 2017 haben sich schon Bußgelder von etwa 1 Millionen Euro angesammelt, von denen die Stadt bis heute lediglich 52,000 Euro erhalten hat.

Die Krise und die Anarchie der Tische und Stühle

Der Architekt der Promenade Prodromos Nikiforidis ist eine Leitfigur innerhalb der Protestaktionen gegen die Einrichtung der Getränkekioske. Der preisgekrönte Architekt beschreibt die derzeitige Situation mit klaren Worten: „Die Plätze und Bürgersteige der Stadt sind voll mit Tischen, Stühlen und geparkten Autos, die Straßen blockiert von ebenso vielen Autos.“ Er bezieht sich außerdem auf ein Projekt, das von dem Unternehmer Ivan Savvidis geplant wird. Es geht um einen Yachthafen vor dem Hotel Makedonia Palace mit einem Aquarium, einem privaten Swimming Pool, Hubschrauberlandeplatz und zahlreichen Cafés sowie Tischen und Stühlen direkt auf der neuen Uferpromenade.

Die Uferfront in der Nachmittagssonne, im Hintergrund das Hotel Makedonia Palace Die Uferfront in der Nachmittagssonne, im Hintergrund das Hotel Makedonia Palace | © Goethe-Institut Athen/Kostas Koukoumakas „Es handelt sich um die Erweiterung einer privaten, direkt am Meer gelegenen Hotelanlage. Ich bin der Auffassung, dass das so nicht umzusetzen ist, ohne große Teile der Promenade der Öffentlichkeit zu entziehen. Wir leben aber leider in einer Zeit, in der alles möglich ist. Diese Pläne und die fehlende Mehrheit von Stimmen dagegen von Seiten der Stadtverwaltung beunruhigen mich“, fügt Nikiforidis hinzu.
Wird also die Schaffung neuer Arbeitsplätze und das damit einhergehende opportunistische Unternehmertum innerhalb der griechischen Krise zum Trojanischen Pferd des öffentlichen Raums? Stillschweigend oder ganz offen scheinen einige Bürger und Vertreter der Stadt Thessaloniki bei den Verstößen gegen das Recht auf öffentliche Räume zuzusehen.
„Die Krise kann nur mit einem innovativen unternehmerischen Geist bekämpft werden, der Wachstum und nicht Niedergang verspricht. Das Problem der Wirtschaft der Stadt wird jedenfalls definitiv nicht von mehr Tischen und Stühlen auf öffentlichen Plätzen gelöst“, meint Nikiforidis. Vor allem in Thessaloniki hat sich die Nutzung der öffentlichen Räume und Geschäftsviertel grundlegend verändert. Viele der beschriebenen Entwicklungen wären in dieser Form vor zehn Jahren nicht vorstellbar gewesen. Das Unternehmertum der Krise scheint einherzugehen mit einem unkontrollierbaren Wachstum von Gastronomiemöbeln auf öffentlichem Raum – es herrscht im Grunde eine Anarchie der Tische und Stühle.

Das Tätigwerden der Bürger

Jota Mouratidou und Adriana Limpa sind zwei junge Architektinnen aus Thessaloniki. Sie haben unter anderem den ersten Preis in einem griechischen Wettbewerb für die Erweiterung des alten Hafens von Patras erhalten. Neben weiteren Auszeichnungen nahmen sie auch an der Planung einer Fußgängerüberführung in Amsterdam teil. „Der öffentliche Raum ist ein Ort der dynamischen Beziehungen, welcher zu einer einheitlichen Identität der einzelnen gesellschaftlichen Gruppen führt, die dann letztlich Mitglieder eines erweiterten sozialen Raums werden“, meint Mouratidou. Sie fügt hinzu: „Der zentrale Platz in einer Stadt ist ein Ort, an dem sich Menschen sammeln, spielen, protestieren, diskutieren, auf dem Veranstaltungen und Installationen organisiert werden. Das alles ist Ausdruck eines notwendigen Miteinanders, Austausches sowie Ausdruck des kollektiven Handelns im selben natürlichen Raum.“

Die neue Uferpromenade von Thessaloniki Die neue Uferpromenade von Thessaloniki | © Goethe-Institut Athen/Kostas Koukoumakas Auf die Frage, ob für sie in Griechenland der öffentliche Raum geachtet wird, antwortet Limpa: „Die Gestaltung und Achtung des öffentlichen Raums muss für die Stadt und ihre Bürger die wichtigste Aufgabe sein. Für die Gestaltung und Pflege der öffentlichen Plätze sind die Stadtverwaltungsorgane verantwortlich. Es ist jedoch die Pflicht jedes Bürgers, diese dann zu achten und zu schützen“. Sie erzählt in diesem Zusammenhang: „Nach der Umgestaltung der Uferpromenade von Thessaloniki im Jahr 2013 haben einzelne Personen an einigen Orten der Promenade Schäden verursacht. Die Lösung dafür kam von einer Bürgerinitiative, also von den Bürgern selber, die mittlerweile mit ihren Aktionen diesem öffentlichen Platz neuen Respekt entgegen bringen und denselben pflegen und reinigen.“ Und dies ist, trotz aller Missstände, in der Tat ermutigend.