Kurzgeschichte Verkauft des Ameisenbären

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Ich verlor die Geduld und nahm ihm sofort den Sack aus den Händen. Er starrte mich mit flehenden Augen an.
 

Als wir den Ameisenbären endlich gefunden hatten, rollte er sich wie ein Ball unter einem 16 Zoll dicken Rohr zusammen, das neben einem kleinen Abflusskanal lag, wo sich Wasser gesammelt hatte welches durch Ölverschmutzung geschwärzt war. Das Lebewesen konnte nirgendwo hin. In einem Radius von mehreren hundert Metern gab es nichts außer Ödland, das nach dem Abbrennen des Dschungels noch von Rauchschwaden umgeben war.

„Bring mir den Sack, Jang!“, sagte ich zu Ujang, meinem fünfjährigen Bruder.

Ujang schwieg. Er stand etwa zwei Meter hinter mir, hielt den Sack mit zitternden Händen und brach fast in Tränen aus. Ich wusste, dass er hungrig war, weil wir noch nichts gegessen hatten, seitdem unser Vater gegangen war. Aber es war nicht nur der Hunger, der ihn zum Weinen brachte.

„Beeil dich Jang!“

Ich verlor die Geduld und nahm ihm sofort den Sack aus den Händen. Er starrte mich mit flehenden Augen an.

„Das ist der kleine Bola, Bang!“ sagte er und brach in Tränen aus.

Ich näherte mich dem Ameisenbären und schob ihn mit Hilfe eines Stockes in den Sack. Ich band den Sack an eine Weinrebe und trug ihn über meiner Schulter. Der Ameisenbär versuchte nicht mal sich zu wehren oder mich zu beißen.

„Komm, gehen wir!“

Ujang antwortete nicht. Er saß auf dem Rohr und wischte sich die Tränen mit einem Zipfel seines Hemdes ab. Das Ölrohr begann sich zu erwärmen, weil sich der Mittag sich näherte.

„Vater…,“ schluchzte er.

„Vater wird bald zu Hause sein“ antwortete ich genervt.

„Ich will was essen. Ich habe Hunger, Bruder.“

„Ja. Wir verkaufen den Ameisenbären und danach können wir uns Reis kaufen.“

Unerwartet brach er wieder in Tränen aus. „Ich will den Ameisenbären nicht verkaufen! Ich will den Ameisenbären nicht verkaufen! Das ist der kleine Bola…“

„Komm runter! Hör auf zu weinen! Oder ich gebe dir gleich eine Ohrfeige!“.

Ich war wütend. Teilweise, weil ich hungrig war und teilweise weil ich wütend war , weil ich ihm nicht erklären konnte, was wirklich los war.

Endlich kam er runter. Er nahm eine Handvoll schwarzer Sikaduduk-Beeren und steckte sie in den Mund. Er ging vor mir und weinte immer noch. Ich tat das gleiche, nahm mir eine Handvoll Beeren und aß diese, um die Hungerattacken zu lindern. Sie schmeckten bitter, so bitter wie wir uns fühlten.

Dann machten wir uns gemeinsam auf den Weg zur Hauptstraße, um den Ameisenbären zu ver-kaufen, der anfing im Sack zu zappeln.

Gestern Abend wurde unser Vater von der Polizei festgenommen, da er Palmölfrüchte gestohlen hatte. Er musste stehlen, da wir nichts mehr zu Essen hatten. Unsere Mutter starb vor drei Jahren. Sie wurde von einem Lastwagen des Ölbohr-Unternehmens überfahren, als sie von den Feldern auf dem Weg nach Hause war. Wir erhielten eine kleine Entschädigung, aber um die Krankenhauskosten und andere Kosten abdecken zu können, war unser Vater gezwungen gewesen, unser Gartenland dem Plantagenunternehmen für einen sehr niedrigen Preis zu verkaufen. Ich war erst fünf Jahre alt, als wir in die Armut gerieten. Die Umstände des Unfalls unserer Mutter wurden nie untersucht oder vor Gericht gebracht. Das Öl floss weiter und die Ölpalmen trugen weiterhin Früchte, während wir langsam verhungerten, denn wir hatten nichts mehr übrig.

Wir traten aus der Plantagenfläche heraus und gingen auf die Hauptstraße. Es war eine unbefestigte Straße, die zwischen der Ölpalmenplantage auf der linken und der Ölleitung auf der rechten lag. Auch ein kleiner Bach floss dort entlang, doch das Wasser war schwarz, denn es war durch Abwasser verseucht. Das war der Weg auf dem die LKWs und Fahrzeuge der Bohrunternehmen fuhren. Es war auch die offizielle Straße der Palmölkonzerne weil ihre Bäume auf den Ölfeldern der Bohrfirma gepflanzt wurden. Ich hatte keine Ahnung, welche Firma die meiste Autorität über diese Straße hatte. Was ich wirklich wusste war, dass unter der Erde, auf der ich stand, Millionen Barrel von Rohöl waren, während oberhalb Tonnen von sehr wertvollem Palmöl waren. Ich wusste auch, dass wir keinen Teil davon abbekamen, weder des Öls im Boden noch des Öls über der Erde. Wir waren nur Zuschauer, die beobachteten, wie die Menschen die Schätze endlos von unserem Land ausbeuteten.

Eines Tages sah ich einen LKW-Fahrer, der ausstieg und um einen Ameisenbären handelte. Der Preis erreichte bis zu 100.000 Rupiah. Sie sagten, dass Ameisenbär-Öl als wirkungsvolle Medizin verwendet werden kann.

Wir hielten an einem ziemlich offenen Ort mit klarer Sicht. Ich sagte Ujang, dass er sich unter den Baum setzen und den Ameisenbären bewachen sollte, während ich mein Hemd auszog und damit um mich schwenkend auf das Verkaufsangebot aufmerksam zu machen suchte.

„Ameisenbär! Ameisenbär!“ rief ich jedem Fahrzeug zu, das vorbei fuhr.

Ich konnte den Ameisenbären nicht anbinden und anpreisen, weil Ujang mit Sicherheit wieder angefangen hätte zu weinen. Für ihn war es der kleine Bola, der Ameisenbär, der jeden Morgen mit uns gespielt hatte. Ich war mir nicht sicher, ob es wirklich der kleine Bola war oder nicht, denn Ameisenbären sehen überall gleich aus. Aber Ujang konnte den Unterschied mit einem Blick erkennen.

„Bind den Sack wieder zu! Oder du wirst gebissen“ schrie ich Ujang zu, als er den Sack öffnete und für einen Augenblick nach innen guckte.

„Das ist der kleine Bola, Bruder!“ seine Stimme war heiser vom Weinen.

„Halt den Mund!“ schrie ich als ein Fahrzeug vorbei fuhr.

„Ameisenbär! Ameisenbär!“ Es gab keine Antwort. Nur die Räder warfen Staub auf, der unseren Blick trübte.

Mir war es egal, ob der Ameisenbär der kleine Bola war, oder nicht. Wir hatten Hunger und was wir brauchten war Reis, auch wenn wir dafür unseren kleinen Freund verkaufen mussten.

Für meinen kleinen Bruder Ujang war es der Ameisenbär, der jeden Morgen kam und mit ihm spielte. Vielleicht landete er immer verloren in unserem Hof, weil seine Heimat durch den Brandro-dung, also durch die Waldzerstörung für neue Plantagen, zerstört wurde. Ujang hatte ihn durch Zufall gefunden und er war erstaunt als er sah, wie diese Kreatur sich zu einem Ball zusammen-rollen konnte. Dann wuchs eine Freundschaft heran. Für Ujang war der Ameisenbär sein einziger Spielkamerad, während unser Vater und ich im Wald auf der Suche nach Honig waren.

Doch nach der Verhaftung unseres Vaters gestern, wusste ich genau, dass er nicht nach Hause zurückkommen würde – der Verkauf des Ameisenbären war unsere einzige Chance, um ein paar Tage zu überleben. Sicher wollte mich, ein acht jähriges Kind, niemand beschäftigen. Weder die Ölgesellschaften, noch die Palmölkonzerne.

Es war für uns nicht immer so gewesen. Laut den Geschichten meines Vaters, war mein Großvater sehr wohlhabend gewesen. Er war ein Freund der Natur und lebte von deren Großzügigkeit. Wir konnten Fisch in jedem Fluss fangen, selbst in dem Sumpf. Niemand behauptete, dass dieses Land ihm gehörte oder, dass dieses Land seines war. Wir lebten von dem, was die Natur uns gab. Dann wurden die Ölquellen gefunden und die Förderung wurde eingerichtet. Die Rohre fingen an lukratives Öl zu liefern. Die Flüsse wurden verschmutzt, die Fische starben, die Krabben starben, alles im Fluss starb. Wir konnten keine Fische im Fluss mehr fangen, da es nichts mehr gab. Wir mussten das Sumpfgebiet bewirtschaften, zumindest so lange es nicht austrocknete. Dann kamen diese klugen Menschen, die erklärten „Dieses Gebiet eignet sich für Palmöl“ und so begannen die Pflanzungen. Unsere Wälder wurden für das neue Feld niedergebrannt.

Unser Land wurde zum Eigentum des Staates erklärt. Wir, das unwissende Volk, wurden ausgetrickst und angeschwindelt. Unser Land wurde uns gestohlen und im Laufe der Zeit wurden wir Gäste in unserem eigenen Haus. Wir konnten nur zusehen, wie die fremden Leute (die Palmölkonzerne) die Schätze unseres Landes ernteten und das Geld unter sich aufteilten vor unserer Nase, während wir verhungerten, nackt umher gingen und fast gestorben wären.

Die Sonne am Himmel stieg höher. Nun konnte man die Ölleitungen wegen der Wärme nicht mehr berühren. Das im Inneren fließende Öl strömte vorüber im Gleichklang mit dem im Wind raschelnden Ölpalmwedeln.

Ujang fiel in einen Sekundenschlaf, hielt den Sack dennoch fest. Seine Augen waren noch mit Tränen überströmt. Vielleicht, weil er Hunger hatte oder vielleicht wegen dem kleinen Bola, der zum Verkauf stand. Unter der heißen Sonne stand ich ohne mein Hemd da. Ich habe gezittert, weil ich wütend war und weil ich vor Hunger umkam.

Dann sah ich in der Ferne einen in der Sonne blitzenden Punkt vor einer Wolke aufgewirbelten Staubes. Als er näher kam war zu erkennen, dass es sich um einen großen LKW handelte. Ich stand in der Mitte der Straße, winkte mit meinem Hemd in der Hoffnung, dass der Fahrer nicht vom Licht geblendet wurde und mich nicht überfahren würde, wie es mit unserer Mutter geschehen war. Der Wagen hielt an. Der Staub flog überall herum und in meinen Mund. Er schmeckte bitter, so bitter wie der grimmige Ausdruck auf dem Gesicht des Fahrers mit dem er mich anstarrte.

„Ich verkaufe einen Ameisenbären!“

Er starrte mich für einige Zeit an und spuckte auf den Boden. Sein Speichel bündelte sich wie eine Oase in der Wüste. Der Lastwagenmotor war noch an. „Sag mir, was nützt mir dieser Ameisenbär!“ fragte er, nicht wirklich interessiert.

„Für Medizin. Eine wirkungsvolle Medizin, Herr!“ sagte ich, so wie ich es von dem Mann gehört hatte, der damals einen verkauft hatte.

Er lachte, spuckte nochmal aus und legte den Gang des LKW ein, um weiter zu fahren.
„Warten Sie, warten Sie!“ Ich kletterte auf die Seitenscheibe. In meiner Verzweiflung brach ich fast in Tränen aus. Ich war ein Dutzend Mal abgewiesen worden und dieser LKW war meine letzte Hoffnung.
„Ich lüge Sie nicht an“ sagte ich. „Der Preis eines Ameisenbären erreicht bis zu 100.000 Rupiah. Wenn Sie ihn in der Stadt verkaufen ist der Preis bestimmt noch höher. Ich und mein Bruder haben seit gestern nichts gegessen. Geben Sie mir so viel wie Sie möchten, sodass wir etwas zu Essen kaufen können und Sie können den Ameisenbären haben.“

Er zögerte. Er dachte wegen des Geldes noch einmal nach. Mit dem Fuß drückte er die Kupplung, als er mich ansah und sagte: „Ich möchte diese Kreatur sehen.“

Ich war überglücklich. Ich dachte schon an das halbe Kilo Reis, das ich für eine Mahlzeit kochen würde.
„Jang! Bring mir den Sack, Jang! Beeile dich!“

Ujang wachte sofort auf. Er rannte auf mich zu mit dem Sack über seiner Schulter. Ungeduldig nahm ich ihm den Sack aus den Händen. Aber der Sack fühlte sich so leicht an. Ich machte ihn ungeduldig auf. Er war leer! Ich wurde blass und war sprachlos.

„Wo ist der Ameisenbär?“ Fragte der Fahrer fordernd und sah mich mit einem einschüchternden Blick an.
„Er war…er war hier“, stammelte ich.

Er spuckte noch einmal. „Genau wie ich es mir dachte! Ihr könnt nur betteln und lügen!“, sagte er und ließ das Kupplungspedal los. Der Sechszylinder-Motor brüllte und der LKW fuhr los.

Ich blieb reglos in einer Staubwolke neben Ujang stehen, der sich mit einem Gefühl von Schuld und Angst vorbeugte. „Ich ließ ihn gehen, Bruder!“, murmelte er. „Er war der kleine Bola …“

Ich weinte. Als ich dorthin guckte, wo Ujang gesessen hatte, sah ich den Ameisenbären. Er sprang auf, drehte sich für einen Moment um und verschwand hinter einem Gebüsch der Ölpalme.

„Ich habe Hunger, Bruder!“ sagte Ujang.

Ich antwortete nicht. Alles, an was ich denken konnte, war, was wir je wieder essen würden. Und ich sah nur noch, wie der LKW in der Ferne verschwand…
 

Olyrinson wurde in Payakumbuh, auf West Sumatra, im Jahr 1970 geboren. Er ist Lehrer und Mitarbeiter im privaten Sektor, sowie ein produktiver und preisgekrönter Autor von Kurzgeschichten, Romanen und Drehbüchern. Sein Kurzgeschichtensammelband Sebutir Peluru Dalam Buku (2011) schildert den Kampf einer armen Gemeinde gegen die großen Konzerne, die ihr Land ausbeuten.