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Maria Schrader im Interview
„Ich bin für die Quote“

Ich bin dein Mensch
© BETA Cinema / Christine Fenzl

Maria Schrader, Regisseurin der Stunde, erzählt in ihrer Komödie „Ich bin dein Mensch“ von Roboterliebe. Ein Gespräch über Partner-Ersatz, Frauen als Regisseurinnen und wie sie dazu kam, bald die Weinstein-Enthüllungen zu verfilmen.

Von Verena Mayer

Zu den ungewöhnlichsten Karrieren im Filmbusiness gehört die von Maria Schrader. Die 55-Jährige war die längste Zeit Schauspielerin am Theater und in deutschen Filmproduktionen, bis sie Anfang der Nullerjahre ins Regiefach wechselte. Dort etablierte sie sich als Spezialistin für jüdische und israelische Geschichten, ihre Netflix-Serie „Unorthodox“ über eine ultra-orthodoxe Jüdin, die aus ihrer Familie ausbricht, wurde ein internationaler Erfolg und 2020 mit dem Emmy ausgezeichnet. Vor allem aber ist Schrader eine Expertin darin, große, abstrakte Themen in kleinen Beziehungsgeflechten abzubilden. In ihrem neuen Film untersucht sie, wie sich künstliche Intelligenz im Zwischenmenschlichen auswirkt: „Ich bin dein Mensch“ handelt von der romantischen Begegnung der Wissenschaftlerin Alma mit dem humanoiden Roboter Tom.

Roboter in Filmen sind meistens fiese Kampfmaschinen, die die Menschheit ausrotten wollen. Wie sind Sie darauf gekommen, eine Art Liebeskomödie zwischen Mensch und Roboter zu erzählen?

Es gibt jetzt schon Rasenmäher-Roboter, Pflegeroboter, warum nicht irgendwann auch Partner-Roboter? Eine romantische Begegnung zwischen Mensch und Maschine klingt absurd und unmöglich, aber auch lustig. Schon beim Schreiben hat es großen Spaß gemacht, sich vorzustellen, wie wohl so ein Blind-Date aussehen könnte. Dass ein sehr gut aussehender Roboter etwa sehr schlechte Komplimente auf seiner Festplatte hat wie: „Deine Augen sind wie zwei Bergseen, in denen ich versinken möchte.“

Anders als in der klassischen Science Fiction geht es bei Ihnen nicht darum, wie die Maschine den Menschen verändert, sondern wie man mit ihr eine harmonische Beziehung führt.

Meistens enden die Erzählungen vom künstlichen Menschen ja mit Zerstörung und Tod. Der Mensch spielt Gott und schafft sein Ebenbild, und dann bekommt er Angst vor seiner eigenen Kreation, die sich gegen ihn wenden und stärker sein könnte. Aber auch Tom ist eigentlich überall besser als der Mensch: Er spricht alle Sprachen, er hat wie eine Suchmaschine Zugang zum Weltwissen und kann es sich mit einem Augenzwinkern aneignen. Und das alles ohne eigene Ambition und Freiheitswillen, er ist für Alma hergestellt worden, um sie glücklich zu machen, und diese Aufgabe, seine Existenzberechtigung, hinterfragt er nicht. Vielleicht sollte unsere Angst vor Robotern also nicht darin bestehen, dass sie gegen uns kämpfen, sondern einfach die besseren Menschen werden könnten? Was, wenn sie uns sogar in den besonders menschlichen Eigenschaften wie Tugendhaftigkeit, Empathie und Altruismus überholen?

Der Roboter als der bessere Liebhaber?

Im Film lernt Tom, dass Alma nicht zufrieden ist, wenn er nur versucht, ihr alles recht zu machen. Alma hat ein konventionelles Konzept von Liebe, sie wünscht sich ein Gegenüber auf Augenhöhe, einen Partner mit freiem Willen und keinen Diener. Sie provoziert ihn, wirft ihm vor, keine echten Gefühle zu haben, versucht ihn wütend zu machen. Und auf einmal dreht es sich um, denn Wut und Affekthandlungen sind ja nicht die Eigenschaften, auf die wir Menschen so besonders stolz sein könnten, die aber plötzlich zur Beweisführung herhalten für das, was uns von der Maschine unterscheidet. Also beginnt Tom, ihr auch diesen Wunsch zu erfüllen, er erzeugt Reibung, er schreit sie an, widerspricht und überrascht sie. Aber natürlich bleiben auch das die Reaktionen des Algorithmus.

Was sagt das Paar Mensch-Roboter über moderne Beziehungen aus?

Alma lehnt Tom ab, aber gleichzeitig beobachtet sie ihn mit Argusaugen. Er ist der erste Roboter, dem sie begegnet, der kann in seinen Reaktionen ja unberechenbar sein. Es gibt keine Referenz, sie kann mit ihm nicht umgehen wie mit irgendeinem anderen menschlichen Typen, der sie nervt. Und diese große Aufmerksamkeit ist natürlich der beste Humus, um sich zu verlieben - davon können wir uns was abgucken. Es wäre doch schön, sich in einer Beziehung mit dieser Art von Neugier zu betrachten.

Oder wenn der Partner so auf einen eingehen könnte wie ein Humanoider.

Ja, von Tom gibt es ungeteilte Aufmerksamkeit. Er ist nicht narzisstisch, er führt kein Gespräch, um eigentlich nur über sich zu reden. So wie in dem Witz über Max Frisch, der gesagt haben soll: „So, jetzt haben wir aber genug über mich gesprochen – wie finden Sie denn mein neues Buch?“

Sie krempeln auch ein anderes Genre um, die Pygmalion-Geschichte. Bei Ihnen ist es die Frau, die ein seelenloses männliches Geschöpf formt und ihm Leben einhaucht.

Wir waren es lange gewöhnt, dass Frauen zum Objekt gemacht wurden. Es hat Spaß gemacht, die Rollen umzudrehen. Aber Alma wehrt sich ja dagegen. Sie kann sich keine Beziehung vorstellen mit einem Abhängigen oder Diener. Wenn sie dann aber betrunken im Wohnzimmer steht und plötzlich zu Tom sagt: 'Na, dann lass mal die Hose runter und zeig den Schwanz, der für mich gemacht ist', führt das zu schockartigem Lachen hinter vorgehaltener Hand, und dann denke ich: It's about time.

Algorithmen bestimmen längst unser Leben. Sie rechnen uns vor, was uns interessieren soll, welche Leute wir daten, was für Filme wir gucken sollen. Wie gehen Sie damit um?

Diese Profilisierung, also ständig Vorschläge zu bekommen, die meinem Interesse entsprechen, führt nicht nur dazu, dass Überraschungen vermieden, meine Interessen woanders geweckt werden könnten, sondern auch zur Vereinsamung. Dating Apps nehmen ja eine Art von Auslese vor, die einem erspart, unerwartete Begegnungen mit Menschen aushalten zu müssen. Und ich frage mich in Hinblick auf die Zukunft: Wann ist das Device nicht mehr in der Tasche, sondern implantiert, wann passiert die Verwachsung mit der Maschine, wann brauche ich nicht mehr acht Stunden, um ein Buch zu lesen, sondern kann mir das per USB-Stick oder Bluetooth draufladen – und was geht durch diese ganze Optimierung verloren? Tom ist auf dem neuesten Stand von allem, aber er weiß nicht, was es bedeutet, ein Buch zu lesen und Fantasie und Sehnsucht zu entwickeln.

Sie sagten einmal, die Vorschläge der Algorithmen von Streamingdiensten nervten Sie so sehr, dass Sie seltsame Filme anklicken würden, um sie zu unterlaufen.

Diese Art von Bevormundung stört mich, das Scrollen im Angebot von Streamingdiensten macht mich mürbe. So wie ich mich manchmal an den Regalen im Drogeriemarkt vorbeibewege und alle Produkte verschwimmen vor meinen Augen. Aber ich bin ja auch in dieser Branche tätig, ich weiß meistens, was ich sehen will, da hat man sicherlich einen anderen Zugang.

Dem Streaming verdanken Sie einen Ihrer größten Erfolge: Für Netflix haben Sie die Serie „Unorthodox“ über eine junge Frau gemacht, die ihrer streng jüdisch-orthodoxen Familie entflieht und in Berlin Musikerin wird. Was hat sich durch die internationale Aufmerksamkeit für Sie verändert?

Maria Schrader Maria Schrader | Foto: Anika Molnar Ich habe viele Angebote im letzten Jahr bekommen. „Ich bin dein Mensch“ ist in die USA und nach Großbritannien verkauft worden, was die schwierigsten Märkte für deutsche Filme sind. Ob das mit „Unorthodox“ zu tun hat, mit dem Emmy, das kann ich nicht beurteilen. Abgesehen davon war es außergewöhnlich, dass unsere Serie auf der ganzen Welt gesehen wurde. Und was für ein Dialog darüber losging, wie viele Rückmeldungen wir bekommen haben. „Unorthodox“ spielt in einer Welt, die kaum jemand kennt und über die es vielleicht auch deswegen so viele Vorurteile gibt. Gleichzeitig geht es um einen Konflikt zwischen der Sehnsucht nach gesellschaftlicher Zugehörigkeit und dem Wunsch nach persönlicher Freiheit, der universal ist. Dass die Serie überall, auch im arabischen Raum, so viel gesehen wurde und offensichtlich eine Brücke geschlagen hat zwischen unterschiedlichen Gesellschaften, Religionen und Kulturen, ist eigentlich der größte Erfolg.

Gerade wurde bekannt, dass Sie in einer Hollywood-Produktion über die „Me Too“-Bewegung und die Enthüllungen über den Vergewaltiger Harvey Weinstein Regie führen sollen. Was hat es damit auf sich?

Das Drehbuch basiert auf dem Buch „She Said“, in dem die Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey detailgenau ihre Recherche für die New York Times beschrieben haben. Es ist auf der einen Seite eine klassische Investigations-Geschichte, auf der anderen Seite integriert das Drehbuch aber auch ihr Privatleben sowie viele Biografien und Lebensgeschichten der Opfer. Ich habe dieses Projekt von den Produzenten angeboten bekommen, nachdem sie „Unorthodox“ gesehen hatten. Im August beginnen die Dreharbeiten.

Regisseurinnen haben es in der Filmbranche nicht einfach, ihr Anteil liegt im deutschen Kino und Fernsehen je nach Zählweise zwischen elf und 24 Prozent. Wie waren Ihre Erfahrungen?

Zur Regie kam ich als Autodidaktin aus einem anderen Beruf, in einem Formular am Flughafen oder beim Arzt gebe ich bis heute automatisch „Schauspielerin“ an. Der Sprung in die Regie war schon mit Schwierigkeiten verbunden, auf die männliche Kollegen vielleicht weniger stoßen. Ich muss an Stefan Zweig denken, über den ich den Film „Vor der Morgenröte“ gemacht habe: Er gehörte einer Generation von Männern an, die mit dem Selbstbewusstsein aufgewachsen sind, dass jedes Wort, das sie zu Papier bringen, von der Welt gehört werden will. Ich glaube, dass dieses Selbstverständnis auch heute noch eher Männern in die Wiege gelegt wird als Frauen.

Die Regisseurin und Produzentin Julie Delpy sagte einmal, sie musste Ende 30 werden und eine Oscar-Nominierung haben, bis sie ihre erste mickrige halbe Million für einen Film erhielt. Haben Sie Ähnliches erlebt?

Mein erster Film hatte ein Budget von dreieinhalb Millionen, „Vor der Morgenröte“ ebenfalls, „Ich bin dein Mensch“ war billiger. Dass männliche Kollegen eher besser bezahlt werden, davon gehe ich aus, kann es aber nicht beweisen. In den Verträgen herrscht über Gagen Schweigepflicht. Das befindet sich aber bereits im Wandel, an vielen Stellen braucht es eine neue Symmetrie.

Ist die Lösung eine Frauenquote, wie sie etwa der Verein „Pro Quote“ für Film und Fernsehen fordert?

Ja, ich bin für die Quote, anders funktioniert Wandel nicht. Das müssen wir als einen gesellschaftlichen Auftrag betrachten, als eine Übergangsformel in eine neue Ordnung, die danach von selbst funktioniert. Zuerst einigen wir uns auf das Ziel der Gleichberechtigung, und dann braucht es die Schrauben, die das System in eine neue Waage bringen, in dem Frauen gebraucht werden, auch auf dem Regiestuhl. Die meisten Filme sind ja Auftragsarbeiten, in denen Produktionsfirmen oder Redaktionen die Regie besetzen. Für Frauen muss diese Position so selbstverständlich werden wie für Männer. Manchmal braucht es Routine, um künstlerisch aufregende Entscheidungen zu wagen.

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