Streulicht

Deniz Ohde: Streulicht. Roman. © Suhrkamp Verlag Deniz Ohde: Streulicht. Roman.
Berlin: Suhrkamp Verlag, 2020, 284 Seiten.


Deniz Ohdes (geb. 1988) Erstling Streulicht handelt davon, wie es ist, als Außenseiterin in einem geschlossenen Ort aufzuwachsen, wo alles, die Luft, die man atmet, die Gerüche, die Gespräche, die Gesten und die Haltungen einen bedrängen und festbinden. Die Protagonistin und Ich-Erzählerin des Buches – Tochter eines deutschen Fabrikarbeiters und einer türkischen Migrantin – besucht den Ort, an dem sie ihre Kinder- und Jugendjahre verbrachte, einen Industrievorort von Frankfurt, und kehrt gedanklich zu einer Vergangenheit zurück, die von der Erfahrung der Marginalisierung und der Ausgrenzung geprägt wurde. Streulicht handelt von der tiefen Unruhe, die man bei der Feststellung seines Andersseins spürt, und anschließend von dem leidenschaftlichen Versuch, dieses Anderssein zu verdecken und zu verleugnen; von dem Kampf, sich in eine national homogenisierte Normalität, in ein sozial akzeptables Wir zu integrieren; von der Meißelung einer Jugendexistenz anhand von Geboten und Verboten; von der ruhigen Gewalt, die sich wie Licht ausbreitet und einen durchbohrt; von der Armut, vom mit ihr einhergehenden Schamgefühl, vom täglichen Rassismus, vom Entzug und vom Verlassen; von der Fixierung auf eine Identität, die einem von anderen auferlegt wurde und die man nicht abschütteln kann, auch wenn man es schafft, fortzugehen, um etwa in einer anderen Stadt zu studieren. Und all das gelingt Deniz Ohde mit einer ruhigen, nüchternen, äußerst präzisen, auf jeden überflüssigen Schmuck verzichtende Sprache, die trotz ihrer Beschreibungswucht zu verschweigen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren weiß. Ein durchaus bemerkenswertes Debüt, das es auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2020 schaffte.


Marina Agathangelidou © Marina Agathangelidou Von Marina Agathangelidou
Marina Agathangelidou, geboren 1984 in Athen, lebt in Berlin. Sie studierte Theaterwissenschaft und literarisches Übersetzen in Athen und promovierte anschließend am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin. Seit 2006 ist sie als freie Übersetzerin tätig.


Titel von Deniz Ohde im Online-Katalog der Bibliothek.
Suhrkamp Verlag
 

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