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Fotografie
Wirklichkeit in Großauflösung

Wolfgang Tillmans: Dein Körper gehört dir. Ausstellungsfoto, Trafó Galéria, 2021
Wolfgang Tillmans: Dein Körper gehört dir. Ausstellungsfoto, Trafó Galéria, 2021 | Foto: Dávid Biró

Über die erste Soloausstellung des deutschen Fotografen Wolfgang Tillmans in Ungarn berichtet Kuratorin Borbála Szalai.

Die Welt wird zweifelsohne von Bildern beherrscht, und wir halten das Gerät in der Hand, mit dem wir hochauflösend und in Echtzeit teilen können, was immer wir auch sehen. Perfekt wirkende Urlaubsbilder werden in der Insta-Story auf dem Screen unseres Smartphones abgespult, mit unterschiedlichen Filtern bearbeitete lustige Selfies und Live-Videos, die vor Bomben fliehende Menschen, Polizeiübergriffe oder Demonstrationen zeigen. Die Wirklichkeit ist hochauflösend geworden. Neben den faszinierend messerscharfen Details sind aber auch unerwünschte Elemente, Fehler und Risse deutlicher zu erkennen. Die Fotos von Wolfgang Tillmans keilen sich ein in die Risse der uns umgebenden Welt; mal füllen sie diese Spalte aus, mal reißen sie sie weiter auf mit ihrer Stille, Verletzlichkeit, Intimität und Nähe.

Ausstellung in der Trafó Galéria

Auch die in der Trafó Galéria gezeigte Ausstellung lässt sich als solch eine Art von Spalt betrachten. Als Spalt, der angstfreien menschlichen Beziehungen Raum gibt, den punktuellen Augenblicken von Sicherheit und Freiheit – wo nicht nur eine einzige Form von Norm und Wahrheit akzeptabel erscheint. Bilder von verschiedener Größe, Herstellungstechnik und Thematik sind ohne jegliche Hierarchie in der Ausstellung zu sehen; Tintenstrahl- und Offsetdrucke unterschiedlicher Bildqualität, winzige Bilder und solche, die ganze Wandflächen bedecken, ikonische Tillmans-Fotos, Smartphone-Screenshots und Zeitungsausschnitte. Unerwartete und für gewöhnlich nie beachtete Details des Raumes – wie etwa die Balken, die Notausgangstür oder die Oberfläche des Heizkörpers – erlangen dieselbe Relevanz wie die einheitlich ausgeleuchteten, repräsentativen Wände der Galerie. Die unterschiedlich großen Fotos – sie wurden spielerisch, zugleich aber sehr präzise an verschiedenen Punkten des Raumes platziert – wirken wie ein Kaleidoskop. Während man sich im Raum bewegt, ordnen sich die Bilder immer wieder neu, verschieben sich die Akzente immer wieder aufs Neue. Die an den Säulen befestigten Bilder können zusammen mit den im Hintergrund, an anderen Säulen und an den Wänden befindlichen Bildern betrachtet werden. Die Ausstellung pulsiert zwischen Nahem und Fernem, zwischen klein- und großformatigen Bildern, zwischen persönlichen und gesellschaftlichen Zonen, zwischen intim-innigen Momenten und historisch bedeutsamen Zeitpunkten. Mit einer bravourös einfachen Geste verbindet Tillmans beispielsweise in einer Tischinstallation – einer Textarbeit mit dem Titel Time Mirrored Table (2021) – zeitlich weit auseinanderliegende historische Daten miteinander und bringt diese derart mit uns in Verbindung, dass sich die Frage nach unserer persönlichen Verantwortung für unsere eigene Gegenwart stellt.

Astronomische Phänomene

Wolfgang Tillmans: crossing the international date line, 2020 Wolfgang Tillmans: crossing the international date line, 2020 | Eigentum des Künstlers Auch in seinem Werk Crossing the international date line (2020) kommen die gemeinhin als wichtig/wesentlich und als belanglos/fehlerhaft erachteten Details auf den gleichen Nenner. Der Künstler hat sein Digitalfoto, das den Nachthimmel über dem Pazifischen Ozean zeigt, dermaßen aufgehellt und vergrößert, dass die schwarzen Bereiche um die – auf dem Bild allerdings viel besser sichtbar gewordenen – Sterne herum in Pixel zerfallen und mangels ausreichender Bildinformationen zum digitalen Geräusch werden. Gleichwohl kann aber dieses Geräusch nicht bloß als zufallsartig bezeichnet werden, ordnen sich doch die verschiedenfarbigen Pixel nach einem bestimmten Muster auf dem Bild an, wodurch nun dieses Geräusch in Wirklichkeit auch das Funktionsmuster des aus Nullen und Einsen bestehenden Systems der Digitalfotografie mitsamt seinen Grenzen enthüllt und Einblicke in die Tiefen des heutigen Standes der Fototechnik gewährt. Es ist schwer, die wesentlichen und die unwesentlichen Elemente des Bildes – die weißen Punkte der Sterne und die sie umgebenden farbigen Pixel – auseinanderzuhalten. Auch zum Thema Astronomie sind in der Ausstellung mehrere Werke zu sehen: Fotos von Himmelsereignissen (Sonnenfinsternissen, Planetenwanderungen), Teleskopen und Observatorien, Zeitungsausschnitte über das Kepler-Weltraumteleskop, von der Erde aus sichtbare Phänomene und Geräte, die bei der exakten Bestimmung der Position unseres Planeten innerhalb des Weltraums helfen, oder dabei, dass wir unter den Sternen der Milchstraße einen anderen Planeten finden, auf dem Leben potenziell möglich wäre.

Fotografie als Spiegelbild der Welt

Wolfgang Tillmans: Venus Transit Table, 2004/2021 Wolfgang Tillmans: Venus Transit Table, 2004/2021 | Foto: Dávid Biró Die Position, aus der heraus der Mensch seinen eigenen Platz im Universum zu finden versucht, ist unendlich ausgeliefert und verletzlich. Diese Art von Verletzlichkeit hat in Tillmans’ Werken einen bedeutenden Platz, lässt sie sich doch mit der Suche in Verbindung bringen, die sich nicht für ein Leben gemäß der einzig vorherrschenden Vorstellung von Wahrheit entscheidet; mit der Suche, die bemüht ist, die eigene Position und Verantwortung innerhalb der Gesellschaft zu finden; mit der Suche, die dem Mann, der den Stachel in seiner Sohle sucht, dem Nachthimmel, dem Tor an der Grenzkontrolle des Flughafens und den Menschen, die gegen Trumps 2017 für Bürger aus muslimischen Ländern erlassenes Einreiseverbot protestieren, dieselbe emphatische Aufmerksamkeit widmet. In einem Interview sagt Tillmans: „Die Werke sind mein Widerstand gegen das Gefühl von Machtlosigkeit angesichts des Zerfalls der Welt, im Zuge dessen angestrebt wird, Ideologien wiederzubeleben, Grenzen und Barrieren zu errichten und Hass unter den Menschen zu schüren.“[1]
 
Mit ihrer Offenheit, Verletzlichkeit und radikal hoffnungsvollen Haltung ist die von Tillmans entworfene Position in der Lage, sich in die Spalte der vor unseren Augen zerfallenden Welt einzukeilen.

Anmerkungen

[1] „The works are my resistance to feeling powerless against the falling apart of the world bent on reviving ideologies and erecting borders and barriers and fuelling hatred between people.“ Wolfgang Tillmans in Conversation with Jon Savage. In: ARENA Homme+, Winter 2015/Spring 2016, S. 322
 

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