Die App des Goethe-Instituts Auf Spurensuche der Deutschen in Thessaloniki

Megaro Victoria/ Versicherungsgesellschaft Victoria zu Berlin in Thessaloniki
Megaro Victoria/ Versicherungsgesellschaft Victoria zu Berlin in Thessaloniki | Goethe-Institut Thessaloniki / George Kogias

Es ist ein besonderer Spaziergang auf der Suche nach der deutschen Präsenz in Thessaloniki. Mithilfe der App des Goethe-Instituts können Besucher der Stadt deutsch-griechische Geschichte mit ihrem Handy erkunden.

Erster Halt ist der Platz der Justiz. Die beiden Stadtführer des Unternehmens dot2dot, die das Goethe-Institut bei dem Spaziergang unterstützen, erzählen von der Ankunft der ersten deutschen Reisenden in Thessaloniki im 18. Jahrhundert, während die Teilnehmer die „Deutsche Spuren“-App auf ihrem Handy öffnen: der digitale Reiseführer über Orte in der Stadt, die eine Verbindung zu Deutschland haben. Heutzutage laufen in dieser Gegend Anwälte mit Aktentaschen umher und verhelfen Bürgern zu ihrem Recht. Aber war dies immer so?

Ende des 19. Jahrhunderts stand hier die erste deutsche Schule von Thessaloniki. Eine gemischte, multinationale Schule in der aufgrund der Bewunderung, die die Deutschen für die griechische Kultur hegten, zum Beispiel die griechische Sprache, aber auch der Ausbau des Schienennetzes in der Region, durch die deutsche Betriebsgesellschaft der orientalischen Eisenbahnen, auf dem Lehrplan stand. „Obwohl ich jeden Tag daran vorbei gehe, wusste ich nicht, dass dieses Gebäude einmal die deutsche Schule war“, sagt Konstantina Chrysochoidou, eine Teilnehmerin und fährt fort: „Ich dachte fälschlicherweise, dass die orientalischen Eisenbahnen von einer französischen und nicht von einer deutschen Gesellschaft gebaut wurden“.

Die Epoche des Friedens und der Handelsbeziehungen

Nächster Halt ist das alte Hotel Colombo. Nichts deutet darauf hin, dass hier einmal ein Luxushotel stand, ein Treffpunkt der multikulturellen Gemeinde des damaligen „Frangomachalas“. Die Tür des Hotels öffnet der Besitzer des benachbarten Ladens, denn das Gebäude ist normalerweise abgeriegelt und verlassen. Auf den dunklen Gängen des Hotels erfahren die Teilnehmer dann, dass es die Zeit der Anbindung von Thessaloniki an Mitteleuropa durch die Eisenbahn war, die viele Deutsche in die Stadt brachte und dem Hotel ruhmreiche Zeiten bescherte. In der Nähe waren auch das deutsche Konsulat, der deutsche Kegelclub und die evangelische Kirche. Handelsreisende, Ingenieure und Angestellte deutscher Unternehmen gaben der Stadt Auftrieb.
 
Doch das große Feuer von Thessaloniki im Jahr 1917 und der Erste Weltkrieg brachten diesen Auftrieb zum Stillstand. Viele deutsche Gebäude verbrannten, andere wurden im Krieg konfisziert, was vielen Deutschen in der Stadt einen Schlag versetzte – doch nicht allen. „Die deutsche Versicherungsgesellschaft Victoria zu Berlin musste während des Ersten Weltkrieges keine Entschädigungsleistungen auszahlen, weil sie in dieser Zeit nicht in Thessaloniki vertreten war, was ihr die Gelegenheit verschaffte zwischen den beiden Weltkriegen eine Vormachtstellung in der Stadt einzunehmen,“ erklärt Vassilis Nanis, einer der Begleiter auf dem Spaziergang, in der Hand den Schlüssel des Prachtbaus Megaro Victoria, in dem die Büros der Versicherung untergebracht waren.

Die schwarzen Spuren der Besatzung

„Das osmanische Thessaloniki, einst eingeschlossen in seine Stadtmauern, wird zum Tor des Balkans. Einen wichtigen Beitrag dazu leisteten die ausländischen Gemeinden der Stadt. Deutsche und Juden lebten friedlich im gleichen Stadtviertel“, betont Nanis. Deutsche Architekten wie Ernst Ziller brachten neue architektonische Strömungen nach Griecheland und bereicherten Thessaloniki mit prächtigen Gebäuden. Doch nur bis zum Zweiten Weltkrieg, denn die schönen Bauten im Zentrum der Stadt wurden von den deutschen Besatzern konfisziert und für die Unterbringung der Gestapo und anderer Behörden ihrer Militärverwaltung genutzt. Dort wurden Griechen und Juden von Nazischergen eingesperrt, gefoltert und hingerichtet; das Leben der Stadt versank im Dunkeln.
 
Aber es gab auch hellere Geschichten aus dieser Zeit wie die, die Vasiliki Kartsiakli aufgespürt hat. Kartsiakli ist die Gründerin des Start-up-Unternehmens dot2dot, das Kulturspaziergänge organisiert. „Auf einer Reise von Thessaloniki nach Euböa mitten in der Besatzungszeit, stößt ein griechischer Kapitän mitten auf See auf deutsche Schiffsbrüchige, deren Schiff gerade von einem britischen Schiff getroffen worden war und nimmt sie an Bord. Auf den Protest seiner griechischen Passagiere antwortet er: Das sind keine Deutschen, das sind Menschen im Meer. Es gibt immer zwei Seiten der Medaille. Sicher ist, dass die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt werden dürfen.“

Eine Geschichtslektion

„Die App ist für alle kostenlos. Jeder kann sie sich auf sein Handy oder Tablet herunterladen. Es gab ein überwältigendes Interesse für unsere Aktion und wir haben eine lange Warteliste für den nächsten Spaziergang im Oktober im Ostteil der Stadt“, sagt Marianna Pyloridou vom Goethe-Institut Thessaloniki der Deutschen Welle.
Eine moderne Geschichtsstunde für jedermann? Vielleicht... denn wie eine Teilnehmerin des Spaziergangs, Frau Chrysochoidou betont, „alle hören wir die gleichen Dinge, aber jeder verarbeitet sie anders.“