Studio Babelsberg „Wir stehen im Moment vor dieser Wegscheide“

Studio-Tor in Potsdam-Babelsberg
Foto (Ausschnitt): © Studio Babelsberg

Studio Babelsberg, das älteste Film-Großatelier weltweit, hat sich mittlerweile als europäischer Standort für Oscar-würdige Produktionen bewährt. Doch der Vorstandsvorsitzende Carl Woebcken macht sich Sorgen um die Zukunft.

Herr Woebcken, bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises 2015 waren keine Produktionen von Studio Babelsberg nominiert. Waren Sie enttäuscht?

Nein, das hatten wir erwartet, denn Studio Babelsberg ist mehr auf größere internationale Koproduktionen als auf deutsche Filme spezialisiert. Nur große Filme benötigen eine Produktionsplattform, wie wir es sind.

Andererseits konnte Studio Babelsberg als Koproduzent von Wes Andersons „The Grand Budapest Hotel“ bei der Verleihung der Academy Awards im Februar 2015 gleich vier Oscars mit nach Hause nehmen. Wie wichtig sind solche Preise?

Seit 2002 haben wir 14 Oscars erhalten und wurden 40 Mal nominiert. Von den vier Oscars 2015 waren drei besonders wichtig: Bestes Szenenbild, Beste Kostümdesign, Bestes Make-up. Denn sie prämieren das eigentliche Filmhandwerk, und dafür stehen wir mit dem Namen Studio Babelsberg. Daneben übernehmen wir als durchführender Produzent die komplette logistische und administrative Betreuung eines Films. Bei beidem haben wir international einen hervorragenden Ruf.

Kombination von Tradition und Erfolgen

  • Mit 20 Studios ist Studio Babelsberg Europas größter zusammenhängender Studiokomplex. © Studio Babelsberg
    Mit 20 Studios ist Studio Babelsberg Europas größter zusammenhängender Studiokomplex.
  • Die Anfänge: Außenansicht des 1911/12 errichteten Gläsernen Filmateliers in Babelsberg © Anonymous photographer - Dr. Oskar Kalbus: Vom Werden deutscher Filmkunst. 1. Teil: Der stumme Film, image No. 139. Cigaretten-Bilderdienst Altona-Bahrenfeld, 1935. Lizenziert unter Gemeinfrei via Wikimedia Commons
    Die Anfänge: Außenansicht des 1911/12 errichteten Gläsernen Filmateliers in Babelsberg.
  • Seit 1926 gehört die historische Marlene-Dietrich-Halle zu den größten Studios Europas. © Studio Babelsberg
    Seit 1926 gehört die historische Marlene-Dietrich-Halle zu den größten Studios Europas.
  • Statue der Maria aus „Metropolis“, den Fritz Lang 1927 hier drehte. © Havelbaude, Eigenes Werk. Lizenz CC BY 3.0 via Wikimedia Commons
    Statue der Maria aus „Metropolis“, den Fritz Lang 1927 hier drehte.
  • Als es 1929 gebaut wurde, war das Tonkreuz das erste deutsche Tonfilmstudio. © Studio Babelsberg
    Als es 1929 gebaut wurde, war das Tonkreuz das erste deutsche Tonfilmstudio.
  • Deutschlands größter Wassertank für Action-Aufnahmen im und unter Wasser © Studio Babelsberg
    Deutschlands größter Wassertank für Action-Aufnahmen im und unter Wasser.
  • Studio Babelsberg verfügt über einen 20 Meter langen Flugzeugnachbau. © Studio Babelsberg
    Studio Babelsberg verfügt über einen 20 Meter langen Flugzeugnachbau.
  • Art Department: Replik der Freiheitsstatue für „In 80 Tagen um die Welt“ (2004) © Studio Babelsberg
    Art Department: Replik der Freiheitsstatue für „In 80 Tagen um die Welt“ (2004)
  • Für Tom Tykwers „The International“ (2009) wurde das Guggenheim Museum nachgebaut. © Studio Babelsberg
    Für Tom Tykwers „The International“ (2009) wurde das Guggenheim Museum nachgebaut.
  • Kulisse des explodierenden Kinos aus Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ (2009) © Studio Babelsberg
    Kulisse des explodierenden Kinos aus Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ (2009)
  • Das drei Meter hohe handgefertigte Miniaturmodell des „Grand Budapest Hotel“ © Studio Babelsberg
    Das drei Meter hohe handgefertigte Miniaturmodell des „Grand Budapest Hotel“.
  • In einem ehemaligen Görlitzer Warenhaus wurde die Lobby des Hotels nachgebaut. © Studio Babelsberg
    In einem ehemaligen Görlitzer Warenhaus wurde die Lobby des Hotels nachgebaut.
  • Für „The Grand Budapest Hotel“ erhielt das weltweit älteste Großfilmstudio 2015 vier Oscars. © Studio Babelsberg
    Für „The Grand Budapest Hotel“ erhielt das weltweit älteste Großfilmstudio 2015 vier Oscars.
Studio Babelsberg feierte 2012 seinen 100. Geburtstag. Hier wurden Filmklassiker wie Fritz Langs „Metropolis“ und Joseph von Sternbergs „Der blaue Engel“ gedreht. Für einen symbolischen Euro haben Sie 2004 zusammen mit Christoph Fisser die Studios in Potsdam-Babelsberg gekauft. Hat Ihnen die traditionsreiche Geschichte geholfen, für den Standort zu werben?

Als wir vor zwölf Jahren nach Hollywood gingen, um zu akquirieren, konnten wir lediglich die Tradition in die Waagschale werfen. Aber ich muss ehrlich sagen, die hat jeder mit einem müden Lächeln abgetan. Am Ende zählten nur die Finanzen, die Erfahrungen und die Förderbedingungen. Das hat uns doch sehr ernüchtert. Wir konnten aufgrund des Deutschen Filmförderfonds dann erste Erfolge in Hollywood vorzeigen und Produktionen nach Deutschland holen. Mittlerweile finden alle die Kombination von Tradition und Erfolgen toll. Aber die Studiogeschichte alleine hat keine Bedeutung.

Welche Filmproduktionen suchen den Standort Babelsberg?

In erster Linie steht Babelsberg für historische Filme und Literaturverfilmungen wie George Clooneys Monuments Men oder Die Bücherdiebin von Brian Percival, die im Übrigen oft auf deutscher Kultur und Geschichte basieren. Ein Film kann aber heutzutage überall auf der Welt gedreht werden. Wir konkurrieren in Europa in der Regel mit Prag, Budapest und London. Aber wir haben in Deutschland, vor allem auch in Berlin, die spezielle Situation, dass wir in der Kombination mit den Originalschauplätzen besonders gut in der Lage sind, historische Stoffe zu verfilmen. Das betrifft nicht nur den Nationalsozialismus, sondern auch die Zeit davor und danach. Wir sind auch sehr gefragt bei Filmen, die in den Sechziger- bis Achtzigerjahren spielen, weil in dieser Zeit unsere Funden entstanden sind.

Das Gelände von Studio Babelsberg ist der größte europäische Filmstudiokomplex. Studio 20 soll mit seiner Gesamtfläche von mehr als 7.000 Quadratmetern sogar das weltweit größte Filmstudio sein. Das lockt Blockbuster wie „Die Tribute von Panem – Mockingjay“ nach Babelsberg. Können Sie Hollywood Konkurrenz machen?

Die Tribute von Panem wurden zu 70 bis 80 Prozent in den Studios in Atlanta gedreht. Nur die Szenen on location, also an Originalschauplätzen, wurden hier realisiert. Man interessiert sich für den Produktionsstandort: Wir haben einen guten Ruf, Außenkulissen in Berlin und gute Möglichkeiten für Kreative. Aber am Ende müssen wir solche Großproduktionen wegschicken. Das passiert leider nun öfter.

Ein knallharter Subventionswettbewerb

Warum?

Dr. Carl Woebcken Dr. Carl Woebcken | © Studio Babelsberg Schuld sind die Kappungsgrenzen in der Filmförderung: In England kann eine 200-Millionen-Pfund-Produktion mit bis zu 40 Förder-Millionen rechnen. Der Deutsche Filmförderfonds zahlt maximal 10 Millionen Euro aus. Ein Blockbuster wie die Trilogie Der Hobbit wird deswegen eben in den Londoner Pinewood Studios gedreht und nicht in Babelsberg. Die deutsche Filmförderung müsste auf Augenhöhe mit anderen europäischen Fördersystemen sein. Doch das ist sie leider nicht. Deshalb gehen die wirklich großen Produktionen nach Ungarn, Prag oder England. Das ist ein knallharter Subventionswettbewerb, der die Filmwirtschaft zurzeit stark von Deutschland wegverlagert. Wir stehen im Moment vor dieser Wegscheide. 

Andererseits wird kritisiert, dass für Hollywood-Koproduktionen wie Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ bereits zu viel Geld aus deutschen Fördertöpfen nach Babelsberg fließt und kleinere deutsche Produktionen benachteiligt werden.

Von der Förderung internationaler Filme profitiert die gesamte deutsche Filmindustrie, vom Know-how-Transfer bis zur Entdeckung heimischer Talente. Produktionstechnisch verdienen daran maßgeblich die beteiligten filmtechnischen Betriebe und Zulieferfirmen und nicht Studio Babelsberg.

Studio Babelsberg zählt zu den umsatzstärksten Großatelierstudios für Kinofilme in Europa, hat aber trotz internationaler Erfolge im Geschäftsjahr 2014 rote Zahlen geschrieben. Sorgen Sie sich um die Zukunft?

Von den Auswirkungen der Kappungsgrenzen sind alle Filmstandorte in Deutschland betroffen, vor allem auch die Studiobetriebe in Köln, Hamburg und München. Wegen der Limitierungen ist in der Regel bereits Mitte des Jahres der Filmförderfonds komplett verplant. Es ist nicht mehr genug Geld im Topf, und alle deutschen Produzenten mit internationalen Beziehungen müssen Filme absagen. Wenn wir mehr als drei Monate Leerlauf und keine Auslastung haben, trifft uns das aufgrund unserer Größe besonders hart. Wir haben die ernsthafte Befürchtung, dass der Topf im nächsten Jahr noch früher versiegt. Das wird dann für uns existenzbedrohend. Wir hoffen, dass die Politik das erkennt und sich entscheidet: Wollen wir in Deutschland internationale Kinoproduktionen haben oder nicht? Die Frage kann man nur mit ja oder nein beantworten, um dann entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen.
 

Dr. Carl L. Woebcken ist Vorstandsvorsitzender der Studio Babelsberg AG und Geschäftsführer der Studio Babelsberg Motion Pictures. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Christoph Fisser übernahm er 2004 Studio Babelsberg vom französischen Medienkonzern Vivendi. Im Jahr 2005 brachten sie das Unternehmen an die Börse.