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Eine Filmauswahl
DEUTSCHE FILME BEI DER BERLINALE 2023

Berlinale23
Internationale Filmfestspiele Berlin / Claudia Schramke, Berlin

Die Berlinale ist neben Cannes und Venedig eines der bedeutendsten Filmfestivals der Welt und findet in diesem Jahr zwischen dem 16.-26. Februar endlich wieder ohne Pandemiebeschränkungen statt. In dem offiziellen Wettbewerb der 73. Internationalen Filmfestspiele Berlin werden 19 Filme präsentiert, davon sind fünf – so viele wie nie zuvor – Werke deutscher Regisseur*innen.

Lars Henrik Gass beklagte sich in seinem Artikel über die Vertagung der  Novellierung des deutschen Filmförderungsgesetzes, der Ende Dezember letzten Jahres auf filmdienst.de erschienen ist, erneut über die Diktatur des Mittelmaßes im deutschen Film. Als wollte die Leitung der Berlinale ein entgegengesetztes Statement verkünden, wurden in den Wettbewerb der 73. Internationalen Filmfestspiele Berlin fünf deutsche Filme eingeladen – so viele wie nie zuvor. Die fünf prominenten deutschen Autorenfilmer zeigen ihre neuesten Filme im Wettbewerb, drei von ihnen, Christoph Hochhäusler, Christian Petzold und Angela Schanelec, gelten als Vertreter der „Berliner Schule“, deren Filme in den letzten Jahrzehnten am meisten zum internationalen Ansehen der deutschen Filme beigetragen haben. Neben Angela Schanelec sind noch zwei weitere Regisseurinnen dabei: Emily Atef und Margarethe von Trotta. Alle Drei treten mit Filmen mit literarischem Bezug an.

Der Wettbewerb

Angela Schanelec hatte für das Drama Ich war zuhause, aber bei der Berlinale 2019 den Silbernen Bären für die Beste Regie bekommen. Nun nimmt sie mit ihrer ganz eigenen zeitgenössischen Darstellung der Tragödie des Ödipus am Wettbewerb teil. In Music erzählt sie die Geschichte eines jungen Mannes, der immer, wenn er einen Verlust erleidet, etwas gewinnt. Am Ende ist er zwar blind, doch er spürt sein Leben stärker denn je.
Reise in die Wüste Vicky Krieps, In: Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste von Margarethe von Trotta | © Wolfgang Ennenbach/Berlinale/dpa Margarethe von Trotta kehrt nach 40 Jahren mit ihrem Film Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste in den Berlinale-Wettbewerb zurück. Von Trotta behandelte in ihren Filmen öfters schon das Leben bedeutender Frauen aus der Geschichte oder das von Künstler*innen (Gudrun Ensslin, Rosa Luxemburg, Hildegard von Bingen, Hannah Arendt, Ingmar Bergman). Ihr neues Werk porträtiert die österreichische Autorin Ingeborg Bachmann, erzählt von ihrem Leben in Berlin, Zürich und Rom, von ihrer Beziehung zu Max Frisch, ihrer Reise nach Ägypten sowie von ihren radikalen Texten. In den Hauptrollen glänzen Vicky Krieps (Corsage, Bergman Island) und Ronald Zehrfeld (Barbara, Der Staat gegen Fritz Bauer).
         
Emily Atef hat 2018 mit dem Romy-Schneider-Film 3 Tage in Quiberon am Wettbewerb teilgenommen. Ihr neuer Film, Irgendwann werden wir uns alles erzählenbasiert auf der gleichnamigen Buchvorlage der Autorin Daniela Krien. Es ist eine sinnliche Liebesgeschichte aus dem Sommer 1990 – aus der Zeit gesellschaftlicher Veränderungen und Umbrüche: In einem Dorf in Thüringen lebt die 19-jährige Maria, die zufällig Henner, dem Bauern des benachbarten Hofes begegnet. Eine Berührung reicht aus, um eine überwältigende Leidenschaft zwischen der jungen Frau und dem doppelt so alten, eigenwilligen, aber charismatischen Mann zu entfachen.

Christian Petzold gilt schon als Stammgast der Berlinale, in diesem Jahr wird er zum sechsten Mal im Wettbewerb vertreten sein. 2012 hatte Petzold den Silbernen Bären für die beste Regie in dem Film Barbara gewonnen, zuletzt zeigte er 2020 sein Drama Undine. Dessen Hauptdarstellerin Paula Beer spielt nun auch in Roter Himmel wieder die Hauptrolle. Der Film erzählt die Geschichte von vier jungen Menschen in einem von Waldbränden bedrohten Ferienhaus an der Ostsee. Er ist der zweite Teil einer Trilogie, die die deutsche Romantik und dabei besonders das Motiv der Elementargeister zum Thema hat.
Bis ans Ende der Nacht Timocin Ziegler, Thea Ehre, In: Bis ans Ende der Nacht von Christoph Hochhäusler | © Heimatfilm/Berlinale Christoph Hochhäusler ist mit seinem Film Bis ans Ende der Nacht zum ersten Mal im Berlinale-Wettbewerb vertreten. Auch in seinen bisherige Filmen (wie z.B.: Unter dir die Stadt, Die Lügen der Sieger, Aus dem Leben der Echsen) erzählte er gerne über Machtverhältnisse, auch in persönlichen Beziehungen. In seinem aktuellen Thriller soll sich der verdeckte Ermittler Robert als Partner der Trans-Frau Leni ins Milieu einschleusen lassen, um das Vertrauen eines Großdealers zu gewinnen. Für Robert wird die Geschichte kompliziert, da sich für ihn die Linie zwischen gespielten und echten Gefühlen immer mehr verschiebt. Für Leni stellt sich diese Frage gar nicht: sie hat ohnehin keine Wahl, denn der Erfolg der Mission entscheidet darüber, ob sie wieder zurück ins Gefängnis muss.
     
Hochhäusler war (mit Margarethe von Trotta und Christian Petzold) einer von 79 Regisseur*innen, die 2017 in einer gemeinsamen Erklärung noch einen grundlegenden Neuanfang bei der Berlinale gefordert hatten. Kritisch bemerkte er in einem Interview: „Wir haben auch das Gefühl, dass die Berlinale im 16. Jahr Kosslick ein bisschen ausgeleiert ist. Also sehr stark an Profil verloren hat, auch international. Der deutsche Film fühlt sich dort nicht mehr so gut aufgehoben.“ 2020 übernahm dann Carlo Chatrian die künstlerische Leitung der Berlinale. Sein Vorgänger, Dieter Kosslick betrachtete die Berlinale als politisches Festival, was sich auch in der Filmauswahl zeigte. Chatrian hingegen legt einen größeren Wert auf die Ästhetik. Kurz vor seiner ersten Berlinale 2020 sagte er im Interview mit der Berliner Zeitung: „Die Rolle von Politik hat sich verändert, auch die Grenzen zwischen dem Privaten und Politischen. Für mich sind die politischsten Filme nicht die mit einem bestimmten Thema, sondern jene, die die Ansichten des Betrachters verändern wollen. Je subtiler sie wirken, desto besser.“ Diese Haltung spiegelt sich – wenn man genau hinschaut – nun auch in den deutschen Filmen des desjährigen Wettbewerbs wider.
      
Über den Wettbewerb hinaus
         

Am 16. Februar wird die Berlinale mit der Weltpremiere der US-amerikanischen romantischen Komödie She Came to Me eröffnet (Regie und Drehbuch: Rebecca Miller).
       
Die Präsidentin der Internationalen Jury ist die US-Schauspielerin Kristen Stewart. Weitere Mitglieder sind die spanische Regisseurin Carla Simón, der rumänische Regisseur Radu Jude, Golshifteh Farahani (Iran/Frankreich, Schauspielerin), Francine Maisler (USA, Casting Director, Produzent), die deutsche Regisseurin Valeska Grisebach und der Regisseur und Produzent Johnnie To (Hong Kong, China).
      
Der Regisseur, Produzent und Drehbuchautor Steven Spielberg wird auf den 73. Internationalen Filmfestspielen Berlin mit dem Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk geehrt. Den Preis übernimmt er am 21. Februar 2023 im Berlinale Palast. Seinem Schaffen wird auch die Hommage Sektion gewidmet.
       
Solidarität mit der Ukraine und dem Iran
         

Die Berlinale möchte als Filmfestivals ein Ort sein, wo Meinungsfreiheit, die Freiheit der Kunst und der friedliche Dialog gestärkt werden. So hat sie, wie international zahlreiche andere Kulturinstitutionen, ihre Solidarität mit der Ukraine und dem Iran bekundet. Die Solidarität wird sowohl in der Filmauswahl als auch im Rahmen unterschiedlicher Veranstaltungen ausgedrückt.
      
Ein Film vermittle den Schock, den der Krieg in der Ukraine ausgelöst habe, ganz besonders, heißt es in einer Mitteilung der Filmfestspiele. In einem Berlinale-Special wird Superpower, der Dokumentarfilm von Sean Penn und Aaron Kaufman, als Weltpremiere zu sehen sein. Ein Filmprojekt, „das durch die Realität gezwungen wurde, sich in etwas weniger Kontrollierbares aber sehr Bedeutsames zu verwandeln“.
      
Weitere deutsche Filme
Seneca John Malkovich, In: Seneca von Robert Schwentke | © Filmgalerie 451 In der Sektion Perspektive Deutsches Kino werden in diesem Jahr 16 Filme gezeigt. Das Programm spiegelt komplexe gesellschaftliche und politische Konflikte wider. Die Filme fokussieren sich auf den Klimawandel, auf die Notwendigkeit für Naturschutz, ein Justizskandal im Iran wird dokumentiert, sowie weibliche Perspektiven und restriktive Gender-Konstrukte aufgezeichnet. Dazu ergänzend gibt es natürlich auch Filme, die über private Spannungen, leidenschaftliche Emotionen und über die Fragen nach Nähe und Distanz berichten.
        
Ein paar besondere Titel bietet die Auswahl der Berlinale Special Gala: dort werden Sonne und Beton von David Wnendt, Seneca von Robert Schwentke (in der Hauptrolle: John Malkovich), sowie Der vermessene Mensch von Lars Kraume zu sehen sein.
       
In der Sektion Forum können wir auf den Dokumentarfilm De Facto von Selma Doborac gespannt sein, welcher der Frage nachgeht, wie sich das Kino mit Täterschaft, extremer Gewalt und Staatsterror auseinandersetzen kann, ohne ihre Motive zu reproduzieren. In Gehen und Bleiben sucht Volker Koepp nach Uwe Johnsons weltgewandter literarischer Stimme in den Landschaften Pommerns. Um einen thematischen Bogen zu spannen: Uwe Johnson wiederum war ein Freund von Ingeborg Bachmann und schrieb u.a. in seinem Buch Eine Reise nach Klagenfurt 1974 eine Hommage an die Dichterin, die in Klagenfurt beigesetzt wurde.
        
In der Sektion Panorama werden Das Lehrerzimmer von İlker Çatak, sowie den Film Sisi & Ich von Frauke Finsterwalder gezeigt. Letzterer wird sich neben dem österreichischen Film Corsage (Marie Kreutzer, 2022) behaupten müssen, der es Ende letzten Jahres im Oscar-Rennen bis auf die sogenannte Shortlist von insgesamt fünfzehn Kandidaten geschafft hat. In Sisi & Ich spielt Sandra Hüller Irma Gräfin von Sztáray, die letzte Hofdame und enge Freundin der Kaiserin, die sich, verliebt in die charismatischen Sisi, von ihr und ihren modernen Ideen mitreißen lässt.

Sowohl Frauke Finsterwalder als auch Sandra Hüller haben schon in früheren Werken ihren ganz speziellen grotesken Humor geschickt eingesetzt. Dieser deutet sich auch im Trailer ihres jetzigen gemeinsamen Filmes an und weckt Vorfreude auf die Berlinale 2023.

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