Kurzgeschichte Das gestohlene Boot

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„Duyungs bringen den Fischern schließlich Unglück und müssen verscheucht werden wenn sie sich einem Boot nähern.

„Ama, ist es wahr, dass ich das Kind eines Fisches bin?“

„Wer hat so etwas zu Dir gesagt!“ Ama Bandi wurde wütend, als er die Frage seiner fünfzehn-jährigen Tochter Ripah hörte. Er spannte seine Fingerknöchel an, als wolle er am liebsten sofort jemanden schlagen.

„Die Leute auf dem Markt lassen es zu, dass ihre Kinder mich verspotten,“ erklärte Ripah. Ihr Gesicht wurde bleich als sie sah, wie wütend ihr Vater war. Bandi sprang vom Stuhl auf, zog geschwind die Messerscheide ab und nahm ein Taa-Messer von seiner Halterung.

„Ama, Du musst Dich nicht darum kümmern. Mir geht es gut,“ sagte Ripah angesichts des Wutanfalls ihres Vaters.

Mit ruhiger Stimme brachte sie Bandi dazu innezuhalten. Er schaute verblüfft, sein Zorn war plötzlich verflogen. „Was ist denn los, Ripah?“ Bandi hockte sich hin und legte das Taa-Messer auf den Boden, dann sah er seine Tochter an. „Ama wird Dich immer verteidigen wenn andere Dich derart verspotten.“

„Das ist nicht nötig, Dein Verhalten wird es nur noch schlimmer machen, Ama, ich werde mich nur umso mehr schämen,“ sagte Ripah während sie sich die Tränen abwischte.

Bandi blickte nach unten und atmete langsam tief ein.

„Ripah… Du musst nichts auf das Geschwätz der Leute geben. Es gibt doch gar keine Fischkinder. Menschen bringen natürlich immer nur Menschenkinder zur Welt.“

Ama Bandi versuchte ganz ruhig mit seiner Tochter zu reden.

Ripah stand sofort auf, blickte ihren Vater vorwurfsvoll an und ging dann in die Küche. Bandi erhob sich aus der Hocke, hängte das Taa-Messer wieder an seine Halterung und ging zum Fenster. Seine Augen streiften über die Küstenlinie von Talaga Besar, wo gerade der Westwind wütete.

Er war – wie die meisten anderen Fischer – bereits seit einer Woche nicht mehr aufs Meer hinaus gefahren. Viele von ihnen trauten sich während der Westwindsaison nicht. Dennoch gab es in bestimmten Situationen gelegentlich einzelne, die ihren Mut zusammen nahmen und ihr Leben auf dem Meer aufs Spiel setzten. Bandi wollte ein derartiges Risiko jedoch nicht eingehen. Ripah war sein einziges Kind und sie war noch nicht verheiratet. Seine Frau war bereits vor langer Zeit bei Ripahs Geburt ums Leben gekommen.

Als Ripah noch ein Baby war, hatte er beinahe seinen Glauben verloren, als er die Gerüchte der Leute über seine Frau hörte. Wer weiß, welcher Teufel in Herz und Gedanken seiner Frau Salamah gefahren war, dass sie eine solche Verzweiflungstat beging.
Nach der Entbindung, die Nachgeburt war noch nicht einmal entfernt, erhob Salamah sich plötzlich von ihrer Liege, sprang aus dem Haus und lief zum Strand. Bandi hatte nicht damit gerechnet, dass sie so schnell war. Es gelang ihm nicht sie einzuholen, so dass er zu spät zur Stelle war und nicht verhindern konnte, dass Salamah sich ins Meer stürzte. Salamahs Körper verschwand sofort und wurde von den großen Wellen verschluckt. Der Vorfall ereignete sich genau zur Westwindsaison.

Bandi nahm an, dass seine Frau wegen der finanziellen Probleme der Familie verrückt geworden sei. Die lange Westwindsaison bereitete dem Ehepaar Sorgen. Bandi benötigte Geld für Salamahs Entbindung, aber gerade wegen seiner Frau konnte er ja nicht aufs Meer hinaus fahren.

Es gab kein Vor und kein Zurück. Sie saßen beide wirklich in der Klemme. Aus diesem Grund kam es vermutlich zu Salamahs Kurzschlussreaktion und sie brachte sich auf diese verrückte Art und Weise um.
Während der ganzen Nacht suchten alle Männer aus dem Fischerdorf, Bandi eingeschlossen, nach Salamahs Körper.

Das Baby wurde bei der Dorfhebamme, die Salamah auch bei der Geburt unterstützt hatte, untergebracht. Bis zum nächsten Morgen hatten sie Salamahs Körper noch nicht gefunden. Am Strand fanden sie letztendlich nicht den Körper der Frau, sondern einen Duyung, der sich merkwürdig benahm.
Der Duyung schwamm hin und her, die Küste entlang. Hin und wieder streckte er seinen halben Körper über die Wasseroberfläche und gab einen Laut von sich. Die Leute, die mit der Suche nach Salamahs Körper beschäftigt waren, versuchten ihn zu vertreiben – aber er wollte nicht verschwinden. Niemand wusste, wo der Fisch herkam.

Bandi machte sich keine Gedanken über seine Anwesenheit. Was ihm Sorgen bereitete, waren die Gerüchte der Leute, die drei Tage später aufkamen. Alle männlichen Bewohner hatten die Suche eine Woche lang nicht aufgegeben, aber genauso wenig hörten die Münder der Dorffrauen auf, Gerüchte zu verbreiten.
Sie begannen den Duyung als Inkarnation von Salamah zu sehen. Letztendlich wurden die Gerüchte zunehmend wilder und Bandi wurde allmählich ebenfalls mit hinein gezogen. „Es ist ja kein Wunder, dass sein Leben so schwierig verläuft. Dieser Bandi scheint ja tatsächlich einen Duyung geheiratet zu haben,“ lästerte eine der Frauen.

Duyungs bringen den Fischern schließlich Unglück und müssen verscheucht werden wenn sie sich einem Boot nähern. Ha, und dieser Bandi hat sogar einen von ihnen geheiratet,“ fügte eine andere Frau hinzu. Danach unterhielten sie sich weiterhin angeregt darüber.
Sie begannen sogar, über Salamahs Baby, das noch nicht einmal einen Namen hatte, zu reden. Sie verbaten jedem, Salamahs Baby zu besuchen. Sie sagten, sie fürchteten, dass es Unglück bringe. Wenn sie Bandi mit seinem Baby auf dem Arm vor seinem Haus trafen, gingen sie grußlos eilig vorbei. Sie würdigten ihn noch nicht einmal eines Blickes.

Bandi war darüber stets beunruhigt gewesen. Seit damals hatte er bereits geahnt, dass es eines Tages soweit kommen würde. Ripah musste sich der Situation und der bigotten Haltung der Menschen in ihrem Umfeld stellen. Früher hatte Bandi selbst an derartige von Aberglauben geprägte Geschichten geglaubt, aber seit er durch das Regierungsprogramm Paket-B lesen gelernt hatte, hatte er viele der Volksglauben, die einfach keinen Sinn ergaben, verworfen.

Aber Ripah. Hatte ein junges Mädchen ihres Alters die Kraft, mit dem Hohn und den Gerüchten der Dorfbewohner fertig zu werden. Der Vorfall auf dem Markt vorhin ließ Bandi zunehmend daran zweifeln.


„Ripah!“ rief Bandi aus dem Wohnzimmer.
Aus dem Zimmer des Mädchens kam jedoch keine Antwort. Es war kurz nach dem Maghrib-Gebet zur Zeit der Abenddämmerung. Bandi ging zur Küche hinüber. Er hatte Hunger. Der Duft von Gemüse in Kokosmilchsauce erweckte seinen Appetit. Aber Ripah war nicht in der Küche. Ach, vielleicht war sie bereits Wasser holen gegangen, um den Behälter hinter dem Haus zu füllen. Bandi beschloss, erst einmal etwas zu essen. Wenn er es kalt werden ließe, würde das Gemüse in Kokosmilchsauce nicht mehr so gut schmecken.

Er hatte gerade erst seinen halben Teller geleert, als er unglaublich erschrak. Sein Blut pulsierte. Er sprang vom Stuhl auf und ließ sein Essen einfach stehen. Bandi stürmte schreiend die Treppe hinunter und lief zu seinem jüngeren Bruder hinüber, der zufälligerweise genau nebenan wohnte.

„Bakri… komm heraus! Komm heraus!“
Bakri erschien und steckte seinen Kopf aus dem Fenster. „Was ist los? Was schreist du so spät noch herum?“
„Komm herunter! Hilf mir, Deine Nichte zu suchen! Wir müssen Ripah suchen. Meine Ruder sind verschwunden. Mein Boot wurde gestohlen!“ schrie Bandi.

Bakris Gesicht wurde bleich. Ohne seine Frau zu beachten, kam Bakri eilends aus dem Haus gelaufen und lief hinter Bandi her, der bereits in Richtung Strand vorgelaufen war.
Wer weiß, in welchen Schwierigkeiten seine Nichte gerade steckte.
Die Dorfbewohner, die Bandis Rufe gehört hatten, kamen ebenfalls aus ihren Häusern. Sie hielten Bakri an und fragten, „Was ist denn mit Euch los?“
„Bandis Ruder sind verschwunden!“ rief Bakri kurz, während er weiterlief, um seinen älteren Bruder einzuholen.

Die Männer erbleichten ebenfalls. Sie verschwendeten keine Zeit und liefen Bakri und Bandi hinterher. Nur die Männer des Dorfes hatten Mitleid mit Bandis Familie. Sie ignorierten die Forderungen ihrer Frauen, keinen Kontakt mit Bandi zu pflegen.

Als sie am Strand ankamen, lief Bandi sofort auf den Bootsanlegeplatz zu. Bakri sammelte zusammen mit zwei anderen Männern trockene Kokosblätter. Sie drehten sie fest zusammen und schlugen die Enden übereinander, so dass zwei Spitzen herausstanden. Sie bastelten daraus Fackeln und verteilten diese an alle Männer, die zur Hilfe gekommen waren. Nachdem sie die Fackeln angezündet hatten begannen sie, den Strand abzulaufen während sie wiederholt Ripahs Namen riefen. Ihre Stimmen kämpften gegen das laute Geräusch der brechenden Wellen an.

Bandi entdeckte Bakri. “Mein Boot ist nicht mehr an seinem Anlegeplatz” sagte er aufgeregt. Sein Gesicht war verschwitzt und seine Augen funkelten wild. “Wie kann das nur sein?” fragte er voller Panik.
“Macht einige Boote los und haltet die Petroleumlampen bereit. Wir müssen Ripah heute Abend noch finden!” befahl Bakri. Bandi führte eilig die Befehle seines jüngeren Bruders aus. Es fiel ihm schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Glücklicherweise war sein Bruder besser als er in der Lage, die Ruhe zu bewahren.

Vorhin beim Essen, war Bandis Herz beinahe stehen geblieben als er sah, dass seine Ruder nicht auf ihren Halterungen hingen. Wenn ein Fischer nicht auf dem Meer ist, hängen die Ruder immer an ihrem Platz. Vor allem jetzt zur Westwindsaison. In dieser Jahreszeit wurden die Boote in der Regel etwas weiter vom Strand entfernt befestigt, da es manchmal vorkam, dass die Boote, die nicht an der Anlegestelle angebunden waren, bei ansteigendem Wasser aufs Meer hinaus gerissen wurden. Selbst wenn sie angebunden waren, wurden die Boote – wenn das Wasser sie erreichte – manchmal von den Wellen gegeneinander geschlagen.

Als Bandi bemerkt hatte, dass seine Ruder nicht an ihrem Platz hingen war ihm sofort klar, dass Ripah sie genommen hatte. Die Ruder waren eins mit dem Boot. Wenn die Ruder nicht auf ihrer Halterung hingen, war dies ein Zeichen, dass das Boot gestohlen worden war.
Ripah hatte allein das Boot zum Meer geschoben, wo die Wellen doch so hoch waren. Das junge Mädchen wusste nicht, in welcher Gefahr sie gerade schwebte.

Die Dorfbewohner hatten sich mittlerweile am Strand versammelt. Sie hatten jeweils Lampen mitgebracht, so dass der Strand hell erleuchtet war. Einem großen Teil der Frauen stand die Besorgnis um ihre Männer und erwachsenen Söhne ins Gesicht geschrieben, während diese sich Seite an Seite bemühten, Bandi und Bakri zu helfen und Ripah aufs Meer hinaus zu folgen.

Die Wellen schlugen hart gegen den Strand. Dies führte dazu, dass es ihnen kaum gelang, die Boote zu Wasser zu lassen. Bis zur Erschöpfung hielten sie die Boote fest, um sie auf dem Wasser zu halten und zu verhindern, dass das ständig einströmende Meerwasser in sie eindrang. Sie brachen in kleinen Gruppen von jeweils drei Booten auf.

In jedem Boot befanden sich zwei Personen. Bandi hatte sie bereits überholt und befand sich relativ weit draußen auf dem Meer. Dann brach eine weitere Gruppe auf. Bakri gehörte zur dritten Gruppe. Darauf folgten die vierte und fünfte. Ein Boot aus der vierten Gruppe konnte beinahe nicht folgen, nachdem es von einer seitlich kommenden Welle umgeworfen worden war.

Fünfzehn Lampen leuchteten nun auf dem Meer. Die Rufe der Männer kämpften gegen die Heftigkeit der klatschenden Wellen an. Als sie am Sammelplatz angekommen waren, verteilten sich die Boote jeweils in einem Radius, den sie zunehmend ausweiteten. Ihre Lampen wirkten wie Glühwürmchen, die sich über das Wasser verteilten. Bakri bat die Suchenden, den anderen sofort ein Signal mit der Lampe zu geben, wenn sie Ripahs Boot entdeckten. Sie waren nicht nur wegen der Größe der Wellen besorgt, sondern auch wegen der dutzenden Riffe im nördlichen Teil der Insel und natürlich aufgrund von Ripahs völliger Unerfahrenheit.

Die Boote waren beinahe zwei Stunden unterwegs, als man aus der Ferne ein Signal erkennen konnte. Eines der Boote schien soeben etwas entdeckt zu haben. Hoffentlich nicht Ripahs Körper oder ihr Bootswrack. Als sie das Lichtsignal sahen, bewegten sich alle Boote langsam aufeinander zu. Bandi, der dem Boot, das das Lichtsignal abgegeben hatte am nächsten war, hatte es bereits erreicht. Der Mann brach beinahe in Tränen aus, als er bemerkte, dass seine Tochter unversehrt war. Ripahs Boot war fast vollständig mit Wasser vollgelaufen und die Ruder waren fort. Die Fischer, die Ripah als erstes entdeckt hatten, hatten das Boot des Mädchens bereits an ihrem Boot festgebunden und schaufelten gerade das Wasser heraus.

“Ripah….! Was ist los mit Dir, Kind? Warum hast Du das getan?!” rief Bandi und versuchte mit seiner Frage gegen das Geräusch der Wellen anzukommen. Ripah sah ihren Vater nur kurz an, dann wandte sie ihren Blick wieder der Wasseroberfläche zu. Es schien, als ob das Mädchen sich nicht mehr für ihr Umfeld interessierte.
“Der große Fisch hat Deine Ruder mitgenommen, Ama” sagte Ripah kurz.
“Was für ein Fisch?! Warum hast Du das getan?” fragte Bandi erneut.
„Ich wollte meine Ina suchen. Meine Ina ist hier vorhin neben dem Boot aufgetaucht, dann hat sie Deine Ruder ergriffen, Ama, und sie mit sich fort genommen.“
„Was redest Du da?“ Bandi verlor langsam die Geduld. Er schüttelte Ripah, damit sie wieder zur Besinnung käme.
Ripah verstummte jedoch erneut. Ihre Augen bewegten sich aufmerksam hin und her und versuchten die Dunkelheit auf dem Meer zu durchdringen. Alle Boote waren mittlerweile zusammen gekommen. Bakri sprang in das Boot, in dem sich Bandi und Ripah befanden. Dann berührte seine Hand seine Nichte.
“Ripah, was machst Du denn?” fragte er mit sanftem Gesichtsausdruck.
Ripah betrachtete das Gesicht ihres Onkels. Plötzlich kamen ihr die Tränen. Während sie weinte, versuchte Ripah weiterhin aufs Meer zu blicken. „Ich habe nur meine Ina gesucht. Weil die Leute auf dem Markt gesagt haben, meine Ina wäre ein Duyung und dass ich das Kind eines Fisches sei und Unglück bringen würde.

Bakri sackte in sich zusammen. Bandi fiel auf seinen Sitz und hielt sich den Kopf. Er weinte zum allerersten Mal. Dies hatte er noch nicht einmal beim Verschwinden seiner Ehefrau vor fünfzehn Jahren getan.
„Warum hörst Du darauf, was sie Leute sagen. Ich habe Dir bereits wiederholt gesagt, dass Du nur auf Deinen Ama hören sollst. Dein Ama versteht mehr von all dem als irgend jemand sonst,” versuchte Bakri Ripah zu beruhigen. Ripah schüttelte heftig den Kopf. “Nein. Die Leute haben recht. Vorhin hat Ina sich mir genähert, sie schwamm an der Seite meines Bootes. Ina hat mein Boot hierhin geschoben, dann aber die Ruder ergriffen und sie mit sich fort genommen.”
„Nein, Ripah, Deine Ina ist kein Fisch. Es gibt keine Fische, die Menschen zur Welt bringen.“ Ripah wandte sich plötzlich von ihrem Onkel ab. In ihrem Gesicht war zu lesen, dass ihr nicht gefiel, was ihr Onkel soeben gesagt hatte. Ripah bewegte sich auf den Rand des Bootes zu. Während sie diesen umfasste, überflogen ihre Augen wild die Wasseroberfläche.

Bakri atmete tief ein. Er stand auf und drehte seine Hände in der Luft. Dies war das Zeichen für die Fischer zum Strand zurückzukehren. Dieser Abend war für sie alle schon anstrengend genug gewesen. Das Problem mit Ripah würden sie nachher an Land lösen. Die Gruppe der Boote löste sich langsam auf und eins nach dem anderen näherte sich dem Ufer. Ripah saß nun zusammen mit ihrem Vater in ihrem Boot. Ihr Vater hatte Ersatzruder ausgeliehen bekommen und sein Boot war hinten an Bakris Boot festgebunden.

Als sie noch etwa 200 Meter vom Strand entfernt waren, tauchte plötzlich – wie aus dem Nichts – ein Duyung auf und schwamm an der rechten Seite von Bandis Boot entlang. Hin und wieder tauchte er unter, nur um dann auf der anderen Seite wieder aufzutauchen. Ripah, die dies bereits als Erste bemerkt hatte, stürzte sich ohne Vorwarnung ins Meer –so als ob sie dem Duyung folgen wolle.
Bandi, der ein wenig unaufmerksam gewesen war, sprang ebenfalls ins Wasser. Aber eine Welle hinter dem Boot erwischte ihn und wirbelte ihn herum, so dass er den Ausleger des Bootes ergreifen musste, um nicht unterzugehen. Doch Ripahs Körper war nicht zu sehen. Während er erneut untertauchte um Ripah zu suchen, rief Bandi Bakri zu, „Ripah ist ins Wasser gesprungen!“

Bakri sprang ihm vom Boot aus hinterher. Die beiden Geschwister tauchten wiederholt unter, um Ripah zu finden. Die beiden Männer in Bakris Boot sprangen ebenfalls hinein und versuchten Bandi und Bakri zu helfen. Einige Minuten lang suchten sie nach Ripah während sie gegen das Schlagen der Wellen ankämpften – letztendlich gab Bakri auf. Bakri zog Bandis Körper mit sich und versuchte auf den Wellen zu treiben, die sie und die beiden anderen Männer auf den Strand zutrieben. Bandi gab auf. Er ließ zu, dass Bakri seinen Körper zum Strand zog. Als er im Sand lag, begann er zu weinen.

In den folgenden vier Tagen setzten die Leute die Suche nach Ripah fort. Aber, genau wie seinerzeit ihre Mutter, wurde Ripah nie gefunden.
Seit jenem Tag verbrachte Bandi oftmals seine Nachmittage am Strand und saß in seinem festgebundenen Boot. Seine Augen streiften fortwährend über die Wasseroberfläche, so als wolle er nach Spuren seiner beiden geliebten Menschen suchen. Wenn sein jüngerer Bruder oder andere Leute ihn aufforderten mit nach Hause zu kommen, antwortete er lediglich ausdruckslos.

Er sagte: „Ich bewache mein Boot, damit die Fische es nicht stehlen“.

Glossar:
Ama= Vater, Papa (auf Moronene – einer in Südost-Sulawesi gesprochenen Regionalsprache)
Duyung = Dugong – ein Meeressäuger, der gelegentlich für eine Meerjungfrau gehalten wurde.
Ina = Mutter (auf Moronene)
Taa = kurzes Buschmesser typisch für die Menschen in Südost-Sulawesi

 

Ilham Q. Moehiddin wurde 1977 auf der Insel Kabaena, nahe Sulawesi, geboren. Er schreibt Kurzgeschichten, Romane, Essays und Reiseberichte. Seine Karriere begann er als Journalist und gründete in dem Zusammenhang sowohl Kendari TV, die erste lokale Fernsehstation auf Sulawesi, The Indonesian Freedom Writers (IFW), als auch die Gruppe der Schriftsteller von Komunitas Settung (2010). Bei den Indonesian Freedom Writers ist er zusätzlich der Herausgeber von deren online-Magazin IFW Writer Digest. Sein Roman Garis Merah di Rijswijk wurde als bester Roman im Sayembara Novel Republika 2012 geehrt.
Ilham Moehiddin