Filmvorführung und Diskussion Harun Farocki: Arbeiter verlassen die Fabrik

Harun Farocki: Arbeiter verlassen die Fabrik © Harun Farocki GbR.

Di, 20.09.2022

19:00

aqb Nest

(1995, 36 Min.)

Die erste Kamera in der Geschichte des Films war auf eine Fabrik gerichtet, aber nach hundert Jahren lässt sich sagen, dass die Fabrik den Film kaum angezogen, eher abgestoßen hat. Der Arbeits- oder Arbeiterfilm ist kein Hauptgenre geworden, der Platz vor der Fabrik ist ein Nebenschauplatz geblieben. Das Werkstor formiert die von der Arbeitsordnung vergleichzeitigten Arbeiterinnen und Arbeiter, die Kompression erzeugt das Bild einer Arbeiterschaft.

Es ist augenscheinlich, wird aus der Anschauung gewonnen oder in ihr wiedergewonnen, dass die durch das Werktor Tretenden etwas Grundsätzliches gemeinsam haben. Das Bild ist nahe am Begriff, und deshalb ist dieses Bild zu einer rhetorischen Figur geworden. Man findet diese in Dokumentationen, in Industrie- und Propagandafilmen, oft mit Musik unterlegt und/oder Worten unterlegt, dem Bild ist ein Wortsinn wie "Ausgebeutete", "Industrieproletariat", "Arbeiter der Faust" oder "Massengesellschaft" eingetragen.

Nachträglich, nachdem wir gelernt haben, wie Filmbilder nach Idee greifen und von diesen ergriffen werden, nachträglich sehen wir, dass die Entschiedenheit der Bewegung der Arbeiterinnen und Arbeiter repräsentativ ist, dass die sichtbare Menschenbewegung stellvertretend steht für die abwesenden und unsichtbaren Bewegungen der Güter, Gelder und Ideen, die in der Industrie zirkulieren. Schon in der ersten Bilderfolge wird die Hauptstilistik des Films begründet. Zeichen werden nicht in die Welt gesetzt, sondern im Wirklichen aufgegriffen. Als teile die Welt aus sich heraus etwas mit.

(Harun Farocki)


Regie, Buch, Kommentar Harun Farocki Assistenz Jörg Becker Schnitt Max Reimann Sprecher Harun Farocki Recherche Janny Léveillé (Paris), Marina Nikiforova (Moskau), David Barker (Washington), Kinemathek im Ruhrgebiet - Paul Hoffmann (Duisburg) Produzent Harun Farocki Filmproduktion, Berlin, WDR, Köln unter Beteiligung von ORF, Wien, Dr. Heinrich Mis, LAPSUS, Paris, Christian Baute, DRIFT, New York, Chris Hoover Produzent Harun Farocki Redaktion Werner Dütsch Format Video-BetaSp, Farbe und s/w, 1:1,37 Länge 36 Min. Erstsendung 02.04.1995, 3sat; 18.12.1995, West 3

Nach der Filmvorführung diskutieren wir mit dem Musiktheoretiker Péter Csobó.

Zurück