„A Lullaby to the Sorrowful Mystery“ We will always have Lav

A Lullaby to the Sorrowful Mystery
A Lullaby to the Sorrowful Mystery | © Bradley Liew

“Nein, das ist kein ‚langsames’ Kino. Es ist Kino“. Mit diesem entwaffnenden Satz positionierte sich der Philippiner Lav Diaz vollkommen cool bei der Pressekonferenz zu seinem achtstündigen Film „A Lullaby to the Sorrowful Mystery“.

Die 66. Berlinale zeigte dieses 485 Minuten anhaltende Schwarzweiß-Epos von Diaz im Wettbewerb, ungekürzt und mit nur einer einzigen Pause. Dies ist ein nachdrücklicher politischer Akt. Hier geht es um einen der größten Meister filmischer Erzählung weltweit. In seinen Arbeiten, besonders den beiden letzten Filmen „From What is Before“ (ausgezeichnet mit dem Goldenen Leoparden 2014 in Locarno) und dem diesjährigen Berlinale-Beitrag, wird die Zeit rituell gedehnt. 

Ästhetisch vom deutschen Expressionismus beeinflusst, aber auch von älteren philippinischen Comics und dem Film noir, befasst sich Diaz diesmal mit dem Widerstand seiner Heimat gegen die spanische Kolonialherrschaft am Ende des 19. Jahrhunderts. Die Frau von Andres Bonifacio y de Castro, dem Vater und Anführer der philippinischen Revolution, sucht in den Bergen dreißig Tage nach ihrem Mann, der von den Spaniern verhaftet worden ist und seitdem vermisst wird. Auf ihrer schmerzlichen Suche begleiten sie Frauen und Männer, die ihrerseits einen Verlust beklagen oder die schwere Last des Verrats auf ihren Schultern tragen. Vor dem narrativen Horizont dieses Meisterwerks verbinden sich mythologische Elemente, reale Ereignisse und das Gewicht der Geschichte. Nach siebzehn Jahren Vorarbeit ist nun das Kino um ein episches Werk reicher, das von Opfern eines Aufstands berichtet.

Gleich nach der vielbeachteten Vorführung äußerte sich Lav Diaz vor der Presse: „Meine Vorbilder sind Béla Tarr und Tarkowski.  Sie sollen „Slow Cinema“ gemacht haben. Das stimmt nicht. Es ist einfach Kino. Für mich ist alles Kino. Ich mache diese Unterscheidung zwischen Kunst- und Mainstream-Kino eigentlich nicht. Es geht einfach um Material, mit dem Regisseure arbeiten. Ich glaube nicht an die Idee einer von außen auferlegten Filmdauer. Daher sage ich immer, dass meine Art, Kino zu machen, frei ist. Und dieser Film nicht acht Stunden dauert. Er ist einfach Kino. Wie Lyrik, Musik, Malerei ist auch Film eine freie Kunst. Egal, ob die Leinwand groß oder klein ist: es handelt sich um Malerei. Ob wir von einem Haiku oder der Ilias sprechen: Wir haben es mit Dichtung zu tun. Auch beim Kino sind Vorgaben dieser Art nicht nötig.“

Auf die Frage, was er von seinem Land erwartet, da der Film wichtige politische Fragen stellt, sagt Diaz: „Ich warte auf Veränderung. Ein kleiner Teil der philippinischen Bevölkerung wartet auf Veränderung. Doch nicht nur auf den Philippinen, sondern weltweit. In diesem Moment ertrinken Menschen im Mittelmeer, verhungern, überschreiten illegal Grenzen. Vieles muss geschehen“.