Thema Mutterschaft Lotte rennt auch!

Lotte
Aus: Lotte, Regie: Julius Schultheiß | © Martin Neumeyer

Bei beiden Filmen steht die Mutterschaft im Mittelpunkt, jedoch aus ganz unterschiedlicher Perspektive: Das deutsche Filmdrama “24 Wochen” der 36-jährigen Anna Zohra Berrached (dem einzigen deutschen Film im Wettbewerb der 66. Berlinale) hinterließ eher den Eindruck von Halbherzigkeit, während „Lotte“ des 30-jährigen Regisseurs Julius Schultheiss in der „Perspektive Deutsches Kino“ sich durch Schwung und Authentizität erfreulich abhob.

In „24 Wochen“ weiß Astrid, eine Kabarettistin, wie man das Publikum zum Lachen bringt, sogar mit Witzen, die von ihrem ungeborenen Kind und dem dicker werdenden Bauch inspiriert sind. Doch schnell löst sich das eingespielte Gleichgewicht zwischen kurzlebiger Medienpräsenz und glücklichem Familienleben mit einem Ehemann, der zugleich ihr Manager ist, und einem ersten Kind in Luft auf, als das Paar während der zweiten Schwangerschaft vor einem ungeheuerlichen ethischen Dilemma steht. Die Leistung der ausgezeichneten Darsteller Julia Jentsch und Bjarne Madel sowie die einfühlsame Herangehensweise der Regie an dieses schwierige Thema werden leider untergraben, wenn der Zuschauer mehr als erpresst wird, sich gefühlsmäßig zu engagieren.
 
Ganz anders wirkt, auch atmosphärisch „Lotte“, dargestellt von der hervorragenden Karin Hanczewski in der Titelrolle. Hier entwickelt sich das Drama dreier Menschen langsam, aber sicher. Schrittweise werden wenige, doch deutliche Hinweise geliefert, aus denen jeder Zuschauer folgern kann, wieso ihre gemeinsame Vergangenheit aus einem Trümmerhaufen besteht. Und wie – mit Großmut und Verständnis – der Film das Puzzle ihrer erneuten Verbundenheit zusammensetzt, in schlecht beleuchteten, dekadenten Wohnräumen, aber auch in den Straßen des heutigen Berlin, wo sie sich angstfrei bewegen. Ohne von einer „großen“ Thematik überlastet zu sein, verdankt sich die Authentizität von „Lotte“ der intelligenten Machart, mit der der Regisseur die Existenz der klugen, widerspenstigen und sich ständig an Grenzen bewegenden Lotte den verhängnisvollen Konsequenzen gegenüberstellt, die eine nicht anwesende Mutterfigur für das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter mit sich bringt. Ein echtes Talent ist Karin Hanczewski, man wird sich an sie erinnern müssen, denn auf der Leinwand wird sie vermutlich noch in bedeutenden Rollen zu sehen sein.