Sprache der Sinti und Roma Lieber nur mündlich

Fotoalbum einer Sinti-Familie in der Ausstellung „Die Verfolgung der Sinti und Roma in München und Bayern 1933 – 1945“ (Oktober 2016)
Fotoalbum einer Sinti-Familie in der Ausstellung „Die Verfolgung der Sinti und Roma in München und Bayern 1933 – 1945“ (Oktober 2016) | Foto: © dpa/Hoppe

Viele Sinti und Roma in Deutschland möchten nicht, dass ihre Sprache Romanes an Schulen gelehrt oder wissenschaftlich erforscht wird. Doch es gibt Tendenzen zu mehr Öffnung – vor allem, um die Sprache der Minderheit zu erhalten.
 

Zwischen acht und zwölf Millionen Sinti und Roma gibt es in Europa, davon leben heute in Deutschland zwischen 70.000 und 150.000. Die genaue Zahl ist nicht bekannt, da es in vielen Staaten keine offiziellen Erhebungen gibt. In Deutschland sind die Sinti und Roma als eine nationale Minderheit anerkannt, wie auch Dänen, Friesen und Sorben.
 
Das Wissen über das Leben und die Traditionen der Sinti und Roma ist sehr begrenzt, sowohl was die Vergangenheit als auch die Gegenwart betrifft. Es gibt fast keine eigenen Schriftquellen, sodass die Forschung auf Aussagen von Nichtroma angewiesen ist. Aufgrund linguistischer Studien gilt als gesichert, dass die Vorfahren der heute in Europa lebenden Sinti und Roma ursprünglich aus Indien stammen. Im deutschen Sprachraum bezeichnen sich die meisten Roma als Sinti. Sie haben hier ihre Heimat seit dem frühen 15. Jahrhundert. Teile der in Deutschland lebenden Roma sind vielfach nach den Befreiungen aus der Leibeigenschaft in den 1870er-Jahren sowie in den 1960er- und 1970er-Jahren als sogenannte Gastarbeiter aus Südosteuropa eingewandert. Nach 1990 folgten Flüchtlinge, etwa aus dem früheren Jugoslawien oder aus Rumänien.

Romanes-Sprecher können mindestens zwei Sprachen

In Europa waren Roma „Fremde“. Von den Einheimischen unterschieden sie sich nicht zuletzt durch ihre eigene Sprache, dem Romanes, das mit dem indischen Sanskrit verwandt ist. Für die Identität der Roma-Gruppen ist die eigene Sprache wichtig, aber Romanes ist in keinem europäischen Land Amtssprache. Im Laufe der Jahrhunderte und aufgrund der Wanderwege und der heutigen Heimatregionen seiner Sprecher hat das Romanes unterschiedliche Dialekte entwickelt – mehr als 100 sollen es sein. So spricht man zum Beispiel von einem „deutschen Romanes“ oder einem „ungarischen Romanes“. Die Verständigung gelingt auch unter Sprechern entfernter Dialekte, obwohl nie eine standardisierte Version der Sprache oder gar eine allgemeingültige Grammatik entwickelt wurde. Sintitikes, die Sprache der Sinti in Deutschland, ist eine besondere Ausprägung des Romanes, die stark vom Deutschen geprägt wurde.
 
Alle, die Romanes sprechen, sind zweisprachig, da sie immer auch die jeweilige Landessprache sprechen. Aber viele Roma haben im Verlauf der langen Geschichte, vor allem wegen Ausgrenzung und versuchter Zwangsassimilierung, ihre Sprache verloren. Nach Schätzungen sprechen heute etwa drei Viertel der Roma Romanes als Muttersprache. Das Besondere am Romanes ist, dass es vor allem eine mündliche Sprache ist. In verschiedenen Regionen Europas gab und gibt es zwar Projekte und Vorhaben, Romanes zu verschriftlichen oder zu vereinheitlichen, wie zum Beispiel in Österreich oder auch in der Sowjetunion und in Polen. Diese wurden allerdings ausschließlich von Nichtroma umgesetzt und meist auch ohne aktiv Sinti und Roma selbst einzubeziehen. Heute gibt es an der Universität Graz ein größeres Forschungsvorhaben.

Misstrauen gegenüber der Wissenschaft

Gerade in Deutschland gab und gibt es große Vorbehalte von Sinti und Roma, ihre Sprache mit anderen zu teilen, denn während der Zeit des Nationalsozialismus hatten auch Rassenforscher Romanes gelernt, um die Sinti und Roma besser befragen und aushorchen zu können. Das Misstrauen gegenüber der Wissenschaft, etwas über sich und ihre Gruppen preiszugeben, ist deshalb sehr groß. Romanes soll vor allem innerhalb der Minderheit gesprochen werden.
 
Allerdings gibt es auch seit den 1990er-Jahren Bestrebungen, die Sprache stärker zu bewahren, jetzt vor allem innerhalb der Minderheit. Aber eine Verschriftlichung ist dabei weiterhin umstritten. Romanes wird weder in der Schule unterrichtet, noch ist es Studienfach an den Hochschulen und nach dem Willen vieler Vertreter der Minderheit soll Romanes auch nicht durch das staatliche Bildungssystem gelehrt und gelernt werden. Andere Gruppen streben dagegen eher eine größere Öffentlichkeit, Verbreitung und damit den Erhalt an, nicht zuletzt im Internet. Mitte 2016 hat der Europarat beschlossen, in Berlin das „Europäische Roma-Institut für Kunst und Kultur“ (ERIAC) zu gründen. Es soll mit Projekten in ganz Europa dazu beitragen, dass Vorurteile gegen Sinti und Roma abgebaut werden.

Sinti und Roma als Autoren

Einen besonderen Stellenwert nimmt die traditionelle Erzählkunst ein, die sowohl in den Gemeinschaften als auch nach außen wirkt. Seit einiger Zeit gibt es Literatur von Angehörigen der Sinti und Roma, zumeist aber in der jeweiligen Landessprache verfasst und nicht in Romanes. Seit den 1980er-Jahren und vor allem seit der Jahrtausendwende gibt es auch eine größere Zahl von autobiografischen Aufzeichnungen von Überlebenden des Völkermords und deren Nachkommen auf Deutsch. Zum Teil wurden sie vom Romanes ins Deutsche übersetzt wie die Beiträge des Sammelbands … weggekommen. Zeitzeugenberichte von Sinti und Roma, herausgegeben von Daniel Strauß, Vorstandsvorsitzender des Landesverbands Baden-Württemberg des Verbands deutscher Sinti und Roma.

Mit der Unterzeichnung der Rahmenvereinbarung zum Schutz und Förderung der Minderheiten in Europa 1995 stand auch die Unterstützung der Kultur der Sinti und Roma auf der Tagesordnung. Das Abkommen ist seit 1998 in Deutschland gültig, wurde aber nur in wenigen Bundesländern und in unterschiedlicher Weise umgesetzt, so in Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein und Hessen. In Baden-Württemberg beispielsweise wurde 2013 von Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Daniel Strauß erstmals in Deutschland ein Staatsvertrag zwischen dem Land und der Vertretung der deutschen Sinti und Roma unterzeichnet.