Im Frühjahr 1935 erschien die surrealistische Gedichtsammlung Hochofen [Υψικάμινος] von Andreas Embirikos. Nun ist sie zum ersten Mal in vollständiger deutscher Übersetzung in der Reihe Neue Subjektile bei dem Verlag Turia+Kant editiert worden.
Mit Hochofen, wie auch mit seinem Vortrag
Über den Surrealismus – gehalten im Januar 1935, sorgte Embirikos nicht bloß für Unruhe in den literarischen Kreisen Athens. Er führte vielmehr eine innovative Art ein, Gedichte zu schreiben, die nicht auf einer statischen Beschreibung beruhen, sondern Ereignisse an sich sind.
Um diesen Bruch mit der Tradition zu erreichen, setzt er die bereits von den Pariser Surrealisten erprobte Methode der écriture automatique ein und riskiert somit den (poetischen) Blick ins Unbewusste. Als Psychoanalytiker weist er eine ausgeprägte Sensibilität für Verdrängtes, für Prozesse der Übertragung wie auch die Funktionen des Äquivoken und des Witzes auf, was seine Poetik des Begehrens und die Bilder seines surrealistischen Wunderbaren gestaltet.
Anlässlich der Übertragung dieses experimentellen Textes ins Deutsche möchte die Diskussion genau an diesen Schnittstellen von Avantgarde und Psychoanalyse ansetzen, wie auch Fragen des Übersetzens im Kontext des Surrealismus nachgehen.
Lesung und Podiumsdiskussion mit:
Marcus Coelen (Psychoanalytiker, Herausgeber und Übersetzer),
Leonidas Embirikos (Historiker und Verwalter des Archivs von Andreas Embirikos),
Ioanna Kostopoulou (Übersetzerin),
Anna Papadaki (Schauspielerin und Linguistin) und
Stavros Petsopoulos (Verleger).
Über die Referent*innen:
Marcus Coelen
Psychoanalytiker in Berlin und New York.
Während langer Zeit tätig als Dozent für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, u.a. an den Universitäten von Tel Aviv und São Paulo, und v.a. an der Ludwig-Maximilians-Universität München; derzeit an Columbia University New York verantwortlich für das Psychoanalytic Studies Program.
Verschiedene Mitarbeiten in psychiatrischen Einrichtungen in Paris (Hôpital Sainte Anne u.a.); derzeit Beendung des Studiums der Medizin an der Charité Berlin.
Gründer und Mitherausgeber der Reihe „Neue Subjektile“ im Verlag Turia+Kant (vormals „Subjektile“ im diaphanes Verlag); dort und in anderen Veröffentlichungszusammenhängen viele Arbeiten als Übersetzer und Editor, insbes. Maurice Blanchot und Philippe Lacoue-Labarthe.
Mitherausgeber des RISS. Zeitschrift für Psychoanalyse.
Veröffentlichungen u.a. Die Tyrannei des Partikularen. Lektüren Prousts (München, Fink 2007), sowie zu Georges Bataille, Jacques Lacan und Fragen einer zeitgenössischen Psychoanalyse; arbeitet derzeit (mit Jamieson Webster, New York) an einem Buch zu Lacan, Driving You Crazy (Columbia University Press, geplant für 2023).
Leonidas Embirikos
Leonidas Empirikos wurde 1957 in Athen geboren, studierte Philosophie und Geschichte in Paris, beschäftigte sich mit der Geschichte der Minderheiten auf dem Balkan und arbeitete mit dem Musikalischen Folklorearchiv des Zentrums für Kleinasienkunde zusammen. Seit 1976 ist er an der Veröffentlichung des Nahlasses von Andreas Embirikos beteiligt.
Ioanna Kostopoulou
Studium der Germanistik und Deutsch als Fremdsprache (DaF), Linguistik, Vergleichende Literaturwissenschaft und Altgriechisch in Athen (Nationale und Kapodistrias-Universität) und Berlin (Humboldt-Universität); derzeit im PhD-Programm in New York (NYU).
Übersetzung verschiedener Texte des griechischen Surrealismus ins Deutsche – darunter Andreas Embirikos' Lyrik, Prosa und Surrealismus-Vortrag.
Für die Übersetzung von Hochofen [Υψικάμινος] bei Turia + Kant (2022) Auszeichnung des Deutschen Übersetzerfonds/Neustart Kultur extensiv initiativ.
Derzeit Forschung zur Poetik der Erschöpfung in Samuel Becketts Prosa und Arbeit an verschiedenen Literaturübersetzungen ins Deutsche und Griechische. In Zusammenarbeit mit der Psychoanalytischen Bibliothek Berlin (PsyBi) Organisation von Workshops und Lesungen und Leitung des Arbeitskreises Surrealismus und Psychoanalyse.
Anna Papadaki
Anna Papadaki ist Linguistin und Performerin.
Nach dem Studium der Anglistik/Germanistik an der Universität Nottingham und der Humboldt-Universität zu Berlin hat sie ihren Master-Abschluss in Angewandter Linguistik (Universität Nottingham) erworben.
Während langer Zeit als Dozentin und Übersetzerin tätig; derzeit Forschung im Bereich der Angewandten Linguistik und Didaktik.
Sie absolvierte ihr Schauspielstudium – mit einem Schwerpunkt auf physisches Theater – an der Höheren Schule für Schauspielkunst Archi [ΑΡΧΗ] in Athen.
Verschiedene Auftritte in Theaterproduktionen wie Peter Handkes Publikumsbeschimpfung in Märzbühne (Regie Martin Scharnhorst) und Regieassistenz im Deaf Theatre of Greece (Regie Vasilis Vilaras). Mitwirkung im Physical Lab als Koordinatorin und Performerin.
Stavros Petsopoulos
Stavros Petsopoulos gründete den Verlag Agra 1979 in Athen. Bisher sind rund 1.580 Titel veröffentlicht worden. Thematische Kategorien: Griechische und internationale Prosa; griechische und internationale Lyrik; Essays mit besonderer Ausrichtung auf Literatur, Kunst und Politik; Texte zur Psychoanalyse und Psychiatrie; Texte zur Literatur und zum Denken der griechischen, lateinischen, byzantinischen und Renaissancezeit; Kunst- und Fotoalben; Kriminalliteratur.
Seit ihren Anfängen bis zum heutigen Tag haben sie sich systematisch mit der Veröffentlichung der Werke von Andreas Embirikos beschäftigt, von den zu Lebzeiten des Dichters veröffentlichten Werken bis hin zu der großen Menge an unveröffentlichtem Material aus seinem unerschöpflichen Werk. Sie haben alle Gattungen herausgegeben, die den Dichter in seinem Leben beschäftigt haben: Lyrik, Prosagedichte und Prosaschriften, den riesigen achtbändigen Roman Der große Anatolier, sein großes fotografisches Werk, seine psychoanalytischen Schriften, seine Korrespondenz und bereiten seine Vorträge und Interviews vor, die seine Poetik widerspiegeln. Neben der Veröffentlichung des komplexen Werks von Andreas Embirikos hat der Verlag Agra auch zahlreiche Studien zu seinem Werk herausgegeben.
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