DEUTSCHE SPUREN IN THESSALONIKI FÜHRUNG ZU HISTORISCHEN PUNKTEN DER STADT

Die Orientbank, gegründet 1904 in Athen, gehörte der griechischen und deutschen Nationalbank zu gleichen Teilen.
Die Orientbank, gegründet 1904 in Athen, gehörte der griechischen und deutschen Nationalbank zu gleichen Teilen. | Goethe-Institut Thessaloniki/Goerge Kogias

Erste Deutsche Schule, Orientbank, Kegelklub und Soldatenhaus – mit der App „Deutsche Spuren Griechenland“ lässt sich Thessaloniki neu entdecken.

Wie haben die Deutschen die nordgriechische Metropole geprägt? Welche Spuren haben sie hinterlassen? Das Goethe-Institut hat 2016 eine entsprechende Smartphone-Anwendung für Athen und nun auch für Thessaloniki herausgebracht. Enthalten ist eine Stadtkarte, in der Orte markiert und Informationen in Form von Text, Bild und Audio hinterlegt sind. Mit der App können sich nicht nur Kenner, sondern auch Neulinge auf den Weg machen, um die Stadt zu erkunden.

GEFÜHRTE TOUR

Am besten funktioniert das jedoch mit einer geführten Tour, die die Stationen moderierend zu einer inhaltlichen Route verbindet – so wie das Vasiliki Kartsiakli und Basil Nanis vom Tour-Anbieter dot2dot an einem Samstag im September perfekt vorführten. Vor dem Gericht in der 26is Octovriou-Straße versammeln sich rund 30 Interessierte für den Rundgang. Während der konkrete Straßenname an die Befreiung Thessalonikis von der osmanischen Herrschaft erinnert, bewegen sich Zuhörer in der Zeit gedanklich zurück. Ruhig und konzentriert lauschen sie.

Die beiden Guides Vasiliki Kartsiakli und Basil Nanis Die beiden Guides Vasiliki Kartsiakli und Basil Nanis | Goethe-Institut Thessaloniki / Marianna Pyloridou „Schon im 14. Jahrhundert gab es Deutschsprachige, als sich aschkenasische Juden aus Nordeuropa infolge eines Pogroms niederließen.“ Durch den Bau der Orientalischen Eisenbahn im 19. Jahrhundert siedelte sich erstmals eine nennenswerte Zahl Deutschsprachiger an. Viele Teilnehmer nicken wissend: Das Osmanische Reich wollte den Staat so modernisieren und heuerte deutsche Ingenieure an. Von großer Bedeutung war ab 1880 die Verbindung nach Belgrad, die den Anschluss nach Europa sicherstellte. Zwischen 1886 und 1888 gründeten die deutschen Mitarbeiter die erste Schule, die ersten beiden Gebäude befanden sich unweit des heutigen Gerichts. Angefangen mit 17 Schülern lernten hier 1914 rund 455 Kinder verschiedener Nationalitäten. Das Besondere: Auch Griechisch wurde unterrichtet. Heute ist von den Schulgebäuden nichts übrig.

„WAS IST KEGELN?“

Ein verfallenes Haus bietet die nächste Kulisse, stadteinwärts, Frangon/Leontos Sofou: Die Gruppe darf das erste Luxushotel, „Hotel Kolombo“, betreten. Im Dunkeln mit smarten Taschenlampen wird über die nächsten Entwicklungen berichtet: Das deutsche Konsulat wurde 1887 errichtet, die Evangelische Gemeinde deutscher Sprache gründete sich. „Was brauchte die Gemeinde noch“, fragt Nanis rhetorisch – „Freizeit“. Neben dem alten Hotel befand sich der Kegelverein, mitten im ehemaligen Banken- und Geschäftsviertel – ebenso eine Verbindung zur zunehmenden Investorenaktivität bei der Bahn.

Auf der Frangon-Straße befindet sich die Villa der Ottomanischen Bank, heute Konservatorium, eine Parallelstraße unterhalb die Filiale der Orient Bank, die der deutschen und der griechischen Nationalbank gehörte. Bulgarische Separatisten wollten die Ottomanische Bank bei einem Sprengstoffanschlag zerstören, trafen aber das Hotel und den Kegelverein. „Was ist Kegeln?“, fragt eine Frau. „Man braucht dafür eine Bahn“, antwortet Nanis kurz. Seinerzeit kegelten mehrheitlich Nicht-Deutsche, nach dem Sprengstoffanschlag gründete sich ein deutscher Verein an anderer Stelle. Wieder draußen, im Durchgang nebenan, kann die Teilnehmerin es ausprobieren: Im zweiten Anlauf wirft sie die mitgebrachten Plastikkegel unter Applaus und Lachen mit der Kugel um.

VON DER DUNKELHEIT ZUR KULTUR

Vom fünften Stock des „Colors Urban Hotel“ auf der Einkaufsstraße Tsimiski hat man eine gute Aussicht. Gegenüber steht das Megaro Koffa im Wiener Sezessionsstil. Von griechischen Architekten erbaut ist es ein gutes Beispiel für kulturelle Einflüsse aus Mitteleuropa. Bei den nächsten Markern werden eher Orte angesprochen, die während der NS-Besatzung von Deutschen vereinnahmt wurden, aber ursprünglich nicht von Deutschen initiiert worden sind: der Freiheitsplatz gehört dazu, die Einheit 510 in der Aristotelous-Straße 6, die einstige Unterhaltungsstätte „Soldatenhaus“ in der Agias-Sofias-Straße 2. Doch auch die wirtschaftliche Präsenz im Orient zur Jahrhundertwende wird durch das erste Kaufhaus „Tiring“ und die Versicherung „Victoria zu Berlin“ belegt.

Die Tour endet wieder mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg, im Treppenhaus des Megaro Koniordou an der Promenade. Hier war der Verwaltungssitz von Max Merten, dem Militärbefehlshaber Südost, der hier die Enteignung und den Massenmord an den griechischen Juden abwickelte. Nach dem Krieg nahm das Goethe-Institut in denselben Räumen seinen Betrieb auf. Nanis von dot2dot resümiert: „Ein Ort dunkler Geschichte konnte ein Ort für Bildung und Kultur werden, an dem die  deutsche Sprache gelernt wurde.“ Die Teilnehmer wollen applaudieren. Das ist aber nicht möglich, man hat nur ausnahmsweise Zutritt zum Megaro, das jetzt in privaten Händen ist. Spezialisierte Stadttouren erfreuen sich einer lebhaften Nachfrage. Der Reiz besteht freilich in den unterschiedlichen Deutungen rund um die Stationen deutschen Wirkens, weniger in dem, was noch vorzufinden ist. Eine zweite Tour im Osten der Stadt, Sitz des heutigen Goethe-Instituts, und weitere Marker in der App sind geplant.