Fatih Akin „Mein Heimatgefühl hat sich ausgebreitet“

Er überschreitet gerne kulturelle und geografische Grenzen. Mit seinen Geschichten, die in Deutschland und der Türkei spielen, ist der Autorenfilmer Fatih Akin international bekannt geworden.

Fatih Akin Fatih Akin | © Achim Kröpsch Es ist ein launenhaftes Schicksal, das viele Figuren in Fatih Akins Filmen teilen. Da gibt es den kleinkriminellen Deutschserben, der bei dem Versuch stirbt, ein Mafiamitglied zu werden, den türkischen Alkoholiker mit Hang zur Selbstzerstörung oder den chaotischen Deutschgriechen, der mit dem Mut der Verzweiflung für sein Restaurant kämpft.

Die Ideen zu seinen Charakteren findet Fatih Akin oft in der eigenen Biografie. Er wurde 1973 als Sohn türkischer Einwanderer in Hamburg geboren und wuchs in einem Stadtteil auf, der als typischer „Problemkiez“ galt. Als Teenager war Akin selbst Teil einer Straßengang. In einem Interview mit der Zeit sagte er einmal, seine Mutter hätte ihn vor dem Schicksal bewahrt, das viele seiner Jugendfreunde ereilte: „Abgeschoben, Gefängnis, Überdosis.“

Neue Heimat?

Es war eine Geschichte aus genau diesem Milieu, die Akin als Regisseur und Drehbuchautor in Deutschland bekannt machte: Sein Spielfilmdebüt Kurz und schmerzlos von 1998 handelt von drei kriminellen Freunden aus Hamburg. Beachtung fand der Film vor allem deshalb, weil er die Geschichte aus einem Problemviertel ohne gekünstelte Sozialkritik und ohne mahnenden Zeigefinger erzählt.

Die Lebenswege von Migranten in Deutschland sind seitdem immer wieder Thema bei Fatih Akin. In seinem ersten Dokumentarfilm Wir haben vergessen zurückzukehren (2001) erzählt er die Geschichte seiner Eltern, die in den 1960er-Jahren als Gastarbeiter nach Hamburg kamen und schließlich in Deutschland blieben. In dem Spielfilm Solino (2002) zeigt Akin diese Erfahrung aus der Sicht einer italienischen Familie in Duisburg – wobei das Drehbuch ausnahmsweise nicht von ihm stammte.

Kein „Entweder-oder“

Weil er in seinen Filmen Migrationsthemen aufgriff, sahen deutsche Medien in Fatih Akin zuweilen einen Vertreter des sogenannten Migrantenkinos, das in den 1970er- und 1980er-Jahren kulturelle Unterschiede betonte. Migration wurde hier vor allem als Fremdheitsgefühl dargestellt, als ein problematisches „Die-und-wir“. Mit seinem ersten internationalen Erfolg Gegen die Wand aus dem Jahr 2004 begann Akin, sich davon zu emanzipieren. Hier zeigt er die Geschichte der jungen Sibel aus Hamburg, die den alkoholsüchtigen Cahit heiratet, um nicht länger bei ihren konservativen Eltern leben zu müssen.

Ihr Migrationshintergrund ist für die beiden Protagonisten zwar Teil ihrer Identität, aber er ist nicht bestimmend. Sie sind nicht mehr Türken, sondern Deutschtürken. Das Springen zwischen zwei Kulturen ist für Sibel und Cahit Normalität. Sie tanzen zu türkischer Folklore und westlicher Popmusik, wechseln mitten im Satz die Sprache. Damit stehen sie exemplarisch für eine ganze Generation, für die es kein „Entweder-oder“ mehr gibt und die heute ein selbstverständlicher Teil der deutschen Gesellschaft ist. Da diese Generation im deutschen Kino oft unterrepräsentiert ist, gehört es zu Akins Verdiensten, sie auf die Leinwand zu holen. Bei den Filmfestspielen in Berlin erhielt der Film den Goldenen Bären. Damit ging der Preis nach achtzehn Jahren erstmals wieder an eine deutsche Produktion. Ebenfalls 2004 folgten der Deutsche Filmpreis und der Europäische Filmpreis als bester Film.

Globalisiertes Kino

Gegen die Wand ist der erste Teil einer Trilogie, die den Titel Liebe, Tod und Teufel trägt. Der zweite, dem Tod gewidmete Teil ist der Film Auf der anderen Seite von 2007. Es ist die Geschichte von sechs Menschen in Bremen, Hamburg und Istanbul, die als Familie, als Liebende oder über den Tod miteinander verbunden sind. Zwei der Protagonisten kommen durch unglückliche Zufälle ums Leben, woraufhin die Hinterbliebenen beginnen, einander zu suchen und zu vergeben.

Die Gleichzeitigkeit zweier Kulturen, die Akin schon in Gegen die Wand aufgriff, führte er hier noch weiter. Die Türkei ist nicht mehr nur das ferne, aus der Distanz betrachtete Herkunftsland der Elterngeneration, sondern gleichberechtigter Schauplatz der Handlung. Akin sagte dazu in einem Interview mit dem Kino-Magazin epd Film: „Mein Heimatgefühl hat sich ausgebreitet. So wie sich geografische Platten einander annähern, sind die Türkei und Deutschland für mich zusammengewachsen.“ Mit der Ausweitung der Schauplätze wuchs auch Akins internationale Bekanntheit. Neben dem Drehbuchpreis der Festspiele in Cannes erhielt Auf der anderen Seite Auszeichnungen in der Türkei, Kroatien, den Philippinen und den USA. In der deutschsprachigen Kritik war Akin nun nicht mehr der Hamburger Migrantenfilmer, sondern Vertreter eines Weltkinos, das sich durch seine kosmopolitische Haltung auszeichnet.

Komik und Politik

Heimat bedeutet für Fatih Akin aber stets auch Hamburg. Wenn er ein Drehbuch mit Szenen in Deutschland schreibt, dann spielen sie in der Hansestadt. Dabei interessiert ihn eher das Hamburg, in dem er aufgewachsen ist: wo die Szenekneipe und der türkische Kulturverein nicht weit auseinander liegen.

Den Film Soul Kitchen (2009) widmete er seiner Heimatstadt: Ein Deutschgrieche will sein Fast-Food-Restaurant in Hamburg-Wilhelmsburg – ebenfalls ein „Problembezirk“ – vor dem Abriss durch einen gierigen Investor retten. Daraus entspinnt sich eine liebevoll-anarchische Geschichte voller schräger Momente. Soul Kitchen ist in erster Linie eine Komödie, thematisiert aber auch kritisch die Verdrängung von Subkulturen und sozial schwachen Einwohnern in Hamburg. Dafür wählte Akin Drehorte, die kurz vor dem Abriss oder der Luxussanierung standen.

Explizit politisch wurde der Autorenfilmer mit seiner Dokumentation Müll im Garten Eden (2012). Abermals geht es um eine bedrohte Heimat: Die Idylle des Dorfes Çamburnu, das in einem Teeanbaugebiet im Norden der Türkei liegt, wird von einer neu gebauten Mülldeponie zerstört. Akin dokumentiert den Protest der Bewohner, die letztlich mit ansehen müssen, wie der giftige Schlamm der Deponie die grünen Hügel unter sich begräbt. Für Akin sind auch diese Ereignisse eine persönliche Geschichte: Es ist das Dorf seiner Großeltern.

Der letzte Teil der Liebe, Tod und Teufel-Trilogie wird The Cut heißen und soll 2014 fertig sein. Gleich mehrere Grenzen hat Fatih Akin dafür überschritten: Der Film wurde in Jordanien, Deutschland, Kuba und Kanada gedreht.