Gespräch zum Projekt Archiv der Flucht Zeugen und Beteiligte

Zentrum für das Theater der Unterdrückten - POKAZ © Centar za kazalište potlačenih – POKAZ, Josipa Lulić

Mi, 27.10.2021

19:00

Zagreb

TEILNEHMER*INNEN: SELMA BANICH, TIHA K. GUDAC, DAVOR KONJIKUŠIĆ
Moderatorin: Marijana Hameršak


Kroatien und andere Länder aus der Region haben eine lange Auswanderungsgeschichte, sind zugleich aber auch ein Zufluchtsort, aktuell auch ein heikler Punkt an der Migrantenrute. Die Komplexität dieser Erfahrung manifestiert sich auch in zahlreichen künstlerischen Versuchen, dieses brennende Problem der zeitgenössischen Gesellschaft aufzugreifen und sich mit mit systemischer Gewalt im Zusammenhang mit zeitgenössischer Migration außeinanderzusetzen.

Die Migration und ihr Ziel, (physische, wirtschaftliche und emotionale) Sicherheit in einem anderen Land zu erreichen, ist ein Prozess, der sowohl die Personen umfasst, die migrieren, als auch all die jenigen, denen sie auf dem Weg oder am Zielort begegnen. Die Kunstinitiativen, die sich vielfach mit diesem Thema beschäftigt haben, noch bevor es ins Rampenlicht der Medien gerückt ist, bringen der Öffentlichkeit ein notwendigerweise komplexes Perspektivenspektrum. Daher wird dieser Rundtischgespräch mit beteiligten Künstlerin selma banich, Herausgeberin Tiha K. Gudac und Künstler Davor Konjikušić mit Wissenschaftlerin und Anthropologin Marijana Hameršak als Moderatorin versuchen, die Position der Künstlergemeinde in diesem Prozess zu orten, sowie die Möglichkeiten und Beschränkungen des Handelns durch künstlerischen Praxen zu identifizieren.

Das Rundtischgespräch Zeugen und Beteligte – ein Gespräch zum Projekt Archiv der Flucht wurde in Kooperation mitdem Verien WHW, dem Goethe-Institut Kroatien und dem Oral History Projekt Archiv der Flucht des Berliner Hauses der Kulturen der Welt organisiert. Das Projekt Archiv der Flucht umfasst Videointerviews von 42 Personen, die zwischen 1945 und 2016 nach Deutschland kamen, und schafft somit einen digitalen Ort der Erinnerung an die Flucht und Migration nach Deutschland im 20. und 21. Jahrhundert, der zeigt, dass solche Geschichten keine Ausnahmen oder krisenbedingte Anomalien sind, sondern ein wichtiger Teil europäischer Geschichte und Gegenwart. Das Projekt wurde von Carolin Emcke ins Leben gerufen und zusammen mit Manuela Bojadžijev kuratiert.

Ein Teil des Archivs der Flucht wird vom 28. bis 30. Oktober von 12 bis 20 Uhr im Showroom der Galerie Galerija Nova zu sehen werden.

Das Rundtischgespräch ist ein Teil des filmdiskursiven Programms Es geht um Sorge, ein Gespräch über Bäume des Vereins WHW und wird gemeinsam von WHW und dem Goethe-Institut Kroatien organisiert.

Das Projekt Archiv der Flucht steht unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland Frank-Walter Steinmeier.

 

Biografien

Doc. dr. sc. Marijana Hameršak ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethnologie und Volkskunde in Zagreb, wo sie derzeit ein Forschungsprojekt der Kroatischen Wissenschaftsstiftung leitet unter dem Titel Europäisches Migrationsregime an der Peripherie der EU: Von der Ethnographie zum Glossar (2020 – 2024). Sie ist Autorin des Buches Pričalice: o povijesti djetinjstva i bajke (Geschichtserzählerinnen: Über die Geschichte der Kindheit und des Märchens Zagreb, 2011) und Co-Autorin von Uvod u dječju književnost (Einführung in die Kinderliteratur, mit Dubravka Zima, Zagreb, 2015). Sie hat mehrere Publikationen herausgegeben und mitherausgegeben, darunter die Sammlung Kamp, koridor, granica: studije izbjeglištva u suvremenom hrvatskom kontekstu (Kamp, Korridor, Grenze: Fluchtstudien im aktuellen kroatischen Kontext mit Emina Bužinkić Zagreb, 2017; englische Übersetzung, 2018) und mit Sabine Hess, Marco Speer und Marta Stojić Mitrović eine Sonderausgabe von Movements: Journal for Critical Migration and Border Regime Studies (2020) mit dem Titel Frontier within: the European Border Regime in the Balkans.


selma banich (1979, SFRJ) Künstlerin und Aktivistin. Ihre sozial engagierte künstlerische Praxis basiert auf prozessualer, forschender und aktivistischer Arbeit und ist politisch von Anarchismus und Feminismus inspiriert. Ihre Kunst entsteht unabhängig und in Zusammenarbeit mit anderen Künstlern, Kuratoren, Gruppen und Initiativen auf dem Balkan, in ganz Europa und den USA an der Schnittstelle von Kunst und Aktivismus. Als Choreografin wirkte sie an zahlreichen Tanz-, Theater- und Opernproduktionen mit und trat auch im Film auf. Sie beteiligt sich an lokalen und transnationalen Solidaritätsinitiativen im Zusammenhang mit aktuellen feministischen, antifaschistischen, Migranten- und Arbeitsrechtskämpfen. Derzeit sind es die Initiativen Trans-Balkan-Solidarität und Za KRUH.


Tiha K. Gudac (Zagreb, 1982) ist Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin aus Zagreb. Sie absolvierte die Akademie der darstellenden Künste und die Wirtschaftsfakultät der Universität Zagreb.
Ihr Regiedebüt Goli (Nackt, 2014) zählt zu den meistprämierten Filmen des zeitgenössischen kroatischen Dokumentarfilms und wurde neben dem internationalen Fernseh- und Kinovertrieb auch für Bildungszwecke an Schulen und Universitäten in Kroatien und im Ausland eingesetzt. Für die Regie des neuen Dokumentarfilms Žica (Draht, 2021) erhielt sie den Preis der International Federation der Filmkritiker – FIPRESCI. Der Film beschäftigt sich mit der Beobachtung einer Gemeinschaft von Menschen, die entlang des Klingendrahtes an der kroatisch-slowenischen Grenze leben und taucht in die Lebenswirklichkeit illegaler Migranten auf der Balkanroute ein.
In den letzten fünfzehn Jahren produzierte sie selbstständig und leitete Produktionen von Spielfilmen und einer Vielzahl von Werbespots und arbeitete in Teams von Spiel-, Animations- und Dokumentarfilmen und Filmfestivals. Als Gastdozentin im Bereich Produktion und Regie audiovisueller Formen hat sie an Hochschulen und Gymnasien in Kroatien und im Ausland unterrichtet.
Als Regisseurin, Drehbuchautorin und leitende Produzentin hat sie an mehreren Dokumentarserien für Kroatischen Rundfunk – HRT mitgewirkt.
Seit Jahren engagiert sie sich aktiv in der Arbeit des gemeinnützigen Sektors, vor allem im Bereich Konfliktlösung und Dialog.
Als unabhängige Filmschaffende ist sie Mitglied des Kroatischen Verbandes unabhängiger Künstler, der Gesellschaft kroatischer Filmregisseure und der Kroatischen Gesellschaft der Filmschaffenden. Sie lebt und arbeitet in Zagreb.


Davor Konjikušić (Zenica, 1979) studierte Journalismus an der Fakultät für Politikwissenschaft und Bildtechnik an der Akademie der darstellenden Künste in Zagreb. Als Journalist arbeitete er für mehrere Medien. Er ist Gründer und Leiter der Fotowerkstatt Drugi Kadar (Zweites Stehbild) und hat 2019 das Buch Crveno svjetlo. Jugoslavenska partizanska fotografija i društveni pokret 1941. – 1945. (Rotes Licht. Jugoslawische Partisanenfotografie und soziale Bewegung 1941 – 1945) veröffentlicht, das im Deutschen Kunstverlag in deutscher und englischer Sprache erscheinen wird. Mit Dubravka Ugrešić veröffentlichte er das Buch Tu nema ničega (Hier gibt es nichts). In seiner künstlerischen Praxis verwendet er die Fotografie als primäres Medium, um das Autorenkonzept zu artikulieren, in dem er die Beziehungen zwischen dem Persönlichen und dem Öffentlichen, dem Intimen und dem Gesellschaftspolitischen hinterfragt. Konjikušić verbindet die Fotografie mit Text, Archiv, Fundstücken und Video. Eines seiner Interessen ist auch die Rolle des fotografischen Mediums bei der Etablierung des Verhältnisses von Macht und Kontrolle. Beim Festival Rovinj Photodays wurde er 2013 für seine Arbeit in der Kategorie Professionelles Konzept und 2016 mit dem ersten Preis in der Kategorie Künstlerisches Konzept ausgezeichnet. Als Kunstassistent ist er an der Abteilung für Bildtechnik der Akademie der darstellenden Künste in Zagreb angestellt.
 

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