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Utopie in meiner Stadt
Modul 5

Schule // Workshop // 15–18 Jahre // 3 Stunden // 3-4 Unterrichtseinheiten
Mindmap // Moodboard // Gesellschaft // Gemeinschaft // Aktive Bürgerschaft // Gestaltung // Geist der Utopie // Der Neue Mensch // Bauhaus in meiner Stadt

Benötigt werdeN: Utopie in meiner Stadt Silke Wittig | CC BY-NC-SA 4.0

  • Haftnotizen oder runde Moderationskarten in verschiedenen Farben und Größen
  • Flipchart-Papier
  • Marker
  • DIN-A3-Papier
  • Stifte
  • Klebestifte
  • Stoffreste und Papiere in verschiedenen Farben und Strukturen
  • Zeitschriften zum Zerschneiden
  • gesammelte Gräser und Blätter

Anleitung

In diesem Modul setzen sich die Teilnehmer*innen mit den gesellschaftspolitischen Aspekten des Bauhauses und dem Geist der Utopie auseinander. Was beinhaltete die Idee vom „Neuen Menschen“? Wie manifestierten sich die Utopie, Lebensvorgänge und somit die Gesellschaft insgesamt ästhetisch gestalten zu wollen? Nach einer zeitgeschichtlichen Einordnung werden einzelne Beispiele von umgesetzten Wohn- und Siedlungsprojekten kritisch untersucht. Welche Ziele, Vorstellungen und Utopien konnten in die Realität umgesetzt werden? Welche Utopien blieben Utopien und sind in der Umsetzung gescheitert? Nach der Einführung in die Thematik werden die Teilnehmer*innen angeleitet, die Ideen von optimiertem Wohn- und Lebensraum in den heutigen Alltag und in die eigene Stadt zu übertragen. Was möchte ich in meiner Stadt, in meinem Umfeld verändern? Was kann ich selbst mit der Gestaltung meiner Umwelt verändern? Wie wirken Farben, Form und Material? Was erzeugen sie für Stimmungen?

Schritt 1: Die Teilnehmer*innen bekommen zunächst eine Einführung in die Gründung des Bauhauses, eine zeitgeschichtliche Einordnung, die Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs sowie in die Ansprüche von Walter Gropius an die Ausbildung.

Schritt 2: Im Folgenden wird der Begriff des „Neuen Menschen“ kritisch beleuchtet, die Ziele und Prinzipien der experimentellen Ausbildung am Bauhaus erörtert und konkrete Beispiele untersucht (Sitzmöbel von Marcel Breuer, Wohnsiedlungen von Walter Gropius). Erfüllen die Objekte und Bauten den Gedanken der Utopie vom Neuen Menschen?

Schritt 3: Die Teilnehmer*innen werden aufgefordert, in kleinen Gruppen ihr alltägliches Umfeld näher zu untersuchen und konkrete Orte oder Räume zu ermitteln, die sie anders gestalten würden, um ihre Vorstellung von idealem Leben umzusetzen. Das kann ein öffentlicher Platz sein, der Schulhof, ein Ort in der Nachbarschaft, ein gemeinsam genutzter Hof im Wohnhaus, ein Sportplatz, ein Spielplatz, oder auch ein konkreter Wohnraum oder das Klassenzimmer.

Schritt 4: Wenn ein Beispiel gefunden wurde, wird eine Mindmap erstellt. Hierfür nimmt sich jede Gruppe ein großes Flipchart-Papier und ein paar runde farbige Karten oder Haftnotizen, um eine Mindmap zu erstellen. Zunächst gilt es, dem Ort einen Namen zu geben. Der Name wird auf eine bunte Karte geschrieben und in die Mitte geklebt.

Schritt 5: Nun werden auf den kleineren Karten oder Haftnotizen Aspekte notiert, die wichtig wären und den Idealzustand beschreiben. Es können einzelne Begriffe und Schlagwörter oder ausformulierte Beschreibungen sein. Hierbei sollen zunächst völlig frei und ohne Grenzen jegliche Ideen und Traumvorstellungen notiert werden, die dieser Ort im Idealfall aufweisen kann. Aspekte von Gesellschaft, Gemeinschaft, Ökologie sollen genauso berücksichtigt werden wie ganz persönliche Interessen. Es spielt erst einmal keine Rolle, ob die Ideen Utopien bleiben oder eine Chance haben, in die Realität umgesetzt zu werden. Die Karten werden kreisförmig um den Namen des Ortes geklebt und mit Linien zu ihm verbunden.

Schritt 6: Die Teilnehmer*innen betrachten nun gemeinsam ihre Mindmap. Welche Gefühle verbinden sie mit ihrem utopischen Ort? Welche Farben und Bilder assoziieren sie damit? Wie wollen sie ihn gestalten?

Schritt 7: Um ihren Ideen Ausdruck zu verleihen erstellen die Teilnehmer*innen im nächsten Schritt ein eigenes Moodboard. Hierfür können sie auf verschiedenen Materialien und Farben zurückgreifen, die sie zusammen mit Zeichnungen, Schlagwörtern oder ausgeschnittenen Bildern und Details aus Zeitschriften zu einer Collage zusammenfügen. Die Materialien sollen gefühlt und ertastet und auf ihre Wirkung untersucht werden, bevor sie ausgewählt und mit den Farben kombiniert werden.

Schritt 8: Die fertigen Mindmaps und Moodboards werden in der Klasse bzw. im Workshopraum aufgehängt und die Teilnehmer*innen stellen sich ihre Ideen gegenseitig vor. Was vermitteln die Farben, Materialien, Bilder und Beschreibungen?

Optional: Schritt 9: In einem weiteren Schritt könnten die Ideen auf ihre Umsetzung untersucht werden. Welche Aspekte könnten tatsächlich in die Realität umgesetzt werden? Was müsste dafür konkret getan werden? Was sind mögliche Probleme? Wie kann ich sie lösen? Was braucht es für ein Regelwerk, damit der Ort auch im Alltag funktioniert? Was wäre der nächste konkrete Schritt, an wen kann ich mich wenden um meine Ideen einzubringen?

Das Bauhaus propagierte von Beginn an eine reduzierte, ornamentlose, schlichte und an geometrischen Grundformen orientierte Gestaltung. Die Funktion, Produktion, Gebrauchs- und Materialgerechtigkeit sowie die Sichtbarkeit des Konstruktiven standen trotz unterschiedlicher Konzepte der Lehrenden im Vordergrund. Walter Gropius gründete die Schule 1919 mit dem Anspruch, Kunst und Handwerk zu verbinden. Ziel war die Ausbildung eines neuen Künstlertypus, der Produkte im Bereich Design und Architektur verbinden sollte, welche sich für die industrielle Massenproduktion eigneten.

Zur Zeit der Gründung des Bauhauses waren die Erinnerungen an die Schrecken des Ersten Weltkrieges noch frisch und erzeugten tiefe Verunsicherung. Viele Lehrende hatten den Krieg und die verheerende Kraft der neu eingesetzten Militärtechnik als Soldaten erlebt. Dennoch setzten sie auf den technischen Fortschritt als große Hoffnung auf ein besseres Leben. Mit experimentellen Herangehensweisen wurden die Bewegungs- und Wahrnehmungsoptionen des Menschen von Grund auf neu untersucht, um das gleichzeitig technisch und natürlich bestimmte Wesen des "Neuen Menschen" zu finden. Die Sehnsucht nach einer neuen Lebensform war groß, man träumte vom "Neuen Menschen" in einer neu gestalteten Gesellschaft.

Das Bauhaus trat mit der Idee an, Lebensvorgänge und somit die Gesellschaft insgesamt gestalten zu wollen. Walter Gropius hatte mit der Schule eine umfassende Utopie im Sinn, eine, in der sich alle freien und angewandten Künste miteinander dem "Neuen Menschen" nützlich machen, ihn erziehen sollten. Die schöpferische Utopie des Bauhauses bestand darin, unbeirrt die Realisation zu suchen und durch gemeinsame Arbeit das für richtig Erkannte in die Realität umzusetzen. Durch ihr Schaffen wollten die Lehrenden und Studierenden des Bauhauses gesellschaftliche Unterschiede beseitigen und zum Völkerverständnis beitragen.

Unter dem Leitgedanken „Volksbedarf statt Luxusbedarf“sollten vorbildliche Gegenstände für die künftige Gesellschaft produziert werden. In ihrer schlichten, einfachen Form sind die Produkte des Bauhauses eine gestalterische Revolution. Die Form ordnet sich komplett der Funktionalität unter oder anders: „form follows function“. Viele der vom Bauhaus entwickelten Produkte sind bis heute weltbekannt, wie zum Beispiel der Freischwinger-Stuhl, die Wagenfeld-Lampe oder die Bauhaustapete – den Anspruch „Volksbedarf“ erfüllen sie allerdings nicht, handelt es sich doch eher um kostspielige Design-Objekte.

Wie schon bei anderen Bewegungen, die dem Bauhaus vorangingen, galt es, eine Antwort auf die Industrialisierung und ihre Folgen zu finden. Die am Bauhaus versammelte künstlerische Avantgarde wollte zu einer gesellschaftsverändernden Kraft werden und einen modernen Menschentyp und seine Umwelt formen. In einer transdisziplinären Werkgemeinschaft sollte der „Bau der Zukunft“ erdacht und erschaffen werden. Die Herausforderung bestand darin, diese großen Zukunftsideen in einen realen Ausbildungsgang münden zu lassen. Das Engagement war mit einem starken sozialen Anspruch verbunden, doch lassen sich zahlreiche Ambivalenzen im Schaffen und Denken des Bauhauses zwischen Anspruch und Wirklichkeit feststellen. Gropius propagierte eine Vereinbarkeit von Individualisierung und Standardisierung, die nicht nur in bautechnischer Perspektive unrealistisch war. Die Gleichzeitigkeit von Individualisierung und Einheitlichkeit stieß im Wohnungsbau schnell auf schon äußerlich sichtbare Grenzen. Dennoch reichen Wirkung und Einflüsse des Bauhauses bis in die Gegenwart, insbesondere die modellhafte Haltung und der Wille, die Dinge von Grund auf neu zu denken.
Zitat von Lothar Schreyer:

„Das Wort Utopie geisterte seit einiger Zeit durch das Bauhaus und alle in Weimar, die mit dem Bauhaus in Berührung kamen. Und so habe man sich auch geängstigt, inwieweit das Bauhaus Wirklichkeit sein könnte und wieweit es eine Utopie bleiben müsse. Schließlich ist Utopie die Konstruktion einer Idee, deren Verwirklichung der Außenstehende von vornherein für unmöglich hält“.

Angela Pfotenhauer schreibt im Juni 2009 für monumente-online.de in ihrem Essay „Fasse Dich kurz!“ Vor 90 Jahren forderte das Bauhaus Revolution - statt Dekoration:

„[...] Mit dem 'Neuen Bauen' wollte man Räume schaffen für den 'Neuen Menschen'. Und der neue Mensch, das war der souveräne Bürger der demokratischen Gesellschaft, in der Arbeiter und Angestellte die gleichen Rechte und Pflichten besaßen wie Industrielle und Großbürger. Dem Bauhaus ging es um Revolution, nicht um Dekoration. Und Revolution funktioniert nicht mit hochpreisigen, selbstverliebten Einzelstücken für eine kleine Geschmackselite. Deshalb gehört es zum Programm, jeden Produktionsprozess zu beobachten, um ihn zu vereinfachen, damit man billiger und schneller größere Mengen erhält.

Wer in den Zwanziger Jahren als Architekt für die Kommune arbeitete, sah jeden Tag, ob in Berlin, Dessau oder Frankfurt am Main die große Armut und die Folgen epidemisch sich ausbreitender Krankheiten wie Tuberkulose durch unhygienische Wohnsituationen und schlecht beheizbare und belüftete Räume. Die Herausforderung lautete damals wie heute: Wie kann man in Zukunft mehr Menschen sauberes, gesundes, bezahlbares Wohnen ermöglichen? Es geht nur, wenn man den Bauvorgang selbst analysiert, dann rationalisiert, die Maße normiert, wo es möglich ist, die Bauelemente unabhängig von Wetter und Jahreszeiten produziert und sie dann auf der vorbereiteten Baustelle zügig zusammensetzt. Unter diesen Aspekten hatten Schüler und Lehrer des Bauhauses mit einigen Versuchshäusern experimentiert - wie man das in Serie, gleichsam ins echte Leben, übertragen kann, zeigte dann Ernst May mit seinem Generalbebauungsplan für Frankfurt am Main. [...]“


Quelle:
https://www.monumente-online.de/de/ausgaben/2009/3/fasse-dich-kurz.php#.XJT6_5Pgrcs
Vom Bauen der Zukunft– 100 Jahre Bauhaus, Niels Bolbrinker, Thomas Tielsch, D 2018 | 90 Minuten
https://verleih.polyfilm.at/film/vom-bauen-der-zukunft/

bauhaus utopien. Arbeiten auf Papier, Herzogenrath, Wulf (Hrsg.), Edition Cantz, Stuttgart 1988, Paperback, ISBN: 3922608973
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