Heinz Bude im Gespräch „Entspannte Fatalisten“

Heinz Bude
Foto: Darwin Meckel © Heinz Bude

Der Soziologe Heinz Bude über den richtigen Umgang mit Ängsten und die Kraft, die aus Krisen erwachsen kann.

Terror, Extremismus, Zuwanderung – jeder zweite Bundesbürger blickt laut einer repräsentativen Umfrage voll Sorge in die Zukunft. Sind wir Deutschen besonders ängstlich?
 
Eine spezifische German angst, die den Deutschen einst attestiert wurde, gibt es so nicht mehr. Sorgen über den Zustand der Welt machen sich Menschen in jedem entwickelten Land, aber auch in Schwellenländern wie China oder Brasilien. Mit dem Lebensstandard steigt die Furcht, zivilisatorische Errungenschaften wie Wohlstand und Wohlfahrt, aber auch Freiheit und Sicherheit zu verlieren. In Deutschland nähren sich solche Ängste aus dem untergründigen Gefühl, dass die besten Zeiten hinter uns liegen könnten. Viele glauben, sie lebten in einer vergehenden Zeit. Dieses Vergehen lasse sich allenfalls hinauszögern, nicht aber aufhalten.
 
Den Deutschen geht es heute doch so gut wie lange nicht: Die Wirtschaft floriert, die Arbeitslosigkeit ist auf einem Tiefstand!
 
Hier zeigt sich ein Paradoxon: Fragt man die Menschen nach ihrer persönlichen Zukunft, schätzen die meisten ihre beruflichen und finanziellen Aussichten als relativ gut ein. Fragt man nach der Zukunft des Landes, sind sie viel skeptischer.
 
Wie erklären Sie sich das?
 
Die eigene Zukunft glauben wir, beeinflussen zu können, das große Ganze hingegen nicht. In der öffentlichen Debatte wird die Destabilisierung des Lebensgefühls aber kaum thematisiert. Wer sich so äußert, bekommt zu hören: „Was beschwerst du dich? Es geht dir doch gut!“ Diese Reaktion ist gefährlich.
 
Wie sollten wir den Ängsten begegnen?
 
Wir sollten akzeptieren, dass es tatsächlich Gründe gibt, sich vor der Zukunft zu fürchten. Politiker und auch viele Journalisten verschleiern Ängste allerdings oder spielen sie herunter. Sie sagen zum Beispiel: Die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Terroranschlags zu werden, ist doch viel geringer, als bei einem Haushaltsunfall ums Leben zu kommen! Das stimmt natürlich. Aber die Wahrnehmung der Menschen, ihr Leben sei insgesamt unsicherer geworden, lässt sich nicht mit Wahrscheinlichkeitstheorien wegrationalisieren.
 
Nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt sind die Deutschen aber doch erstaunlich gelassen geblieben.
 
Diese Interpretation wurde in der politischen und medialen Kommunikation stark betont, auch, um den Populisten der AfD nicht in die Hände zu spielen. Das darf aber nicht dazu führen, dass man der Bedeutung des Emotionalen keinen Raum mehr gibt. Viele Menschen waren zuerst erschreckt und hatten dann einen heiligen Zorn auf diesen Terroristen, der Unschuldige auf widerwärtige Weise in den Tod riss. Das war eine menschliche Reaktion, die in der öffentlichen Diskussion kaum Beachtung fand. Das Problem ist, dass sich die meisten Politiker vor der Angst der Leute fürchten.
 
Sollten sie die Angst etwa weiter schüren?
 
Nein, aber sie dürfen sie auch nicht ignorieren! Denn damit bewirken sie genau das, was sie verhindern wollen: dass diese ängstlichen und wütenden Menschen den Eliten misstrauen und sich Populisten zuwenden.
 
Löst eine unsichere und bedrohlich wirkende Welt eigentlich immer nur negative Gefühle aus? Kann sich in ihr nicht auch ein Jetzt-erst-recht-Optimismus entfalten?

In den USA hat jene Generation, die mit der großen Depression aufgewachsen ist, das Land später zur Weltmacht aufgebaut. Es war die John-F.-Kennedy-Generation. Wer Widrigkeiten und Belastungen erfährt, entwickelt eine ungeheure Kompetenz, mit problematischen Situationen umzugehen. Not macht erfinderisch, das Sprichwort stimmt! Auch in Deutschland haben die Entbehrungen der Nachkriegszeit den Optimismus gestärkt. Am zuversichtlichsten waren die Deutschen zwischen 1958 und 1964, der Zeit des Wirtschaftswunders. Sie merkten: Es geht aufwärts, es kann nur besser werden. Diese kollektive Interpretation erzeugte eine enorme Aufbruchstimmung. So viel Anfang war nie! Bei den nach 1960 Geborenen, die in Frieden und wachsendem Wohlstand groß wurden, setzte sich allmählich die Überzeugung durch, das Schlimmste liege nicht hinter ihnen, sondern stehe noch bevor. Die Zukunft droht, sie verspricht nichts mehr. Ob wir in Krisenzeiten optimistischer werden, hängt also von unserer eigenen Zukunftserwartung ab.
 
Sind die Israelis deshalb so zuversichtlich, weil sie nur Krieg und Terror kennen?
 
Die israelische Gesellschaft eint der feste Glaube daran, dass die beste Zeit erst in der Zukunft liegt. Das war die Gründungsidee des Staates Israel. Die messianische Botschaft von einer kommenden Zeit bewahrheitet sich von Jahr zu Jahr, weil das Land von Gesellschaften mit einer ökonomisch, wissenschaftlich und zivilgesellschaftlich stillgestellten Zeit umgeben ist. Daraus erwächst ein handlungsfähiger Optimismus, also eine tiefe Überzeugung, dass sich die Zukunft zu den eigenen Gunsten beeinflussen lässt.
 
In Deutschland hingegen sterben die Zeitzeugen des Krieges langsam aus. Haben nun die Zukunftsverdrossenen die Hoheit?
 
Bei den Jüngeren dominiert tatsächlich die Auffassung, dass wir in einer Welt mit unlösbaren Problemen leben. Gleichzeitig haben sie in den vergangenen 20 Jahren eine enorme Kompetenz zur Bewertung von Risiken entwickelt. Sie haben gelernt, mit unsicheren und komplexen Situationen umzugehen, und halten allgemeinen Frieden und Wohlstand nicht für Garanten der Zukunft. Sie setzen ihre Lebensenergie sehr gezielt dort ein, wo sie sich den größten Nutzen für ihr eigenes Leben versprechen, ohne gleich die ganze Welt retten zu wollen. Sie sind entspannte Fatalisten.
 
Der Einzelne flüchtet sich in Pragmatismus, die Gesellschaft verfällt in Angst?
 
So ist es. Doch eine Gesellschaft ist mehr als eine Ansammlung von Individuen. Keiner kann sich alleine retten, wir können nur gemeinsam weiterkommen.