Fahrradaktivisten „Ein Leben ohne Fahrrad ist möglich, aber sinnlos“

Julia (29), Flo (26), Karl (29) | © Clara Migsch
Julia (29), Flo (26), Karl (29) | Foto (Montage): © Clara Migsch

Sie bauen Lastenräder, formieren sich bei Fahrraddemos zur „Critical Mass“ und betreiben Fahrradselbsthilfewerkstätten: Bei Fahrradaktivistinnen und -aktivisten dient Fahrradfahren nicht nur der Fortbewegung, es ist auch politisches Statement und Symbol für ein selbstbestimmtes Leben. War die autonome Fahrradszene vor einigen Jahren noch ein subkulturelles Phänomen, sind ihre Ideen und Forderungen mittlerweile in der gesellschaftlichen Mitte angekommen. Im Interview gewähren drei langjährige Vertreter Einblicke in ihr Fahrradleben:

Flo, 26, Mitbegründer eines Lastenradkollektivs

Noch vor fünf Jahren kannte ich praktisch jeden, der außer mir im Winter mit dem Fahrrad unterwegs war. Mittlerweile nimmt das Fahrradfahren in der Durchschnittsbevölkerung immer mehr zu. Die Grenzen zwischen Leuten, die einfach mit dem Rad zur Arbeit fahren und Bike-Nerds, die ständig an ihren Fahrrädern herumbasteln, verschwimmen. Exzessives Fahrradfahren ist auf dem Weg von einer Sub- zur Allgemeinkultur zu werden.

Ich bin kein langsamer Fahrer und hätte keine Lust, mit dem Auto im Stau zu stehen. Fahrradfahren ist ein politisches Statement für mich, weil es extrem unabhängig macht: Ich bin mobil, kann überall stehenbleiben und mein Fahrzeug selbst warten. Ich bin Mitbegründer eines Lastenradkollektivs, bei dem man sich gegen freie Spende Lastenräder für Transportzwecke ausleihen kann. Bis zu 100 Kilo gehen zusätzlich zum Fahrer noch drauf. Komplette Umzüge mit Lastenrädern würde ich aber nur bei einem großen Freundeskreis empfehlen.

Einmal im Jahr findet das sogenannte Cyclocamp statt – ein europaweites Treffen für Fahrradselbsthilfewerkstätten. Das sind gemeinnützige Fahrradwerkstätten, die – ebenfalls gegen eine freie Spende – Equipment und Know-how zur Verfügung stellen.

Das Ziel ist es, einen niederschwelligen Zugang für alle zu ermöglichen.

Julia, 29, Landschaftsarchitektin

Zu Beginn war es eine kleine, motivierte Kerngruppe, die wahnsinnig viele Fahrradprojekte inspiriert hat - egal ob Critical Mass, Bike Kitchen oder Lastenradkollektiv. Mittlerweile sind viele neue Leute nachgekommen, die das weitertragen. Die Szene ist größer und vielschichtiger geworden.

In meiner WG fahren alle mit dem Fahrrad. Es passiert öfter, dass Menschen hereinkommen und denken, sie seien in einer Fahrradgarage, weil im Flur so viele Räder hängen. Ich selbst habe fünf. Mein Herzstück ist ein altes Rennrad. Es hat einen Stahlrahmen mit einer wunderschönen Geometrie und ist das erste Rad, das ich selbst zusammengebaut habe. Als ich mit Anfang 20 mit dem Fahrradfahren in der Stadt begonnen habe, war das ein absoluter Befreiungsmoment. Mit dem Rad bin ich zu jeder Zeit mobil und selbstbestimmt – egal ob zwei Uhr nachmittags oder vier Uhr morgens. Das empfinde ich als große Freiheit.

Dieses Gefühl der Unabhängigkeit und Freude weiterzugeben, ist mir ein besonderes Anliegen. Daher unterstütze ich auch aktiv Angebote zur Fahrrad-Selbsthilfe und zu selbstbewusstem Radfahren in der Stadt. Durch das viele Radfahren bin ich so daran gewöhnt, auf der Straße zu sein, dass ich als Fußgängerin manchmal vergesse, meinen Bewegungsraum auf den Bürgersteig zu beschränken. Wer wie viel Teilhabe im öffentlichen Raum hat und wie sich zum Beispiel Verkehrsraum gerechter gestalten lässt, beschäftigt mich auch in beruflichen Planungsprojekten.

Karl, 29, Fahrradmechaniker

Ich bin im Vereinsvorstand der Bike Kitchen, einer Fahrradselbsthilfewerkstatt, die auf freier Spendenbasis funktioniert. Unsere Idealvorstellung ist, dass wir offen und für alle zugänglich sind. Zu uns kommen ganz unterschiedliche Leute: Fahrradboten, Zeitungsausträger oder auch Kids aus der Nachbarschaft. Man findet hier neben Werkzeugen auch Fahrradteile, die man benutzen kann. Jede Woche kochen außerdem zwei bis drei Leute vegan und wir haben Getränke, die man gegen eine freie Spende konsumieren kann.

Wir gehen davon aus, dass Leute, die für einen Hungerlohn Zeitungen austragen gehen, weniger zahlen als Leute, die hier ihre schicken Rennräder reparieren. Mir persönlich ist auch der Nachhaltigkeitsaspekt sehr wichtig, dass man alte Teile repariert, anstatt neue zu kaufen. Ich bin Fahrradmechaniker, so gesehen ist das Fahrrad auch ein Mittel zum Broterwerb für mich. Dabei profitiere ich natürlich auch von dem hier vorhandenen Wissenspool.

Die Ursprungsintention einer Bewegung wie der Critical Mass, die sich aus einem autonomen Umfeld heraus entwickelt hat, ist schon eine fahrrad- und verkehrspolitische. Es geht um Raumnahme, also die Beanspruchung von Raum für Radfahrer im Stadtverkehr. Mittlerweile hat die Bewegung an Radikalität eingebüßt und ist bürgerlicher geworden.