Techno-Kult vom Keller bis zum Dachboden

TECHNO WORLDS
Neogrády-Kiss Barnabás

Die Tourneeausstellung des Goethe-Instituts TECHNO WORLDS ist zuerst weltweit in art quarter budapest gezeigt.
Der Hauptfokus der Ausstellung liegt auf künstlerischen Werken, anhand derer sich die Thematik Techno entfaltet. Zwischen Lokalem und Globalem, Underground und Mainstream, Politik und Kommerz liefern die ausgewählten Positionen einen umfassenden Einblick in das Thema. An den Bruchlinien Musik, Kunst, Pop, Medien und Technologien verfolgt die Ausstellung einen interdisziplinären und offenen Ansatz.

Kata M. Kállai schrieb über die Ausstellung im Artkartell Magazin:

TECHNO WORLDS at aqb (Budafok, 2021.08.28 – 10.03)

Techno ist nicht nur eine elektronische Musikrichtung und populäre Clubmusik, sondern auch die einflussreichste und lauteste internationale Jugendbewegung der letzten Jahrzehnte; kein Wunder also, dass Kulturwissenschaftler*innen sie schon lange auf dem Radar haben. Aber wie kann man etwas ins „Museum“ bringen, dessen Identität dadurch geprägt ist, dass es sich außerhalb der gesellschaftlichen Konventionen abspielt, wenn nicht gar direkt in der Opposition? Wie kann eine Kunstgattung, die einen Zufluchtsort für diejenigen darstellt, die keinen Platz im Wertesystem der Mainstream-Kultur finden, wirklich ein breiteres Publikum ansprechen?

Trotz dieser Widersprüche stellt sich TECHNO WORLDS im aqb (art quarter budapest) mit einer groß angelegten, umfassenden Schau dieser Herausforderung, um in einer Wanderausstellung Techno als musikalisches Genre mitsamt seiner subkulturellen Szenen und teilweise politischen Färbungen vorzustellen. Die ausgestellten Werke arbeiten die Vergangenheit des Techno historisch auf, bleiben aber nicht bei dessen berühmtesten Schauplätzen (Detroit, Berlin) stecken, sondern bieten auch einen abwechslungsreichen Ausblick auf die individuellen Variationen, die sich in verschiedenen Teilen der Welt herausgebildet haben. Der betrachtete Zeitraum ist recht weit gefasst: Von der jüngsten Vergangenheit – etwa der Techno-/Rave-Underground-Szene während des Ukraine-Krieges (Tobias Zielony: Maskirovka) – bis hin zu den frühen 1990er Jahren wird Archivmaterial präsentiert. Die meisten Werke verwenden, remixen und interpretieren diese charakteristischen Dokumente und Utensilien neu. Im Großen und Ganzen entsprach es meinen im Vorfeld gehegten Erwartungen, wie die Ausstellung von der Entstehung und Verbreitung des Techno erzählt, es als Gegenkultur und dann auf dem kommerziellen Markt präsentiert und schließlich beim Heute ankommt, um auch diesen Kompott schließlich auf dem entsprechenden Regal in der Speisekammer der Kulturgeschichte zu platzieren.

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Eine Ausstellung mit solch thematischem Charakter ist meist nicht sehr „nutzerfreundlich“; es gibt viel Information und wenig Erlebnis. Insofern legt auch TECHNO WORLDS den Schwerpunkt auf die erzählerische, bildungsbezogene Arbeit und nicht darauf, faszinierende Erfahrungen zu bieten. (Der Chicks-on-Speed-Wandteppich bot hiervon eine erfrischende Ausnahme, da er den Besucher*innen ermöglichte, selbst ein wenig Lärm zu machen.) Die Ausstellung besteht aus drei Teilen, und es ist ausgesprochen vorteilhaft, dass man zwischen den Orten (aqb project space, aqb foyer, aqb air-room, aqb mines) umherlaufen muss, wodurch etwas Bewegung in die oft in Objekte eingefrorene Präsentation kommt. Das Herzstück der Ausstellung befindet sich im project space; von hier aus lohnt es sich, den „vertikalen“ Rundgang zu beginnen, der vom Keller bis zum Dachboden führt. Auch auf den Gängen können wir auf Ausstellungselemente stoßen: Die Installation von M+M etwa ist ein in ein Kunstobjekt verwandelter Lüftungskanal, der einst im Ultraschall-Club wirkte. Das ungeübte Auge merkt es gar nicht – es verschmilzt fast vollständig in die Umgebung des ehemaligen Fabrikgebäudes, welches das aqb beherbergt. Nach dem vierten Stock lohnt sich zum Ausklang der Abstieg in die „Katakombe“, wo wir die Möglichkeit haben, im Licht des Stroboskops über das Gesehene zu meditieren.
 
Letztlich hat sich der ins Internationale ausgedehnte, übergreifende Ansatz als zu ambitioniert erwiesen, um das Material angenehm rezipierbar und dennoch gründlich aufbereiten zu können. Die Ausstellung nimmt nichtsdestotrotz ihr selbst gestecktes Ziel ernst. Sie möchte tatsächlich in die Welt des Techno einladen; es ist viel von seiner Bedeutung als Gegenkultur, von den Wurzeln des Genres, von abwechslungsreichen Perspektiven und damit verknüpften Themen die Rede. Dazu muss man sich die Videos anschauen, in die Installationen eintauchen, eine Menge Bilder und Texte durchschmökern, fleißig im kleinen Heftchen blättern. Dies macht die Ausstellung jedoch etwas trocken, inventarartig und involviert nur wirklich hartgesottene Menschen in vollem Maße. Besonders beim Betrachten der im Keller befindlichen Lőrinc-Borsos-Installation (Moses Techno 2.0) spürte ich den Kontrast zwischen dem Techno-Archiv oben und dem Techno-Erlebnis unten. In der Kelleranlage, die sich vom Hof ​​des aqb aus öffnet, befindet sich nur diese eine Arbeit, aber sie füllt den Raum zur Genüge aus. Im Vordergrund befindet sich ein Stein, der rhythmisch von einem Stäbchen angeschlagen wird; das Echo tönt aus den Tiefen des Bergwerks. Die aus dem Stein geschlagene Flüssigkeit – wir kennen das vermöge biblischer Referenz – geleitet uns in die Tiefe, wo uns ein weiter Raum erwartet, der mit vorhangartig installierten Inschriften in ein Labyrinth verwandelt worden ist. Beim Hören der rhythmischen Sounds wurde mir erst recht gewahr, wie sehr sich dieses Techno-Erlebnis von all den Bände füllenden Beschreibungen unterscheidet. Erlebt man den stetigen Rhythmus, der im Keller widerhallt, die Aura der Location und die Lichter, kann man erahnen, an wie vielen Techno-Partys die Gestalter*innen in ihrem Leben teilgenommen haben müssen. Es ist bedauerlich, dass ausgerechnet dieses Element der Ausstellung nicht mit auf Wanderschaft gehen wird.
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Bemerkenswert ist, in welchem Maße die Musik selbst im Rest der Ausstellung nicht präsent ist. Es gibt lediglich ein Werk, dass sich mit Musik beschäftigt (Robert Lippok: Objects and Bodies), genau genommen mit Klang – wobei auch dies gänzlich auf eine physikalische Ebene herunterdividiert und zu Philosophie abstrahiert wurde. In einer weiteren Arbeit (Henrike Naumann & Bastian Hagedorn: The Museum of Trance) kommen ebenfalls der rituelle Charakter von Trance und die Welt des Stammesglaubens zutage, aber auch dies eher aus dem Blickwinkel des „Archäologen“. Die Freude am Techno-Konsum und das damit verbundene Gemeinschaftserlebnis jedoch werden schmerzlich vermisst. Die Eröffnungsveranstaltung der Ausstellung konnte diesem Mangelgefühl freilich entgegenwirken, und auch für die Finissage ist ein reichhaltiges Musikprogramm in Vorbereitung.
 
Was die kuratorische Arbeit betrifft, erweist sich die internationale Ausrichtung als Lückenfüller, und positiv ist auch, dass man in der Auswahl bestrebt war, statt der bekannteren Linie Berlin – Love Parade die aus Detroit stammenden, sogar in der schwarzafrikanischen Kultur verwurzelten Topoi aufzuzeigen. Mehrere Werke schöpfen daraus oder verarbeiten diese; so knüpfen gleich drei Arbeiten an die mystische Welt an, die in den Alben und Artworks der ikonischen Detroiter Techno-Formation Drexciya geschaffen worden ist. Ein vielschichtigeres Bild des politischen Klimas entsteht auch anhand von Perspektiven und Themen wie dem in dieser Zeit entstandenen Afrofuturismus, der unter anderem durch Musik zum Ausdruck kam. Afrofuturismus ist ein Bestreben, durch welches Afroamerikaner*innen den Anspruch erhoben haben, ihre eigenen Identitäten, Mythen und Geschichten über ihre Vergangenheit und Zukunft zu bilden. Die Welt von Drexciya ist besonders einzigartig, weil sie statt im Weltraum an einem Atlantis-artigen Unterwasserort spielt, der von den Kindern schwarzer Frauen bevölkert wird, die von Sklavenschiffen ins Wasser gefallen waren. Auch von den Techno-/Rave-Szenen in Fernost und Südamerika ist die Rede, denn auch die Präsentation Techno-bezogener Subkulturen, die in weit entfernten Teilen der Welt entstanden sind, steht im Fokus der Ausstellung. Wir können viele hautnah authentische Dokumente zum Beispiel aus der Welt der reisenden Raver und Free Parties (Vinca Petersen: Timeline of a Raver) sowie zur Verflechtung von Techno- und LGBTQ-Community sehen, und auch der Feminismus kommt vielerorts vor. Überhaupt kommen die Künstlerinnen und Akteurinnen der Szene keineswegs zu kurz. Alles in allem leistet die Ausstellung, was sie sich vorgenommen hat; die Auswahl ist abwechslungsreich, viele besondere Dokumente haben darin Platz und sie hält sogar für Techno-Kenner*innen Überraschungen bereit. Die Schau geht bis zum 3. Oktober; plane dir für den Besuch viel Zeit ein, es lohnt sich!
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