Literatur
Zu Ehren des 80-jährigen Péter Nádas
Péter Nádas, ausgezeichnet mit dem Kossuth-Preis, Schriftsteller, Dramatiker, Essayist und Fotograf, ist einer der wichtigsten literarischen Persönlichkeiten unserer Zeit - nicht nur in Ungarn, sondern auch in Deutschland. Sein Leben und sein Werk sind eng mit Deutschland und insbesondere mit Berlin verbunden. Mehr als 30 Werke von ihm erschienen in deutscher Sprache und er ist seit 2006 Mitglied der Akademie der Künste in Berlin.
Gábor Schein würdigt Péter Nádas anlässlich seines 80. Geburtstages in unserem Magazin.
Von Gábor Schein
Würde man die Schauplätze der Romane und Erzählungen des 80-jährigen Péter Nádas auf einer Karte einzeichnen und die Punkte derart miteinander verbinden, dass die der Handlung innewohnenden Zusammenhänge markiert werden, ergäbe dies ein Netz, das in puncto Dichte die Routenkarte mancher Fluggesellschaft übertrifft. Die Karte würde fast alle Regionen der westlichen Hälfte Kontinentaleuropas umfassen. So spielen einzelne Szenen der Parallelgeschichten beispielsweise in Groningen, auf Capri, in der Schweiz und in Frankreich. Die bedeutendste Verbindung zeichnet sich allerdings – nicht nur in diesem Roman, sondern im gesamten Œuvre – zwischen Budapest und Berlin, zwischen Ungarn und Deutschland ab. An dieser Feststellung ist nichts neu. Nádas selbst sprach mehrmals darüber, wie für ihn die zwei (bzw. von 1945 bis 1990: die drei) Länder im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts geschichtlich untrennbar geworden sind. Die in seinen Romanen und Essays beschriebenen persönlichen Lebens- und Familiengeschichten verzweigen sich ganz natürlich im parabelförmigen Raum, dessen zwei Brennpunkte Berlin und Budapest sind.
Nun sind aber diese beiden Städte mindestens so verschieden, wie sie untrennbar sind. Ihr Verhältnis ist asymmetrisch und zugleich auch dramatisch. Ich glaube, auch in diesem Fall sind die Worte dem zu Sagenden vorausgeeilt: hin zum Wesentlichen der gemeinsamen Realität dieser beiden Städte. Es geht um die Trennung des Untrennbaren. Das war das Schicksal Berlins nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Trennung drang in die Tiefe der Stadt, der Sprache und der Geschichten ein und erwies sich im wahrsten Sinne des Wortes als eine kontinuierliche Vivisektion. Auf dem Seziertisch lagen der Körper der Stadt, das lebendige Fleisch der Sprache und ebenso lebendige Geschichten. Um sie herum: Blut über Blut. Das gleiche Schicksal ereilte Budapest – obgleich niemand diese Stadt mittels einer Mauer, einer undurchdringbaren Grenzlinie zweigeteilt hat. Aber auch Budapest wurde gewaltsam von seiner eigenen früheren Geschichte amputiert, wie auch von seinen gegenwärtigen Möglichkeiten. Die Geschichte von Budapest war in den vergangenen siebzig Jahren eine Geschichte der Gewalt, die schreckliche Realität einer erzwungenen und zwanghaften (Selbst-)Amputation – und das ist sie leider bis heute geblieben. In Budapest, besonders in der sogenannten Innenstadt, haben die meisten Menschen nichts mit dem Haus zu tun, in dem sie leben, und haben keine Ahnung von den Geschichten, die sich weiland dort abgespielt haben. Sie haben keine Ahnung von sich selbst. Und seien wir ehrlich, die Mehrheit der hier lebenden Menschen interessiert sich auch nicht für diese Geschichten. „Ich scheiß’ drauf“, sagen sie, und die Sprache könnte auch in diesem Fall weder präziser noch drastischer sein – sie könnte gar kein höheres Maß an Selbsthass in sich konzentrieren.
Péter Nádas ist zutiefst und fürwahr ein Kind von Budapest. Warum? Weil er die Verheißungen dieser gegenüber ihren eigenen Geschichten – also gegenüber der Vergangenheit und Gegenwart ihrer eigenen Amputiertheit – bis zur Gefühllosigkeit gleichgültigen Stadt von Anfang an und konsequent mit einem starken „Nein“ beantworten konnte. Ich glaube, in dieser Gegend taugt nur dieses „Nein“ als Eröffnungssatz jeglicher Literatur. Die Art und Weise jedoch, wie Nádas dies praktiziert hat, ist wiederum mit Berlin verbunden, und vielleicht auch mit der deutschen Sprache. Nádas antwortete auf die Trennung mit Trennung. Ist das nicht verrückt? Ergibt das irgendeinen Sinn? Nádas’ Erzählungen, Dramen und insbesondere seine Romane untersuchen – im Grenzbereich des Erträglichen oder gar darüber hinaus – so minutiös wie nur irgend möglich jedes einzelne Detail des menschlichen Verhaltens und der in das Kollektive eingebetteten Lebensereignisse aus psychologischer, geschichtlicher, soziologischer, körperlicher und politischer Sicht. Diese Analyse des Individuellen und des Kollektiven setzt die funktionale Trennung und Vergegenständlichung einzelner Äußerungen voraus. Die Analyse wurde in Europa ab den 1960er Jahren vor allem für die Deutschen zur Leidenschaft, weil sie einzig dadurch die Chance hatten, mit ihrer eigenen entsetzlichen Geschichte auf Augenhöhe zu gelangen. Zwischen Nádas’ Romankunst und dem Geist der Analyse besteht eine grundlegende Verbindung. Es könnte auch nicht anders sein. Nádas geht notwendiger- und natürlicherweise von den Erfahrungen der Psychoanalyse aus. Und das tut er zu Recht. Ich könnte auch sagen, dass er sich auf seiner eigenen Bahn bewegt, wenn es hier eigene Bahnen gäbe. So wie Einstein zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts den Weltbegriff neu formulierte, so formulierte die mit Freuds Werk einsetzende geistige Befreiung den Menschenbegriff neu. Die geistige Tektonik beider Gedanken entspringt dem mitteleuropäischen Raum, und beide haben tiefgreifend mit der Anwesenheit und der bürgerlichen Entwicklung des Judentums zu tun.
Die Prosa von Nádas trägt jedoch auch weitere essenzielle Paradoxien in sich. Während er analysiert, also zertrennt, fügt er auch zusammen. Elementare Bedingung der Erzählung ist bei dieser Prosa die Erkenntnis, dass das Persönliche aus dem im Jung’schen Sinne Kollektiven entsteht und in das Kollektive zurückkehrt. Die persönliche Komplexität des körperlichen, sexuellen, psychischen und politischen Funktionierens, oder eben die architektonische, historische und tiefenpsychologische Realität des urbanen Raums kann und muss man deshalb analytisch zerlegt betrachten, weil Erstere ihren Sinn in Letzterer erhält und Letztere sich wiederum in Ersterer realisiert. Mit anderen Worten: Es ist unbestreitbar, dass Komplexität als imaginäre und nicht rekonstruierbare Einheit – ähnlich einer großen musikalischen Struktur – existiert. Der Nádas-Roman ist eine Metonymie dieser Idee, aber nicht, weil der Autor auf diese Weise konstruiert, sondern weil er aufgrund dieser Prämissen gar nicht anders konstruieren kann. Der Nádas-Roman besteht aus isolierten, einander nicht untergeordneten Bauteilen und beschwört auch keineswegs das Bild der Endlichkeit herauf. Der Nádas-Roman ist netzartig konstruiert, und als solcher beruht er auf Nebenordnungen. Seine Endlichkeit ist formal. Der Nádas-Roman ist sich seiner potenziellen Unendlichkeit gewahr und auch dessen, dass diese durch die Kunst erschaffene Formidee mit ihrer Essenz identisch ist. Diese wurde zuerst im Buch der Erinnerung und dann radikaler in den Parallelgeschichten voll entfaltet. Im physikalischen Sinne aber ist die Form immer endlich. Wir könnten auch sagen, dass die Bedingung aller Formen die Endlichkeit ist, also wird die Unendlichkeit aus Sicht der Form durch die Wiederholung ermöglicht und denkbar.
Es scheint, als habe ich einen weiten Weg zurückgelegt: Was hat die Problematik der Form mit Berlin und Budapest zu tun, mit Nádas’ Berlin und Budapest, mit Nádas’ Europa? Die Verbindung muss nicht hergestellt werden, sie liegt direkt vor unseren Augen. Ich kenne nach Thomas Mann keine*n andere*n Autor*in der europäischen Literatur, der*die ähnlich wie Nádas mit Beharrlichkeit, Hoffnungslosigkeit und Kraft suggeriert, dass Europa letztlich identisch ist mit dieser wunderbaren und tragischen Formidee der Getrenntheit und Zusammengehörigkeit. In diesem Sinne sind Berlin und Budapest nur Metaphern, nur Beispiele. Metaphern, die man wortwörtlich nehmen muss. Ob Péter Nádas der Autor einer Realität, einer Illusion oder eines unvergänglichen Angebots ist, liegt nicht an ihm. Ohne ihn würden wir einfach viel weniger über uns selbst wissen. Es ist kein angenehmes Wissen, das wir von ihm erlangen können. Ohne dieses Wissen hätten wir hier jedoch nicht mehr viel Hoffnung. Auch nicht in Berlin, aber in Budapest schon gar nicht.