GEDICHTE VERLEGEN "Lyrik vereint Länder, Nationen, Sprachen, Menschen!"

Nestoras Poulakos
Nestoras Poulakos | Nestoras Poulakos

Gespräch mit dem Verleger Nestoras Poulakos von Vakxikon.gr

Herr Poulakos, welche Rolle spielt die Lyrik in der Literatur Griechenlands?

Die Lyrik ist von Beginn an ein wesentliches Element der griechischen Literatur. Genauer: Die griechische Lyrik hat tiefe Wurzeln in der Tradition und zählt zu den bedeutendsten und ältesten der Welt. Zwar “hilft” die griechische Sprache den Dichtern nicht unbedingt, international bekannt zu werden. Denn bis auf die Nobelpreisträger Seferis und Elytis kennt man im Ausland kaum griechische Dichter – auch wenn das so natürlich nicht berechtigt ist; aber die lyrische Produktion ist weiterhin groß und vielfältig. Meiner Meinung nach hat sich die Rolle der Lyrik hier zu Lande im Laufe der Zeit nicht verändert. Sie ist und bleibt ein Symbol und ein Ausdruck von Qualität, wenn auch nur für wenige. Dennoch ist sie auch dem breiteren Publikum ein Begriff; besondere Wertschätzung erfährt sie aber naturgemäß in Bildungskreisen.
 
Wie ordnen Sie die griechische Lyrik im Vergleich zur Lyrik anderer Kulturen ein?


Es geht mir prinzipiell nicht darum, Literaturen zu vergleichen – und schon gar nicht Lyrik. Ich glaube, das ist nicht der Punkt. Genauso wenig halte ich von dem Begriff einer „nationalen Dichtung“, auch wenn solche durchaus geschrieben wird. Poesie wird in einer internationalen „Sprache“ geschrieben und unabhängig von Nationen und Kontinenten von allen verstanden. In diesem Sinne ist auch das Motto unseres Projekts „Anthologien Junger Dichter“ zu verstehen: Lyrik vereint Länder, Nationen, Sprachen, Menschen!
 
Gibt es wichtige Aspekte, die die griechische Lyrik mit der Lyrik anderer Länder verbinden?

Die Sprache verbindet die Lyrik aller Kulturen. Gemeint ist die internationale Sprache der Poesie. Die griechische Lyrik, die zwar über eine lange Tradition, jedoch nicht über einen populären Klang verfügt, kann überall gelesen werden und mit allen anderen Literaturen verbunden werden. Vorausgesetzt natürlich, der Leser ist überhaupt bereit, sie wahrzunehmen, und besitzt den richtigen Instinkt dafür. Einen poetischen Instinkt.
 
Aus welchem Grund legen Sie in Ihrem Verlagsprogramm den Schwerpunkt auf die Veröffentlichung lyrischer Werke?

Viele Gründe sprechen dafür, dass wir uns mit Lyrik befassen. Ausgangspunkt war, dass Lyrik uns immer besonders interessiert hat, zunächst als Leser und später als Schreibende. Wir gründeten die Literaturzeitschrift Vakxikon.gr, die von Beginn an eine lyrische Orientierung hatte. Selbstverständlich hat sich das auch im Verlag fortgesetzt. Wir veröffentlichen griechische Lyrik, weil wir an sie glauben. Was uns jedoch auszeichnet, wenn ich das so sagen darf, ist unser Engagement für die Übertragung und Verbreitung ausländischer Lyrik in griechischer Sprache. Daran arbeiten wir nicht nur gelegentlich, sondern setzen uns fortwährend und systematisch dafür ein. Dabei berücksichtigen wir auch Klassiker und Dichter, die bereits mehrfach übersetzt worden sind.
 
Wer sind Ihre Lieblingsdichter – griechische und deutsche – und warum?


Nikos Karouzos und Paul Celan. Weil sie hoffnungslos sind, aber zugleich menschlicher als die Menschen um sie herum, die sie missachteten. Weil sie in einer unverwechselbaren Sprache gesprochen und geschrieben haben. Und auch wenn diese Sprache vielen schwierig erscheint, ist sie doch viel zugänglicher als die „weltliche“.
 
Welches ist Ihr Lieblingsgedicht (wenn Sie sich für eines entscheiden müssen) – und warum?


Nie ließ ich mich auf Zahlen ein oder auf anderes Schlagwerk
noch nannte ich je die Menschheit eine Truppe schöner Geschöpfe,
doch das ist wahr, an den Klippen der Wildnis gleicht der Flug
einer Vergebung und unser Sinn
schuppt immer noch Poseidon im Ozean – ein scharfer Betrug
bei der bitteren Schufterei unserer Todesangst,
ein Schreckensbild der Vollmondhimmel und darüber die idiotische Sonne
der Ansporn meines Schattens tagein tagaus.
Als ob! – Die Sonne steht in unserer Schuld, meine Herren, auch ohne Lobgesänge!
Reichlich scherzen die Blüten, und beuge ich mich dem Geruchssinn
der Duftsalbe der Mutter dem heiteren Yasmin
so haben mich schon immer Sokrates Stunden gestört
kurz vor dem wohlschmeckenden Tod
und herrisch tosende Donner nutzen die Mitternacht
die Bojaren des Himmels
schimmern und schlitzen auf
mit gnadenlosen Schwertern
den Bauch der Nacht.
Und ich, zum Staunen verdonnert, dehne die Galaxien
erhebe mich als Traum
verbanne die Realität und kann mich eben erinnern
an jene Vene des Unsichtbaren
an den geflochtenen Rauch in schmerzlosen
Höhen. Hier sind wir alle stur.
 
-Anna, was ist?
-Sie greifen an.
-Leb wohl, Anna! Wir müssen sterben.
-Nikolaj, ich habe dich aus meinem ganzen Sein geliebt.
-Ein andermal, das wird schon wieder, Anna.
 
[... et Dieux font un tapis zu dieser Stunde mit dem Eis
unter den Sohlen der Genossen gegenüber,
damit sie hinüber schwebten.
 
Und man gab einem jeden, was er nötig hatte -
KRONSTADT

Aus Nikos Karouzos´ „Neolithische Nachtmusik in Kronstadt“ (übersetzt von Elena Pallantza).
Weil die Geschichte ins alltägliche Freiheitsgefühl und in den Durst des Menschen nach Revolution hineindringt.
 
Warum legen Sie in der Reihe „Anthologien Junger Dichter“ den Fokus auf Dichter unter vierzig Jahren?


Wir wollten gewisse Grenzen und Kriterien für die Auswahl aufstellen, denn wir wollen keine allgemeinen und undefinierten Sammlungen präsentieren, also nicht so etwas wie „die besten Dichter“. Wir möchten Gegenwartslyrik vorstellen, Gedichte jüngerer Künstler, die bereits erste Erfolge vorzuweisen haben. Auf die Weise hat sich als eines unserer Kriterien das Alter herausgebildet: Unserem Eindruck nach markiert in Europa das Alter von vierzig Jahren in der Kunst oft eine Art Übergang. Wenn er über Vierzig ist, hört der Dichter auf, „jung“ zu sein. Er oder sie gilt dann als erprobt, hat sich der Öffentlichkeit ausgesetzt. Und irgendwann sollten diese erfahrenen Lyrikerinnen und Lyriker dann – sofern sie es verdienen – zu den "etablierten" Dichtern zählen.  
 
Welche Reaktionen ruft das Projekt „Anthologies of Young Poets“ in Griechenland hervor?

Es ist noch zu früh, um von nachhaltigen Reaktionen zu sprechen. Wir haben erst sechs von den geplanten vierundfünfzig Büchern der Reihe herausgebracht. Aber alle, die sich bisher damit befasst haben, loben uns für die Initiative. Natürlich kommen die meisten positiven Rückmeldungen aus dem Ausland, von Institutionen, Dichtern, Herausgebern von Anthologien und Übersetzerinnen und Übersetzern. Denn unsere Reihe gibt ihnen die Möglichkeit, ihre Literatur und ihre Arbeit in einem anderen Land, in einer schwierigen Sprache zu vermitteln.
 
Welche Tendenzen beobachten Sie in der griechischen Gegenwartslyrik?

Die individuelle Vision spielt nach wie vor die Hauptrolle in der griechischen Dichtung. Wie könnte es auch anders sein? In den letzten Jahren gab die Krise dem Denken einen anderen Ton und eine andere Richtung, eine politische und soziale Dimension. Der innere Blick des Dichters bleibt jedoch unveränderlich.
 
Welche Rolle wird die Dichtung Ihrer Meinung nach zukünftig spielen?

Ich glaube daran, dass Dichtung sehr wohl in der Lage ist, die Welt zu verändern.
 
Was bedeutet Dichtung für Sie persönlich?


Sie ist meine Zuflucht, meine Stütze oder, mit anderen Worten, mein Sauerstoff. Und seit einigen Jahren auch meine Arbeit.


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Erstveröffentlichung auf dem Literaturportal www.litrix.de, das seit 2004 deutschsprachige Neuerscheinungen vorstellt und deren Übersetzung fördert.