Kurzgeschichte Der Moscheefeger

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„Bezeichnen Sie mich gefälligst nicht als Feger. Das hört sich erniedrigend an. Ich bin Moscheewächter. Mein Name ist Farabi..."

„Wenn du das vierzigste Lebensjahr vollendet hast, so begib dich ins Dorf Kedung. Suche dort den Moscheefeger auf!” Jene Worte seines Vaters, die dieser vor vielen Jahren ausgesprochen hatte, hallten immer noch in Bayu nach. Vor seinem letzten Atemzug hatte ihm der Vater damit einen Auftrag erteilt. Mittlerweile war er lange schon begraben, längst hatte sich sein Leib mit der Erde vereint. Und immer noch hatte Bayu diesen Auftrag nicht erfüllt.

Aber nun ragte vor ihm ein Ortsschild, auf dem der Name jenes Dorfes so deutlich geschrieben stand: Kedung. Und wie sollten da die Worte des Vaters nicht aufs Neue in ihm klingen. Nicht der Inhalt des Auftrags war es, was Bayu jetzt beschäftigte und quälte. Vielmehr die jahrelange Unfähigkeit eines Sohnes, dem letzten Wunsch des Vaters Folge zu leisten.

Ach, war er denn wirklich ein so schlechter Sohn?

Bayu war mittlerweile fünfzig Jahre alt. Den letzten Wunsch des Vaters hatte er zwar nicht vergessen, aber… Fast entwich ein Seufzen seinem Mund. Doch was sollte ihn bekümmern? Er schaute sich an: ein Mann, der nicht mehr über den kräftigsten Körper verfügte. Ein Vater, der seine Kinder erfolgreich großgezogen hatte. Ein Ehemann, der gut für seine Frau gesorgt hatte, dessen Familie überall geachtet wurde.

Bayu war eher zufällig nach Kedung gelangt. Die Zeitung, für die er arbeitete, hatte ihn beauftragt, eine Reportage über das Dorf zu schreiben. In Kedung, das lange für Harmonie und Frieden unter seinen Bewohnern bekannt gewesen war, waren mittlerweile große Veränderungen eingetreten. Bayu sollte diese beschreiben und analysieren. Er war ja ein erfahrener Journalist, gerade was gesellschaftlichen Wandel betraf. Und Kedung war in dieser Hinsicht ein besonders interessanter Fall. „Aufgrund Ihrer großen Erfahrungen wollen wir Ihnen Gelegenheit geben vor Ort zu recherchieren. Eigentlich sollen Sie ja in der Redaktion arbeiten, aber Sie wollen das ja nicht auf Dauer tun, weil Sie sich eher als Reporter sehen, der zu den Menschen geht.”
Der Chefredakteur war einer Bitte Bayus nachgekommen. Bayu war sehr froh darüber, denn er sah sich in der Tat als Reporter, nicht als Redakteur, der am Schreibtisch sitzt.

Bayu dachte zurück an die Vergangenheit. Als Vater starb, hatte Bayu gerade sein Studium abgeschlossen. Es war so, als hätte er darauf gewartet, bevor er zu seinem Schöpfer heimkehrte. Bayu bewunderte Vater dafür, dass dieser es trotz der schwierigen finanziellen Lage geschafft hatte, seinem Sohn eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Gemeinsam mit Mutter hatte Vater nicht selten sogar gefastet, um Geld zu sparen. Er hatte alles für seinen Sohn getan. Und einen Monat nach Bayus Abschlussfeier war er gestorben. Ein glückliches Ende.

Alles war gut. Zumal Bayu kurz darauf als Reporter bei der Modern Post, einer angesehenen Tageszeitung, eingestellt wurde. Mit Disziplin und Fleiß, Tugenden, die er von seinem Vater geerbt hatte, kam er in seinem Beruf gut voran. Jeden Tag ging es um Nachrichten, um Schlagzeilen. Bayu genoss die Arbeit als Reporter, ging ganz darin auf. Den Auftrag des Vaters hatte er vergessen, abgelegt in irgendwelche Falten des Gedächtnisses. Mit neunundzwanzig heiratete er, bald wurden die Kinder geboren. Beruf und Familie füllten ihn aus. Mit der Karriere ging es gut voran. Und doch spürte er, dass seinem Leben etwas fehlte. Aber er wusste nicht, was das war. Nach seinem vierzigsten Geburtstag hatte der Druck in seinem Inneren immer mehr zugenommen. Mehr als zehn Jahre lang war er erstickt in der Routine des Alltags, hatte das Brodeln in seiner Seele ignoriert. Jetzt erst, mit fünfzig, wo er auf die Pensionierung zuschritt, kam die Erinnerung wieder in ihm hoch.

„Kedung!” flüsterte er, als er vor dem Ortsschild stand.

Er setzte sich in Bewegung, ging die asphaltierte Dorfstraße entlang. Wie wäre es gewesen, wenn er schon vor zehn Jahren hierhergekommen wäre, um den Moscheefeger zu suchen. Ob die Straße damals schon asphaltiert war? Bayu dankte dem Zufall, der ihn nun endlich nach Kedung geführt hatte. Die beruflichen Gründe, die Reportage. Zehn Jahre zu spät, doch jetzt war er da. Er empfand es als glückliche Fügung, dass er jetzt eine Pflicht erfüllen musste, die es ihm ermöglichen würde, endlich auch dem Auftrag des Vaters nachzukommen.

„Besser zu spät als gar nicht”, dachte er. Wie ein Sünder, der sich selbst Trost spendet. Der seine Sünden gesteht, wenn auch verspätet.

Dann suchte er die Moschee. Jemand wies ihm den Weg, der zu einem Teich führte, der mitten im Dorf lag. Es war ein kurzer Weg, und bald hatte Bayu den Teich erreicht. An seinem Ufer stand sie: die Moschee. Ein herrliches Gebäude. Grün angestrichen. Mit einer zierlichen Kuppel. Doch wie schade, sie war nicht zugänglich. Um sie herum war ein Zaun errichtet, und das Tor darin war verschlossen. Auf dem Gelände war kein Mensch zu sehen. Seltsam. Es war doch die Stunde des Nachmittagsgebets. Bayu sah nur ein paar Leute, die am Ufer des Teichs Wasser schöpften.

Bayu ging zu einem der Leute und sagte: „Entschuldigung! Wissen Sie, wo ich den Moscheefeger finden könnte?”

Der Dorfbewohner zeigte auf ein schönes kleines Haus, das direkt hinter der Moschee lag. Es war im selben Stil gebaut. Bayu freute sich. Bald würde er den Auftrag seines Vaters erfüllen können. Sein Herz pochte vor Aufregung. Mit schnellen Schritten eilte er zu dem Haus.

Dort angekommen erschreckte ihn die Stimme eines Mannes, den Bayu auf fünfunddreißig Jahre schätzte: „Ich bin der Moscheewächter. Was wünschen Sie?” „Ich möchte den Moscheefeger besuchen. Sind Sie das vielleicht?”

„Bezeichnen Sie mich gefälligst nicht als Feger. Das hört sich erniedrigend an. Ich bin Moscheewächter. Mein Name ist Farabi, meine Freunde nennen mich Freddy”, lautete die strenge Antwort des Mannes.

„Ich hätte schon vor zehn Jahren kommen sollen”, sagte Bayu, dem die Antwort des Mannes merkwürdig vorkam.

„Vor zehn Jahren war ich hier noch nicht Moscheewächter. Und da war die Moschee auch noch nicht so schön wie jetzt. Es war eigentlich nur eine Bretterbude. Mit löchrigen Wänden und einem Holzfußboden. Im Dach fehlten etliche Ziegeln. Ich hab‘ dann mit anderen gemeinsam bei der Bezirksregierung einen Antrag auf Neubau gestellt. Direkt beim Bezirksleiter. Dem wurde stattgegeben, und es gab Geld. Damit habe ich diese Moschee errichtet. Beeindruckend, nicht wahr?” Freddy blickte Bayu herausfordernd an. Bayu nickte. „Ich habe auch den Schlüssel”, fuhr Freddy fort. „Die Sponsoren des Neubaus haben mir die Verantwortung für das Gebäude übertragen. Und ich muss es abschließen. Sonst verdreckt ja alles. Außerdem sparen wir dann Kosten und Energie. Effizienz nennt man das heutzutage. Nur zum Abendgebet mache ich auf. Wenn dann überhaupt jemand kommt. Sie wissen ja selbst, viele sind heutzutage zu faul dazu. Also einmal am Tag schließe ich die Moschee auf. Zur Abenddämmerung.” Freddy lächelte.

„Was ist aus dem alten Moscheefeger geworden?”, fragte Bayu.

„Als wir damals das Geld für den Neubau bekamen, und die alte Moschee abreißen mussten, hat der das Dorf verlassen.”

„Wohin ist er gegangen?”

„Ach, das war ein seltsamer Kerl. Er sagte, er müsse jemanden suchen. Einen Namen hat er nicht genannt. Es wäre jemand, der eigentlich zu ihm hätte kommen müssen. Da der aber nie erschienen ist, müsse er ihn jetzt suchen”, erklärte Freddy.

„Wann ist er denn von hier weggegangen?”

„Als die neue Moschee gebaut wurde. Das war vor rund zehn Jahren, wie Sie der Gedenktafel zur Einweihung der neuen Moschee entnehmen können. Da, die Tafel aus schwarzem glänzenden Marmor. Wo auch die Unterschriften der hohen Bezirksbeamten drauf sind. Da stehen auch Datum und Jahreszahl. Der alte Feger ist einen Monat nach Abriss der alten Moschee weggezogen. Der Neubau dauerte zwei Monate. Also hat er das Dorf vor neun Jahren und neun Monaten verlassen.”

„Ist er niemals mehr aufgetaucht?” Freddy schüttelte den Kopf.

„Leben im Dorf Verwandte von ihm?”

Freddy schüttelte erneut den Kopf. Dann schlug er Bayu vor, zum Dorfvorsteher zu gehen, um dort mehr über den alten Moscheefeger zu erfahren. Und tatsächlich konnte dieser Bayu einiges erzählen.

„Er stammte nicht von hier. Er kam in unser Dorf, als er noch sehr jung war. Verbrachte seine ganze Zeit in der kleinen Moschee. Er wollte beim Kiai, dem Lehrer und Vorsteher der Moschee, etwas lernen. Der Kiai hatte damals viele Schüler, die kamen sogar aus den Nachbarbezirken. Der Moscheefeger war, soviel ich weiß, nie verheiratet. Als er von hier wegging, war er schon über sechzig. Er hat wohl mehr als vierzig Jahre lang in unserem Dorf gelebt. Ich kannte ihn persönlich nicht so gut. Wak Alim nannten ihn alle, ‘den Frommen’. Er fastete regelmäßig, und die Leute gaben ihm gerne etwas zu essen, zum Fastenbrechen zum Beispiel. Er hatte keinen richtigen Beruf, kümmerte sich aber immer um die Moschee. Reparierte dort alles, was er reparieren konnte. Nach dem Tod des Kiai, war er praktisch für die Moschee zuständig”, erzählte der Dorfvorsteher.

„Ganz ehrlich”, fuhr er sodann fort, „seit damals hat sich hier vieles verändert. Nach dem Neubau der Moschee wurden auch neue Straßen gebaut. Und wir wurden ans Stromnetz angeschlossen. Jeder schaffte sich einen Fernseher an. So viel Fortschritt. Aber auch andere Veränderungen. Plötzlich geschahen Dinge, die es vorher nicht gegeben hatte. Eheleute wurden einander untreu, Mädchen und Frauen wurden schwanger, ohne verheiratet zu sein. Jeden Monat erwischen wir Leute beim Ehebruch. In der Regenzeit gibt‘s monatlich sogar manchmal drei Fälle solcher Taten. Gewalt und sonstige Kriminalität haben auch zugenommen. Als Dorfvorsteher und einer der Ältesten sind meine Sorgen um das Dorf in den letzten zehn Jahren immer größer geworden. Und was Wak Alim angeht, so denke ich wie alle alten Leute hier. Der war nicht nur Moscheefeger, der hat nicht nur die Moschee gefegt. Der hat den Unrat und den Dreck des ganzen Dorfes weggekehrt. Wak Alim war der Wächter unseres Dorfes. Nachdem er fortgegangen war, wurden wir von Dreck und Unrat überschwemmt.”

Der Dorfvorsteher berichtete noch ausführlicher über die vielen Veränderungen im Dorf Kedung, nannte viele Einzelheiten. Bayu hörte aufmerksam zu. Er war als guter Zuhörer bekannt. Doch dann schaute er auf seine Uhr und bemerkte, dass es schon spät geworden war. Er verabschiedete sich. Dann fiel ihm noch etwas ein.

„Ach, bevor ich gehe, darf ich Sie vielleicht noch etwas fragen. Wissen Sie, wen der Moscheefeger suchen wollte, als er das Dorf verließ?”

„Leider nicht, vielleicht einen Verwandten.”

„Vielen Dank”, antwortete Bayu und machte sich auf den Weg.

Auf der Heimfahrt öffnete Bayu seinen Laptop. Er musste sich beeilen, bald war Redaktionsschluss, und er wollte sich auf keinen Fall verspäten. Er begann seine Reportage zu schreiben. In der Überschrift hieß es fast poetisch und in Großbuchstaben: Kedung – Ort der Unzucht und der freien Liebe.

*

Ein alter Mann sitzt am Ufer eines Flusses. Sein Gesicht voller Falten und Furchen verrät sein hohes Alter. Doch sein Blick ist klar, klar und rein wie das Wasser, das an ihm vorüberfließt.

Er holt einen zerknitterten Brief aus seiner Tasche. Den hat ihm einst ein guter Freund gegeben, der jetzt schon lange tot ist. Mit diesem Freund hatte er vor langer Zeit, in einer kleinen Moschee, das Rezitieren des Korans gelernt. Und dem Freund hatte der Kiai, der Moscheevorsteher und Lehrer, damals die Aufgabe übertragen, die Moschee in Stand zu halten. Doch da dieser der Aufgabe nicht gewachsen war, hatte der Kiai ihn selbst damit beauftragt, obwohl er nicht aus der Gegend stammte, ein Fremder war. Lange Jahre war er seiner Pflicht nachgekommen, auch dann noch, als immer weniger Schüler die Moscheeschule besuchten. Jener Freund hatte ihn gebeten, dass er den Brief einmal dessen Sohn namens Bayu aushändigen möge. Doch dieser Sohn war niemals bei ihm erschienen.

Der alte Mann am Ufer des Flusses beginnt leise zu flüstern, es ist, als ob er zu jemandem spräche: „Bevor ich dir diesen Brief auf meine Weise zurückgebe, erlaube mir, Freund, ihn zu öffnen. Lange habe ich mich bemüht, deiner Bitte nachzukommen …”
Und so öffnet er den Brief. Dort steht in arabischer Schrift: Mein Sohn, wenn jemand die alte Moschee in Kedung abreißen will, so sollst du der erste sein, der sich dem widersetzt! Der Alte liest die Zeilen. Dann lässt er das vergilbte Papier in die Fluten gleiten. Nicht lange dauert es, da treibt die Strömung jenen Brief davon.