Übersetzer in Ungarn „Schutzlos ausgeliefert“

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Lídia Nádori | Foto: Hernád Géza

Niedrige Übersetzungshonorare, hinausgeschobene Zahlungen, Kämpfe mit den Verlagen – Lídia Nádori, Gründungsmitglied des Vereins ungarischer Übersetzer (Magyar Műfordítók Egyesülete), kann denjenigen, die sich der literarischen Übersetzung verschreiben, statt einer gesicherten Existenz allenfalls viel Arbeit und die Möglichkeit zur Weiterbildung in Aussicht stellen.

Frau Nádori, wem gegenüber vertritt der Verein ungarischer Übersetzer seine Mitglieder? 

Unsere Partner sind in erster Linie die Buchverlage. Ihnen gegenüber versuchen wir, unsere Interessen zu vertreten. In Ungarn haben sehr viele Übersetzer ein permanent angespanntes Verhältnis zu ihrem Verlag, da dieser nur wenig, verspätet oder erst nach Aufforderung, oder aber – leider Gottes – überhaupt nicht zahlt. Das frustriert viele Übersetzer sehr.

Gibt es auch andere Konflikte?

Die Situation ist sehr heikel. In der Praxis sieht es so aus, dass der Verlag die Nutzungsrechte im Zusammenhang mit der Übersetzung vom Übersetzer kauft. (Die Urheberrechte des Übersetzers sind allerdings Persönlichkeitsrechte und daher unveräußerlich.) Wenn der Verlag aber geschickt genug ist, dann gibt er Bücher heraus, für die er eine Übersetzungsförderung bekommen kann, deren Übersetzung ihn daher nichts kostet. Das Buch selbst allerdings schon, vom Lektorat über den Druck bis zum Marketing. Und das ist ein hohes Risiko, vor allem heutzutage, wo die Zahl der Leser dramatisch schrumpft. Aber einen bedeutenden Teil all dieser Kosten deckt der Verlag häufig mit dem Geld, das er eigentlich für die Übersetzung erhalten hat; die Bezahlung des Übersetzers wird dagegen hinausgeschoben. Auch wenn der Übersetzer ein halbes Jahr an einem Buch arbeitet, kommt er frühestens ein, zwei Monate nach Abgabe des Manuskripts zu seinem Geld. Oder im schlimmsten Fall erst dann, wenn das Buch in den Handel kommt, was einen Aufschub von mehreren Monaten bedeutet. 

Wie könnte die Situation verbessert werden?

Darauf eine Antwort zu finden, ist schwer. Vielleicht, wenn anspruchsvolle Literatur marktfähiger wäre, doch darauf kann man wohl kaum setzen. Es gibt jedoch Werke im Bereich der Literatur und der Gesellschaftswissenschaften, die es in ungarischer Sprache einfach geben muss, wenn wir Teil des europäischen Kulturkreises sein wollen. So wäre die ungarische Kultur etwa ohne Die Enden der Parabel von Thomas Pynchon ärmer. Aber man kann nicht erwarten, dass Die Enden der Parabel die eigenen Kosten deckt. Viele Verlage entscheiden sich daher für eine Querfinanzierung und unterstützen, geleitet von einer Art kultureller Mission, die für sie wichtigen Werke mit den Einnahmen aus dem Verkauf marktfähigerer, doch literarisch weniger anspruchsvoller Werke.

Gibt es den Schuldenkreislauf auch im Buchhandel? 

Im ungarischen Buchhandel bürgerte sich nach der Wende die Veräußerung von Büchern in Kommission ein. Das bedeutet, dass alle Beteiligten des Buchmarkts letztendlich dem Handel einen Kredit gewähren: Autor, Übersetzer, Redakteur, Grafiker und Druckerei indirekt über den Verlag und der Verlag in direkter Form. Wenn der Händler nun aber nicht termingerecht zahlt, dann kann der Verlag seine eigenen Zulieferer nicht finanzieren. Die großen ungarischen Buchhandelsunternehmen (Libri, Pécsi Direkt/Alexandra, Líra és Lant) haben in Konkurrenz zueinander zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein riesiges Vertriebsnetz aufgebaut. Das hat dazu geführt, dass die Regale im Handel immer voller wurden, ein Phänomen, das man bis dahin in Ungarn nicht kannte. Da die Aufträge immer größer wurden, konnten die Händler zunehmend aus einer Position der Stärke heraus verhandeln: die Zahlungsfristen wurden ausgedehnt, und die Preisspanne wuchs. Solange der Markt größer wurde, hatten alle ihr Auskommen. Das Wachstum kam 2007 jedoch zum Stillstand, und im Buchhandel häufte sich den Schätzungen nach bis 2010 eine Schuldenlast von mehreren Milliarden Forint an. Opfer des Systems sind die Autoren, die Übersetzer und Facharbeiter der Buchindustrie. 

In Fachkreisen heißt es, dass die literarischen Übersetzer in anderen Ländern Europas – und nicht unbedingt westlich von uns – das Drei-, Vier- oder gar Fünffache des ungarischen Honorars verdienen.* In Polen beispielsweise haben Übersetzer bessere Verdienstmöglichkeiten.

Nun, wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Zahl derer, die in ungarischer Sprache lesen, nie größer sein wird. Wir werden niemals eine Nachfrage produzieren können wie ein Markt von der Größe Polens. Eines aber ist sicher: Die Gewinnspanne, die vom Verkaufspreis des Buches beim Händler bleibt, ist in Ungarn extrem hoch, sie beträgt 50 bis 55 Prozent. Wäre sie niedriger, würden die Verlage mehr Geld erhalten, von dem sicher auch dem Übersetzer ein Teil zugute käme. Ich gehe davon aus, dass die ungarischen Verlage, die Kant oder Proust herausgeben, bei für sie besseren Bedingungen die Übersetzer auch besser bezahlen würden.

Wie hoch ist das Übersetzerhonorar?

Der Verein Ungarischer Übersetzer (Magyar Műfordítók Egyesülete) fertigt regelmäßig Erhebungen zu den marktüblichen Honoraren an. Demnach kann man 2011 bei einem Prosatext, abhängig von dessen Schwierigkeitsgrad, pro Bogen (cirka 22 Normseiten) ein Honorar zwischen 25.000 und 70.000 HUF (90–260 €) verlangen. Bei Lyrik wird den Übersetzern pro Zeile zwischen 300 und 600 HUF (1,1–2,3 €) gezahlt. Das Honorar für die Übersetzung eines Dramas schwankt, ebenfalls abhängig vom Schwierigkeitsgrad des Textes, zwischen 300.000 und 700.000 HUF (1100–2600 €). Im europäischen Vergleich werden die ungarischen Übersetzer damit am schlechtesten bezahlt. Dies lässt sich auch an ihrer Produktivität ablesen: Während ihre europäischen Kollegen im Durchschnitt 45–50 Bögen pro Jahr abrechnen, liegt diese Zahl in Ungarn bei 35 Bögen. 

Gibt es trotz der vielen Schwierigkeiten Übersetzernachwuchs?

Interessierte gibt es reichlich, doch der Anspruch hat sich geändert. Die „großen Alten“, in vielen Fällen selbst Dichter oder Schriftsteller, betrachten die Übersetzung als einen Teil ihrer künstlerischen Interpretationsarbeit. Viele von uns sehen es so, dass eine Generation von Übersetzern heranwächst, die sich zwar auf die Übersetzung von Literatur spezialisiert, der es allerdings an der notwendigen literarischen Bildung und den entsprechenden Kenntnissen mangelt. Ich spüre eine Distanz zwischen der älteren und der jüngeren Generation von Übersetzern, da gibt es wirklich Vorbehalte. Aus diesem Grund organisieren wir jährlich ein Fachwochenende für literarische Übersetzer, an dem jeder teilnehmen kann und zu dem auch mehrere der „großen Alten“ kommen. Dies bietet für die jungen Übersetzer die Gelegenheit zu sehen, wie der Gedankengang eines erfahrenen Übersetzers ist, wie er an einen Text herangeht. Und auch, dass die literarische Übersetzung nicht eine Aneinanderreihung von Umsetzungsoperationen ist, sondern sehr viel mehr als das. Ein junger Übersetzer muss sehr viel übersetzen, vielleicht auch für die Schublade, und dazu sind heute nur noch sehr wenige bereit. Es ist wichtig, nicht gleich ein Buch übersetzen zu wollen, sondern viele, viele Publikationen in Zeitschriften zu haben. Aus diesen kann man lernen, wie es ist, lektoriert zu werden, einen Text zu produzieren, stilistisch zu verfeinern usw. Erst wenn man das beherrscht, kann man auch an ein Buch denken. 

In Zeitschriften hat man demnach gute Chancen, Übersetzungen publizieren zu können?

Ja. Ein bedeutender Teil der ungarischen Literaturzeitschriften veröffentlicht gerne gute Übersetzungen interessanter, vor allem zeitgenössischer Texte. Nur sollte niemand glauben, davon leben zu können…

*Júlia Sári: „Közbiztonsági kérdés, olvasnak-e Platónt“ [Es ist eine Frage der öffentlichen Sicherheit, ob Platon gelesen wird] – irodalmijelen.hu, 16. April 2011