28 Übertragungen aus dem Neugriechischen

Posadowsky mit seinen Enkelinnen Nicolette und Marion Posadowsky mit seinen Enkelinnen Nicolette und Marion

Es ist fast ein Vierteljahrhundert verflossen, seitdem ich in meinen ersten hiesigen Wochen Übertragungen aus den Jahren 1945-47 als „50 Gedichte aus sieben Sprachen“ zusammenstellte. Vor einigen Tagen nahm ich sie wieder zur Hand, um für meinen alten Freund und Kollegen im Goethe-Institut Richard Wolf zum 80. Geburtstag einen Anzahl davon zu tippen. Dabei musste ich erneut feststellen, dass der abschließende „kurze Kommentar zu Dichtern und Gedichten“ unvollständig geblieben, nur bis zu Ben Jonson gekommen, also ergänzungsbedürftig war, und ich hatte gleichzeitig den Wunsch, die kleine Sammlung wie die drei Bände „Griechische Briefe an Irene“ binden zu lassen. Um sie abzurunden, habe ich 28, meist in den Jahren 1956-58 entstandene Übertragungen aus dem Neugriechischen hinzugenommen, was nun einen normalen Band von über 100 Seiten ergibt.

Die Beschäftigung mit neugriechischer Lyrik war mir in den schweren, arbeitsreichen ersten hiesigen Jahren eine willkommene Ablenkung, zugleich nützlich zur Erweiterung meiner Sprach- und Literaturkenntnisse. Sie hat auch den Anstoß zu einem Vortrag „Neugriechische Lyrik in deutscher Sprache“ gegeben, den ich deutsch und griechisch öfters gehalten habe und der von allen meinen Vorträgen am erfolgreichsten gewesen ist. Einige dieser Übertragungen habe ich zuerst meinen Schülern des Oberkurses vorgelesen, denen ich auch manche Anregung verdanke.

Die hier vereinigten 28 Übertragungen stellen etwa die Hälfte von allen dar – ich habe damals auch schwache und belanglose Gedichte gewählt, die im Deutschen nicht besser geworden sind. Auch so bleibt noch ein starkes Übergewicht der Übertragungen aus dem Neugriechischen gegenüber den anderen Sprachen. Ich habe in diesen Nachtrag auch eine Anzahl humoristischer und satirischer Gedichte aufgenommen, wie sie in der ersten Sammlung etwas zu kurz gekommen sind. Auf eine Wiedergabe des Originals habe ich verzichtet, da ich keine griechische Schreibmaschine besitze und überdies die Tipperei mit erheblicher Mühe verbunden gewesen wäre, doch sind alle Gedichte in der großen Anthologie von Apostolidis zu finden, also leicht zugänglich.

[...] Es ist nicht anzunehmen, dass ich mich in Zukunft noch mit poetischen Übertragungen plagen werde, denen ich jedoch in Spanien und Griechenland auch viele schöne Stunden verdanke. Ich hoffe, dass auch meine Enkelinnen einmal etwas Freude an den Gedichten haben, dadurch vielleicht sogar zu eigenen Übertragungen angeregt werden.
 

Fünf dieser Übertragungen sollen hier vorgestellt werden:

  • Athanas
  • Karyotakis
  • Kavafis
  • Papntoniou
  • Porphyras

Georgios Athanas (1893-1988)
Die regungslosen Damen der Provinz


Auf meinen Reisen finde oft ich Frauen
in der Provinz, vom Leid gedrückt und bleich,
die leben immerfort in einem grauen,
von Langeweil und Ehren vollen Reich.
 
Im düsteren Salon sie sich bewegen,
als seien in den Hades sie verbannt.
Die Fremden nah´n, umsonst sie sich erregen
und bieten ihnen ihre zarte Hand.
 
Oft solche Händchen ich zum Mund führte.
Sie waren kalt, erfroren, leichenhaft,
als ob der Tod sie heimlich schon berührte,
wenn auch vergeblich, erst mit halber Kraft.
 
In dieser öden Atmosphäre schlagen
vergebens Pulse einer freien Lieb´ -
die goldnen Eheringe, die sie tragen,
ersticken einen jeden Herzenstrieb!
 
Die Ehemänner halten streng auf Sitte
und dennoch oft die Armen hintergeh´n.
Kurz flammt die Eifersucht in ihrer Mitte,
doch dann zuerst  s i e  um Verzeihung fleh´n.
 
Sie hatten nie ein Kind; wenn doch, das eine,
ist es gestorben schon an Masern jung;
sie küssen blonde Härchen insgeheime
und weinen immer voll Erinnerung.
 
Sie suchen Trost in der Musik alleine
und in den ungehemmten Tränen viel,
(ach ja! und manche gründen auch Vereine
mit religiösem und sozialem Ziel.)
 
Sie schau´n mich an, als wollt ich sie verführen,
die regungslosen Damen der Provinz.
Kaum bin ich fort, sitzen sie an Klavieren,
und ihre Herzen füllt ein Märchenprinz.
 
Doch keine darf von ihnen allen hoffen,
zu füll´n ihr Leben, das unendlich leer ...
Wie viele solcher Frau´n hab ich getroffen!
Und keine einzige vergess ich mehr.


Konstantinos Kavafis (1863-1933)
Die Stadt


Du sprachst: „Ich geh in andres Land, ich geh zu andern Meeren.
Ich finde eine andre Stadt, die besser ist als hier,
wo sich ein jegliches Bemüh´n zum Urteil formte mir
und wo mein Herz gestorben und begraben.
Wie lange soll in diesem Pfuhl mein Geist die Bleibe haben?
Wohin mein Aug ich wende in der Näh
elende Lebenstrümmer rings ich seh,
wo ich so viele Jahre tat zertreten und zerstören.“
 
Du findest keinen neuen Ort, kommst nicht zu andern Meeren.
Die Stadt folgt dir bei jedem Schritt. Auf Straßen alterst du,
die ewig gleich. Und unter gleichen Nachbarn alterst du;
dein Haar in gleichen Häusern wird ergrauen.
Stets kommst in diese Stadt du nur, hoff andre nicht zu schauen.
Es gibt kein Schiff für dich, gibt keinen Pfad.
So wie dein Leben du schon hier zertratst
in diesem Winkel, wirst du ´s in aller Welt zerstören.


Kostas Karyotakis (1896-1928)


Der Tod sind Krähen, die sich niederlassen
auf schwarzen Mauern und verfaulten Giebeln;
der Tod die Weiber, die sich lieben lassen,
als schälten in der Küche sie die Zwiebeln.
 
Tod sind die schmutz´gen Gassen, deren Schilder
mit Namen prunken, eine Ruhmesode;
am Meere der Olivenhain, und selber
die Sonne, Tod inmitten aller Tode.
 
Ein Tod der Polizist, dem man zum Hohne
die Mahlzeit mangelhaft bereitet hatte;
die welken Hyazinthen am Balkone,
und Tod der Lehrer mit dem Zeitungsblatte.
 
Prewesa: Basis, Garnison, Behörden.
Der Standmusik wird man am Sonntag lauschen.
Ich ließ auf einer Bank, um reich zu werden,
mir dreißig Drachmen für ein Büchlein tauschen.
 
Des Abends spät ich an die Mole haste.
„Bin ich?“ und muss die Frage mir verneinen.
Es naht das Schiff. Die Flagge hoch am Maste.
Vielleicht wird uns der Herr Präfekt erscheinen.
 
Ach, möchte doch inmitten dieser Leute
ein einziger aus Ekel nur krepieren ...
Wir würden schweigend und gemessen heute
uns alle beim Begräbnis amüsieren.


Zacharias Papantoniou (1877-1940)Der Papagei
 
Als er gelernt die Worte „Guten Morgen“,
sprach augenblicks zu sich der Papagei:
„Nun kann ich Deutsch, bin hochgelehrt wie drei;
was sitz ich hier verborgen?“
 
Er zieht sein allergrünstes Jäcklein an,
sich beim Kongress der Vögel einzufinden
und seine lichte Meinung zu verkünden.
Dort nimmt er eine ernste Haltung anund räuspert sich, sagt endlich, frei von Sorgen,
zu allen laut und deutlich: „Guten Morgen!“
 
Die Vögel kamen aus dem Staunen nicht.
Wie ist der Papagei, so heißt ´s, belesen!Kein anderer ist so gelehrt gewesen,
da er sogar in Menschenworten spricht.
Von Indien flog er her, wer mag da sagen,
wie viele Bücher er mit sich getragen,
mit welchen Weisen er in fremden Zungen
gesprochen und wie tief er eingedrungen!
„Herr Papagei, es würd uns höchlich freuen,
wir hörten auch, was Ihr uns noch verborgen.“
 
Es räuspert sich der Papagei von neuem ...
Was soll er sagen? Nochmals: „Guten Morgen!“


Lambros Porphyras (1879-1932)Trink in des Hafens düsterer Tavern´
 
Trink in des Hafens düsterer Tavern´ von deinem Weine,
in einer Ecke still, an diesen ersten Regentagen,
trink mit Matrosen und gebeugten Fischern im Vereine,
mit Männern, die vom Meer gepeitscht und von der Armut Plagen.
 
Trink so, dass deine Seele von den Sorgen nie zu brechen,
und, kommt die böse Moire, du sie lächelnd magst empfangen;
wenn neue Leiden kommen, lass auch diese mit dir zechen,
und kommt der Tod zu dir, so schenk auch ihm ein ohne Bangen.