Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Péter Eötvös ist 75
„Alles wird irgendwie zu Musik“

Eötvös Péter
Péter Eötvös | Fotó: Kállai Márton

Péter Eötvös ist 75 Jahre alt. Der Komponist, Dirigent und Mentor prägt entscheidend die internationale zeitgenössische Musik.


Wann haben Sie sich entschlossen, Komponist zu werden?
 
Als ich 4-5 Jahre alt war und schon in Noten setzen konnte, was ich mir ausgedacht hatte, und es auch auf dem Klavier abspielen konnte.
 
Sie haben in Budapest ein Studium als Komponist absolviert und sind dann doch nach Köln gegangen, um dort Dirigieren zu studieren. Was finden Sie so attraktiv am Dirigieren?
 
Was der Komponist sich ausdenkt, wird vom Dirigenten realisiert und umgekehrt. Die Erfahrung als Dirigent hilft mir, besser für ein Orchester zu komponieren.
 
Inwieweit konnte damals in den 50er, 60er Jahren ein Ungar, der sich ernsthaft für die Musik interessierte, oder gar ein junger Konservatorist, die Entwicklungstendenzen in der Welt verfolgen?
 
Offiziell waren wir abgeschlossen von der Musik im Westen – was verboten ist, ist jedoch umso interessanter. Es gab in den 60er Jahren in Budapest einen avantgardistischen Künstlerkreis, in dem bildende Künstler, Architekten, Literaten und Musiker mitmachten. Sie konnten durch private Beziehungen die neuesten kulturellen Informationen aus dem Westen besorgen.
 
In welcher Richtung hat sich Ihr Horizont erweitert, als Sie nach dem Westen kamen?
 
Hauptsächlich im ästhetischen Sinne. Der akademische Geist in Budapest baute auf Tradition, die Schulen im Westen waren zukunftsorientiert. Ich habe es schon mehrmals erwähnt, dass bei uns von einer Blume nur so viel zu sehen war, was über der Erde wuchs. In Köln, mit Stockhausen, studierten wir zuerst die Wurzeln der Blume und versuchten daraus zu erschließen, warum sie über der Erde so aussieht. Kurzum, die ganze Vollständigkeit.
 
Sie wurden früh Mitglied des Orchesters von Stockhausen, später waren Sie Musikdirektor des von Pierre Boulez gegründeten Pariser Ensemble InterContemporain. Welche Wirkung hatten diese Komponisten auf Sie?
 
Ich wirkte in jedem Stück von Stockhausen mit, als Dirigent oder Musiker. Und mit dem Pariser Ensemble habe ich in den 13 Jahren Hunderte von neuen Stücken aufgeführt. All meine musikalische Erfahrung habe ich von diesen meinen beiden Mentoren erworben. Von Stockhausen habe ich mir die Technik des Komponierens, von Boulez hingegen die des Dirigierens gelernt. Mit beiden hatte ich eine gute Arbeitsbeziehung bis zu ihrem Tod.
 
Eine „große“ Oper, gedacht für eine ganze Abendvorstellung, haben Sie jedoch erst spät, 1998 zuerst, komponiert. Warum warteten Sie so lange?
 
1973 und 1975 hatte ich bereits zwei Kammeropern geschrieben, meine Aufgaben als Dirigent nahmen jedoch meine ganze Zeit in Anspruch. In den 80er Jahren bekam ich von Kent Nagano einen Auftrag, eine Oper zu schreiben. Ich habe mich lange darauf vorbereitet. Zum Beispiel studierte ich, als ich in zwei Saisons in Lyon Don Giovanni dirigierte, deren Dramaturgie für meine eigene Oper.
 
Was war die Inspirationskraft?
 
Mein ganzes Leben lang hat mich die Bühne inspiriert. Aus meinen jugendlichen Budapester Theater- und Filmmusikerfahrungen schöpfte ich den Mut, meine eigene Musik erneut auf die Bühne zu stellen.
 
Muss man, um eine Oper zu schreiben, eine besondere musikalische Sprache entwickeln?
 
Die musikalische Sprache einer Oper ist wesentlich anders als die symphonische Musik. Jede Geschichte erfordert eine andere akustische Welt. Dazu kommen noch die in verschiedenen Sprachen komponierten Opern, denn die Oper ist ja grundsätzlich eine internationale Gattung. Jede Sprache hat ihren eigenen Rhythmus, Klang, ihre eigene Logik und Kultur, und das alles muss bei jeder einzelnen musikalischen Lösung berücksichtigt werden.
 
Drei Schwestern ist eines der meistgespielten zeitgenössischen Opern. Haben Sie mit einem solchen Erfolg gerechnet?
 
Nein, aber der Erfolg war gleich bei der Uraufführung vorauszusehen.
 
Gibt es einen leicht erkennbaren Eötvös-Stil? Haben Sie ein kompositorisches Leitprinzip?
 
Meine Musik steht immer im Dialog mit dem Hörer und mit dem Zuschauer. Ich erzähle die Musik. Das rührt von meinen jugendlichen Theatererfahrungen her, es ist sozusagen die Fortsetzung davon.
 
Sie haben einmal gesagt: „Meine Sprache ist dieselbe, sie ist mit mir verbunden. Stil ist etwas anderes, er ist mit dem Thema verbunden.“ Wie ist diese Sprache?
 
Ich habe eine eigenartige akustische Welt, die am ehesten der sprachlichen Welt eines Schriftstellers ähnelt, der zwar über verschiedene Themen schreibt, aber seine Sprache erkennt man sofort.
 
Was ist die Kraft, die Sie zum Komponieren bewegt?
 
In mir klingt immer etwas, es braucht nur eine Gelegenheit, damit es auch andere hören. Wie die Pflanzen, die der Sonnenschein aufblühen lässt.
 
Sie wurden im August mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet, in der Begründung heißt es: „Der ungarische Komponist und Dirigent Péter Eötvös hat mit seinen kompositorischen Stücken und der Interpretation von Werken anderer zeitgenössischer Kollegen während des Kalten Krieges ebenso wie nach dem Fall der Mauer eine gemeinsame europäische Musikkultur vorangetrieben und prägt sie bis heute.“ Heute wissen wir schon, dass die CIA von Anfang der 40er Jahre beträchtliche Geldsummen und Arbeit in die Unterstützung von zeitgenössischen, avantgardistischen Künstlern und Künsten investierte, sie hat diese sozusagen als Waffe in dem Kampf gegen den Kommunismus betrachtet. Konnte man von der Anwesenheit der CIA damals irgendetwas spüren?
 
Interessant, das höre ich jetzt zum ersten Mal, ich kann es mir aber gut vorstellen, dass es so gewesen war. Zurückblickend glaube ich nicht, dass ich etwas anders gemacht hätte, wenn ich das gewusst hätte.
 

Goethe-Medalle 2018 | © Goethe-Institut Budapest


 
Mit welchem Ziel haben Sie die Péter Eötvös Stiftung für Zeitgenössische Musik ins Leben gerufen?
 
Mein hauptsächliches Ziel war es, das Verhältnis zwischen der Generation junger Komponisten und der der Dirigenten zu stärken, damit sie zusammen arbeiten und jeweils den Aufgabenkreis des anderen kennen lernen. Darüber hinaus wollte ich auch jenes gewaltige Wissen weitergeben, das ich während meiner fünfzigjährigen Laufbahn erworben habe. Die Stiftung lebt von Unterstützungen. Wir empfangen kleine Gruppen und als Professoren laden wir international angesehene Komponisten ein.
 
Sie haben als Komponist und Künstler tätig Anteil daran genommen, eine neue musikalische Welt zu erschaffen. Wie sehen Sie es heute: Was bewies sich als lebensfähig von den Experimenten der letzten Jahrzehnte?
 
Die „klassische“ musikalisch-akustische Welt hat sich in den letzten Jahrzehnten in zwei Richtungen entwickelt: Es hat sich auf der einen Seite eine komplexe, auf der anderen eine simplifizierende Sprache herausgebildet. Beide sind farbenfroh und auch formal gesehen interessant geworden. Das Publikum mag nach Belieben darunter wählen.
 
Wenn Sie auf Ihre Laufbahn zurückblicken: Was war es, womit sich Péter Eötvös an der Entstehung dieser neuen musikalischen Welt beteiligt hat?
 
Ich war auf drei Gebieten gleichermaßen aktiv: Als Komponist vor allem mit meinen zehn Opern und meinen zahlreichen Konzertstücken, die auf der ganzen Welt gespielt werden. Als Dirigent konnte ich die Musik des 20/21. Jahrhunderts den Orchestern auf der ganzen Welt, durch persönliche Kontakte mit den Komponisten in authentischer Weise, ebenso weitergeben, wie dies auch in den vergangenen Jahrhunderten geschah. Als Lehrer habe ich Hunderte von Studenten und Studentinnen auf eine musikalische Laufbahn geholfen, von denen heute viele in Führungspositionen sind.
 
Was beschäftigt Sie noch außer der Musik?
 
Im Grunde beschäftigt mich alles, denn alles wird irgendwie zu Musik. Musik ist eine der Sprachen, man spricht und musiziert darauf.

   

Top