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SIFF
​Peripheral Vision

Peripheral Vision
Rigopoulos Collection, Historical Archive of Syros – GAK

Unter dem Motto Peripheral Vision präsentiert das Syros International Film Festival neue Arbeiten von Künstler*innen, die dabei aus Archiv-Fundstücken schöpfen. Wie dieser Prozess vonstatten ging und warum die Bedeutung von Archiven, wie zum Beispiel die Rigoupoulos-Filmsammlung weit über ihren engeren regionalen Bezug hinausweist – darüber spricht Jacob Moe, der Mitbegründer des Filmfestivals, mit Angeliki Psilopoulou, die diesem Archiv vorsteht.

Jacob Moe
Bei Peripheral Vision haben wir intensiv über den Begriff des Archivs nachgedacht. Die Frage war, wie es als Ressource bei der Wiederverwendung und Neuschaffung von Erzählungen dienen könne. Möchten Sie uns, ausgehend von Ihren Erfahrungen hier im Historischen Archiv von Syros, ein paar Worte dazu sagen?
 
Angeliki Psilopoulou
Der Begriff „Archiv“ ist weit gefasst. Es handelt sich dabei nicht nur um eine Handreichung oder etwas, das produziert wird, auch nicht um etwas, das in irgendeiner Weise mit der Geschichte dieses Ortes zu tun hat, sei es im weiter gefassten oder im  administrativen Sinn; das Archiv kann auch etwas sein, das im Haus von jemandem gefunden wird. Es kann ein Familienarchiv sein, das auch einen Teil der Sozialgeschichte umfasst. Wir sind soziale Wesen, und die Dinge, die wir in unseren Häusern ansammeln, sind Teile eines zusammengesetzten Ganzen.
 
Ich glaube fest an den Begriff des Archivs; an die Fotos, Dokumente, die eine Familie vielleicht aufbewahrt hat, wie zum Beispiel die Negative und Filme im Rigopoulos-Archiv, der ja selbst ein obsessiver Fotograf gewesen ist. Heute haben diese Dinge eine andere Dimension. Sie stehen für eine bestimmte Epoche. Man weiß nie, wo und wann diese Materialien verwendet werden, schließlich können wir die Bedürfnisse zukünftiger Forscher*innen nicht vorhersehen. Archive sind wichtig, weil sie Aspekte der Vergangenheit beleuchten.
Peripheral Vision 2 © Rigopoulos Collection, Historical Archive of Syros – GAK JM
Genau das ist in diesem Workshop geschehen, bei dem wir den neun teilnehmenden Künstler*innen bzw. Teams die Rigopoulos-Filmsammlung, ein Klangarchiv von Syros Sound Meetings und Filmarchive aus der Kairoer Cimatheque zur Verfügung gestellt haben. Jede*r von ihnen hat sich dabei etwas ganz anderes daraus vorgenommen.
 
AP
So ist es. Das ist der Reiz daran und zugleich der Unterschied. Die unterschiedlichen Herangehensweisen, die die Leute aufgrund ihres Hintergrunds und ihrer Ziele mitbringen. Es geht um den Kontext, aber auch um den Zweck, um das, was jemand damit erreichen will. Das ist auch das Schöne daran.
 
JM
Nehmen wir zum Beispiel die Rigopoulos-Sammlung: Wie kam es, dass sie Teil des Historischen Archivs hier wurde?
 
AP
Eines Sommers tauchte sein Neffe, der Zahnarzt Thanopoulos, auf und erzählte mir, dass er und seine Cousine, also die Tochter von Rigopoulos, beschlossen hätten, uns die Sammlung zu vermachen. Thanopoulos muss Mitglied der Syriot Association in Athen sein, und wahrscheinlich hat er von verschiedenen Mitgliedern, die uns unterstützen, von uns gehört. Vielleicht ist er auch zu Forschungszwecken hierhergekommen. Auf jeden Fall schätzte er das Archiv sehr und kam mit dem festen Entschluss, uns die Filme zu geben [...] Ich selbst kannte Herrn Rigopoulos persönlich und zwar schon aus der Schulzeit. Wirklich ein sehr lieber Mann.
Peripheral Vision 3 © Rigopoulos Collection, Historical Archive of Syros – GAK JM
Die Rigopoulos-Filme sind ein intimes Familienporträt und zugleich eine historische Momentaufnahme von Syros. Die Paraden, die Gebäudefassaden, die Kleidungsstile – sie alle vermitteln einen bestimmten Kontext [...] Obwohl es sich in erster Linie um eine historische, dokumentenorientierte Sammlung handelt, stelle ich fest, dass Sie auch Erfahrung mit audiovisuellen Medien und mit Oral History haben.
 
AP
Im Rahmen einer Ausstellung, die anlässlich des 80-jährigen Jahrestags des griechisch-türkischen Krieges von 1919-1922 stattfand [...], haben wir Einwanderer der ersten und zweiten Generation interviewt. Die Angehörigen der ersten Generation waren wirklich schon im vorgerückten Alter, und manchmal schafften wir es nicht einmal, sie rechtzeitig zu erreichen, was wirklich bedauerlich war [...]. Danach wurde dieses Material digitalisiert und auf eine Plattform hochgeladen, die den Einwanderern der gesamten Mittelmeerregion gewidmet ist. Syros war ein großes Zentrum der Einwanderung; Hermoupolis ist eine Flüchtlingsstadt. Eine erste Welle gab es 1822, damals kamen die Inselbewohner von Chios und Psara, 1824 die aus Kasos. Hundert Jahre später gab es eine zweite Welle aus Kleinasien.
 
JM
Können Sie uns auch etwas darüber erzählen, wie Sie neue Materialien in das Archiv einpflegen? Wie geht dieser Prozess vonstatten?
 
AP
Das Historische Archiv ist dem Bildungsministerium unterstellt. Es hat die Aufgabe, Archive zu identifizieren und zu inspizieren, um ihren Wert zu schätzen. Wenn sie keinen Wert haben – wenn sie zum Beispiel schon in irgendeiner Form als Duplikate existieren –, veranlassen wir deren Vernichtung. Wenn nicht, nehmen wir das Archiv an uns, dokumentieren es, registrieren es in unserem Archivregister und nehmen es in unseren elektronischen Bestand auf. Dann beginnen wir damit, es zu ordnen und zu bearbeiten. Die Herkunft des Archivs gibt in der Regel die geeignete Organisationsstruktur vor: Das Stadtarchiv ist beispielsweise nach den Kategorien Verwaltung, Standesamt usw. geordnet. Wir folgen also dieser Struktur, fügen nummerierte Ordner ein, vergeben Beschreibungen [...] und jetzt, mit unserer elektronischen Archivierungsplattform, laden wir es dort auch hoch.
 
Abgesehen davon nehmen wir Anfragen von Privatpersonen, Behörden usw. entgegen. [...] Es ist wirklich eine herrliche Arbeit, man wird ihrer nie überdrüssig. Es ist eine Reise durch die Zeit, aber gleichzeitig auch eine introspektive Reise. Wir haben im Laufe der Jahre immer wieder erlebt, dass Menschen aus aller Welt hierherkommen und Informationen über ihre seit langem verschollenen Verwandten finden [...]. Das ist die soziale Dimension des Ganzen. Aber es gibt natürlich auch die wissenschaftliche Dimension und die persönliche Dimension, zumindest meiner Erfahrung nach.
Peripheral Vision 4 © Rigopoulos Collection, Historical Archive of Syros – GAK Der Text ist eine bearbeitete und gekürzte Fassung eines Gesprächs, das im Historischen Archiv von Syros (GAK) zwischen Jacob Moe, dem Mitbegründer des Syros International Film Festival (SIFF), und Angeliki Psilopoulou, der Leiterin des Archivs, stattfand. Im Rahmen des vom Goethe Institut-Athen unterstützten SIFF-Workshops mit dem Titel „Peripheral Vision“, unter der Leitung des Filmemachers Tamer El Said, hat das Historische Archiv von Syros ausgewählten Filmemacher*innen bzw. Kreativteams drei Discs mit digitalisiertem Super-8-Filmmaterial zur Verfügung gestellt, das zwischen 1966-1972 von G. Rigopoulos gedreht wurde. Die Workshopreihe begann im September 2020 und endet auf der neunten Ausgabe des SIFF (22. bis 26. Juli 2021), wo die endgültigen Projekte präsentiert werden.
 

 

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