„projekt bauhaus“ „Kann Gestaltung Gesellschaft verändern?“

Das Bauhaus wurde 1919 gegründet und 1933 von den Nationalsozialisten geschlossen. Bereits vier Jahre vor dem hundertjährigen Jubiläum dieser für das 20. Jahrhundert so wegweisenden Hochschule für Kunst und Gestaltung wirft eine Initiative einen vorausschauenden Blick zurück in die Geschichte.

Es war ein Überraschungscoup: während die Institutionen, die an den historischen Standorten des Bauhauses traditionell dessen Erbe pflegen (Bauhaus-Museum Weimar, Stiftung Bauhaus Dessau, Bauhaus-Archiv Berlin), noch mit Planungen für Museumsbauten zum Jubiläum der Hochschule im Jahr 2019 beschäftigt waren, trat eine neue Initiative auf den Plan. Das „projekt bauhaus“, ein Zusammenschluss aus internationalen Gestaltern, Theoretikern und Autoren, meldete sich Anfang dieses Jahres zu Wort – unterstützt von der Architekturzeitschrift ARCH+. Ihr Plan ist, frühe Ideen des Bauhauses hinsichtlich ihrer Rezeption zu überprüfen. Bis 2019 will die Initiative jedes Jahr eine mit Gestaltung verknüpfte Frage aufwerfen und diese von Künstlern, Designern und Architekten thematisieren lassen.

Veränderung beenden

© Tomás Saraceno, Investigations into the potentials of sky-life. Reykjavic Marathon, 2007 © Tomás Saraceno, Investigations into the potentials of sky-life. Reykjavic Marathon, 2007 Das Interesse war enorm und das zweitägige, von einer Ausstellung begleitete Symposium der Initiative im Berliner „Haus der Kulturen der Welt“ im September 2015 war ausverkauft. Gestritten wurde über die Jahresfrage „Kann Gestaltung Gesellschaft verändern?“ – und zwar sehr grundsätzlich. Denn während einer der Initiatoren, der Architekt und ehemalige Direktor der „Stiftung Bauhaus“, Philipp Oswalt, in seinen einführenden Worten noch davon ausging, dass die meisten der Anwesenden die Frage wohl mit einem „Ja“ beantworten würden, stellte der Philosoph Boris Groys Oswalts Zuversicht in Frage. Er kritisierte, die Frage ginge von einer falschen Voraussetzung aus. Denn tatsächlich befinde sich Gesellschaft andauernd in Veränderung – ein Prinzip, das sich auch das Bauhaus zu eigen gemacht hätte. Damit seien die Künstler und Gestalter aber im letzten Jahrhundert vom „Elfenbeinturm“ in den „Kontrollturm“ übergesiedelt und überwachen nun die Gestaltung. Das bedeute, dass auch Veränderung unter der Kontrolle des Designs stehe. Wolle man tatsächlich Gesellschaft verändern, müsse erst mit Veränderung als gesellschaftlichem Prinzip gebrochen werden. Dies käme einer neuen Aufklärung, einer Revolution gleich, die aber nach Groys nicht aus dem Design kommen könne.

Gestaltung und Kapitalismus

Gui Bonsiepe, einst Student und Dozent der Hochschule für Gestaltung in Ulm, die 1953 im Zeichen des Bauhauses gegründet worden war, sah es nicht ganz so radikal. Zwar bringe Gestaltung die Dimension der Zukunft ins Spiel, dabei gäbe es jedoch auch rückwärtsgewandte und restaurative Veränderungen. Das in der Designforschung oft gebrauchte Schlagwort des „Design Thinking“ etwa wecke oft hochgesteckte Erwartungen. Fast schiene es, als ginge es dabei um die Rettung des Kapitalismus. Dabei sollte es doch um die Frage gehen, ob Gestaltung nicht vielmehr die Abschaffung von Unterdrückung unterstützen müsse, so Bonsiepe.

Spätestens nach Bonsiepes Beitrag diskutierte man die realistischer anmutende Frage: „Können Gestalter Kapitalismus mit verändern?“ Damit zog man auch die üblichen Schlüsse aus mit dem Namen „Bauhaus“ verbundenen historischen Selbstüberschätzungen gegenüber den gestalterischen Anforderungen der Moderne. Von der utopischen Bauhaus-Idee, dass man mit dem „Neuen Bauen“ auch den „Neuen Menschen“ schaffen könnte, waren die Thesen des Symposiums also weit entfernt.

Emanzipation gestalten

Es waren die in einem selbstorganisierten, emanzipatorischen Sinn gedachten Projekte aus der gestalterischen Praxis, die die überfrachtende Ausgangsfrage wieder auf den Boden bringen konnten: die Planerin Renée Tribble und der Künstler Christoph Schäfer vom Hamburger Projekt „PlanBude“ stellten ihren erfolgreichen Versuch vor, durch direkte Bürgerbeteiligung gestalterisch in die Planung für die Bebauung eines zentralen Grundstücks in der Hamburger Innenstadt einzugreifen. Léonore Bonaccini und Xavier Fourt vom französischen „Bureau d´études“ präsentierten ihre aufwendig recherchierten Infografiken, mit denen sie Verflechtungen multinationaler Konzerne für jedermann sichtbar machen.

Grenzen als Gestaltung

Der blinde Fleck des Symposiums jedoch kam erst mit der Schlussdiskussion zutage: denn während sich nur einen Kilometer entfernt tausende von Flüchtlingen unter völlig unzureichend gestalteten Bedingungen in einer Zentralbehörde als Asylbewerber zu registrieren suchten, schien – ausgerechnet im „Haus der Kulturen der Welt“ – die Ausgangsfrage eines zudem unnötig „westlich“ konzipierten Symposiums geradezu in Echtzeit zu veralten. Es war der New Yorker Architekturtheoretiker Reinhold Martin, der schließlich Kritik an einer so einfachen wie folgenschweren gestalterischen Geste übte. Denn Design von Gesellschaft, sagte Martin im Hinblick auf die Flüchtlingskrise, beginne immer schon dort, wo man mit den, auch im Bauhaus verwendeten, gestalterischen Grundelementen „Punkt“, „Linie“ und „Fläche“ Grenzen – auch solche zwischen Staaten – ziehe. Oder darauf verzichte.

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