Erina Brady Deutsch-irische Pionierin des modernen Tanzes in den Wirren des Zweiten Weltkriegs in Irland

Akte
Akte | Foto: Deidre Mulrooney

Während Irland, vom Bürgerkrieg der Jahre 1919 bis 1921 gezeichnet, um nationale Eigenständigkeit ringt, beginnt auf dem Kontinent die Tanzmoderne. Erina Brady, 1891 in Bad Homburg vor der Höhe als Tochter eines irischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren, tummelt sich in der Szene. In Dresden kommt sie mit Jaques-Dalcrozes Euryth-mie und Rudolf von Labans raum-rhythmischer Bewegungslehre in Berührung, dann lernt sie um das Jahr 1920 Mary Wigmans Ausdruckstanz kennen. Zuvor hat die junge Kosmopolitin als Schreibkraft für die neue irische Regierung beim soeben gegründeten Völkerbund in Genf gearbeitet und in der Schweizer Presse für die irische Selbstbestimmung geworben. Dass Brady, die den Namen Irlands (Eire) im Vornamen trägt, auch mit der gälischen Sprache vertraut ist, verdankt sich zweifellos dem Einfluss ihres patriotischen Vaters Terence.

Brady wird rasch zur glühenden Wigman-Anhängerin. Sie fasst den Entschluss, die moderne Bewegungsphilosophie des Ausdruckstanzes nach Irland zu exportieren. Aber das ist nur ein Grund, warum es Erina in die Heimat des Vaters zieht. Sie will auch ihre dortige Verwandtschaft besuchen, die Terence Brady zur persona non grata erklärt und aus dem Familienstammbaum getilgt hat.

Jim Brady, ein Verwandter Erinas, erinnert sich daran, wie er erstmals von seiner «deutschen» Cousine Kenntnis erlangte: «Nach dem Tod meiner Mutter lösten wir den Haushalt auf, und da fiel mir eine alte Keksdose in die Hände. Ein Glücksfall, denn sie enthielt unter anderem auch Traueranzeigen und ausgeschnittene Zeitungsartikel.» Einer dieser Artikel stammte von 1941 und berichtete von einer modernen Tänzerin namens Erina Brady. Jim Brady hatte bis dahin noch nie von dieser Verwandten gehört, ebenso wenig wie von ihrem Vater Terence, der in einer anderen überlieferten Notiz als «Dozent für Griechisch und Latein» aufgeführt wurde. Inzwischen weiß man, dass Terence 1888 aus der Priesterschaft ausgetreten war, um eine junge Deutsche – Elisabeth Wendland – zu heiraten. Kennengelernt hatte er sie auf einer Reise in die USA, deren Zweck darin bestand, Gelder für die heimische St. Patrick‘s Boys‘ School einzutreiben – jener Institution, der er als Dekan und Schatzmeister vorstand. «Ein abtrünniger Priester», meint Jim Brady, «das war damals, in den 1940er-Jahren, natürlich nicht leicht zu verdauen. Umso mehr muss es ein Schock für die Familie gewesen sein, als plötzlich diese junge Frau aus Deutschland auftauchte und sich als leibhaftige Tochter dieses Priesters vorstellte!»
 
Von ihrem Irland-Besuch kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erhofft sich Erina Aussöhnung mit der Familie, der sie allerdings auch die Mitteilung machen muss, dass der Vater inzwischen verstorben ist. Diese Mission verläuft nicht durchweg erfolgreich, doch persönliche Rückschläge halten Erina nicht davon ab, in der Dubliner Harcourt Street 39 die «Irish School of Dance» zu eröffnen. Sie unterrichtet zunächst Kinder, denen sie – egal ob katholischer oder protestantischer Konfession – die freie Körperausdruckskunst nahebringen will. Elizabeth Moore, eine ihrer damaligen Elevinnen, erinnert sich lebhaft: «Ich sehe das Studio noch heute vor mir. Man trat ins Gebäude, zog sich in der kleinen Garderobe um und erreichte durch einen Gang die Tür zu dem großen, lichtdurchfluteten Studio – in dem Erina offensichtlich auch wohnte, denn in einer Nische stand ein Bett.»

Erina Brady ist nur eine von vielen internationalen Flüchtlingen, die im neutralen Dublin, wo trotz Ausnahmezustand ein reges Künstlermilieu gedeiht, dem Krieg zu entrinnen suchen. Ihr deutscher Hintergrund, ihr extravagantes Äußeres und ihre Verschwiegenheit erregen jedoch bald die Aufmerksamkeit des Verteidigungsministeriums, das auf die irische Unabhängigkeit bedacht ist. Zumal sich die Einwanderin in der Harcourt Street 39 unter ihresgleichen bewegt: Sie wird auf das Wärmste von irischen Künstlern willkommen geheißen, etwa von Hugh Barden, der für ihre Vorführungen die Bühnenbilder kreiert und ein lebenslanger Freund bleiben wird. Ein anderer «Hausgenosse» ist der Filmemacher und Mitbegründer der Irish Film Society, Liam O‘Leary (Liam O‘Laoghaire), auf den die exotisch anmutende Frau aus Deutschland, die noch dazu des Gälischen mächtig ist, einen tiefen Eindruck macht. Er dreht sogar einen Werbefilm über ihre Schule, der nebenbei das Porträt einer ziemlich unkonventionellen Frau inmitten eines ebenso unkonventionellen Zeitalters liefert.

Unter Verdacht

Anfänglich hält das Verteidigungsministerium Erina Brady fälschlicherweise für eine einschlägig bekannte Spionin, die Korrespondenzen weiterleitet. Ein Verdacht, der sich noch zu erhärten scheint, als der Detektiv James McGuire im Mai 1941 eine Postkarte Erinas abfängt, mit der sie Eduard Hempel, den deutschen Botschafter in Irland, samt seiner Gattin zum Tee in ihr Studio einlädt. Zu Erinas Unglück fällt das Abfangen der Postkarte mit der Bombardierung von Dublins North Strand durch die deutsche Luftwaffe zusammen, die zahlreiche Bewohner tötet: für die ermittelnden Behörden ein weiterer Grund, Erina Bradys Tanzschule für einen Hort feindlicher Konspiration zu halten. Sie scheine, so berichtet McGuire am 23. Juni 1941, «über die erhobenen Schulgebühren hinaus über substanzielle Geldbeträge zu verfügen. Mir liegen Hinweise vor, dass sie gelegentlich als überaus freizügige Gastgeberin sogenannte ‹Bottle and Pyjama›-Partys in ihrer Wohnung veranstaltet.»

Erina Bradys künstlerisches Umfeld ist pazifistisch gesonnen und besteht aus zahlreichen Briten, die vor dem Kriegsgeschehen nach Irland geflohen sind – was die Regierung, eine Machtübernahme Londons befürchtend, mit Misstrauen erfüllt. Nebenbei hat sich Dublin zu einem Zentrum der Avantgarde entwickelt, und Erina Brady befindet sich mittendrin, eng befreundet mit Mitgliedern der White Stag Art Group. Gegründet von den Malern Basil Rakoczi und Kenneth Hall, hat sich das Kollektiv einer «Neuen Subjektivität» verschrieben und damit mehr und mehr irische Künstler in seinen Bannkreis gezogen. Gemeinsam mit Rakoczi ruft Erina die Dubliner «Society for Creative Psychology» ins Leben.

Illustre Gäste

Im Februar 1942 gibt Erina ihr mit Spannung erwartetes Debüt im Abbey Theatre: als Choreografin für das in Gälisch aufgeführte «Dráma Morálta, Ó Cách», eine Version des mittelalterlichen Mysterienspiels «Jedermann», sowie für das Stück «Gloine an Impire» von Traolach Ó Raithbhearthaigh. Erinas Repertoire reicht künftig von mittelalterlichen Mysterienspielen bis zu Musicals wie etwa «Rose Marie», das im Gaiety Theatre zur Aufführung kommt. Sie erarbeitet dafür die Choreografie und übernimmt zudem selbst die Rolle der Squaw Wanda. Im «Irish Independent» heißt es am 16. Dezember 1942 dazu: «In den gegenwärtigen Kriegszeiten gibt es immerhin einen Hoffnungsschimmer am Horizont, nämlich für den künstlerischen Nachwuchs Irlands. Das jedenfalls war der vorherrschende Eindruck, den ich nach der begeistert gefeierten Premiere von ‹Rose Marie› mit nach Hause nahm. Allen voran glänzte die ungemein versierte Künstlerin Erina Brady, eine Irin auch sie. Sie trat bereits im Pariser Théâtre Mogador auf, mit dem sie bis nach Tunis und Algier tourte, und ist eine talentierte Schülerin der besten europäischen Schulen auf dem Gebiet der Tanzkunst. Wie das großartige Stück ‹Riot of the Totem Pole› zeigte, ist sie noch dazu eine herausragende Ballett-Lehrerin.»
 
Solche Elogen belegen, dass Erina solide Vorarbeit für ihr Traumziel geleistet hat: die Gründung eines eigenen Ensembles, der Erina Brady Dance Company. Dafür veranstaltet sie «dance demonstrations» überall in Irland, stets begleitet von Jacqueline Robinson. Bald stößt sie auf die 17-jährige June Fryer, eine Ausnahmebegabung, die sie unter ihre Fittiche nimmt und zur ersten modernen Tänzerin Irlands ausbildet.
 
Unsere Kenntnisse von dieser Frühphase des modernen Tanzes in Dublin verdanken wir vor allem Jacqueline Robinson, die kurz vor ihrem Tod im Jahr 1999 Erina Bradys nahezu vergessene Unterrichtsmethoden festgehalten hat. In ihren Memoiren «Modern Dance in 1940s Ireland? Yes, There was!» schreibt Robinson: «Das professionelle Training ähnelte der Ausbildung, die Mary Wigman in ihren deutschen Wirkungsstätten praktizierte. In der intimen Atmosphäre ihres Studios erlebten wir Erina als fordernd und unnahbar, rücksichtsvoll und zärtlich, kühl und leidenschaftlich, stets von dem Wunsch beseelt, kompromisslos immer weiter, immer tiefer in die Wahrhaftigkeit der Tanzkunst vorzudringen, der sie sich verschrieben hatte. Wir schauten ihren Bewegungen zu und betraten eine andere Welt. Wir hörten ihr zu und versuchten das umzusetzen, was sie von uns verlangte, immer in dem Bewusstsein, dass wir uns auf einen langen und ertragreichen Weg begaben. Sie hielt uns dazu an, andere Kunstformen kennenzulernen und zu schätzen – Musik, Malerei, Architektur –, gleichsam immer neue Türen öffnend, neue Landschaften enthüllend. Im Studio wehte der Geist unserer großen Vorbilder Rudolf von Laban und Mary Wigman, mit denen sie gearbeitet hatte, deren Fotografien an den Wänden hingen und auf deren Kunst und Lehrmethoden sie häufig Bezug nahm.»

Im Kloster

Kurz nach dem Ende des Krieges bricht in Irland eine Tuberkulose-Epidemie aus, die Bradys moderner Kunst zu offizieller Anerkennung verhilft. Am 28. Mai 1945 eröffnen Worte des Premierministers ihre Tanz-Fantasie «A Propaganda Ballet Against Tuberculosis», das im Rahmen einer Veranstaltung des Roten Kreuzes gegeben wird. Auch sonst tun sich neue Horizonte auf, denn dank des klerikalen Hintergrunds ihres Vaters hat Erina Brady einen guten Draht zur katholischen Kirche und kann ihre Mission, den modernen Tanz in Irland zu verbreiten, nun auch auf Klosterschulen ausdehnen. Was nicht ganz problemlos läuft, wie Robinsons Erinnerungen verraten. Bradys Schülerin, nunmehr im letzten Ausbildungsjahr, soll pädagogische Erfahrung in einem Ordenshaus sammeln: «Zur ersten Stunde trug ich ein langes fließendes Gewand, damals eine durchaus übliche Tanzbekleidung. Unter den Augen einer der Schwestern verlief der Unterricht sehr gut, doch anschließend wurde ich zur Mutter Oberin zitiert: ‹Miss Robinson, mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie Ihren Rock angehoben und ihre Beine gezeigt haben, noch dazu in einem weiten Ausfallschritt!› ‹So etwas kommt hier unter keinen Umständen infrage!› Nachdem der Kurs abgelaufen war, verkündete der Bischof, dass keinerlei derartige Tanzklassen mehr im Kloster stattfinden sollten!»
 
Nach Kriegsende platzt die kreative Blase, die sich in der Phase der irischen Neutralität herausgebildet hat. Die Künstler zerstreuen sich in alle Winde. Irland steuert direkt in die repressiven Fünfzigerjahre hinein, in denen Erina Bradys moderne Ideale keinerlei Chance haben. Die Künstlerin beschließt deshalb, ihre Arbeiten in London zu zeigen. Mit der Erina Brady Dance Group und dem Stück «The Voyage of Maeldune» debütiert sie im Frühjahr 1948 in der dortigen Rudolf Steiner Hall. Es wird die letzte gemeinsame Performance mit June und Jacqueline werden, denn die beiden haben anderes vor, sehr zur Enttäuschung ihrer Mentorin. June will die Ausbildung bei Sigurd Leeder fortsetzen und an der Oxford Theatre School lehren, Jacqueline geht zunächst nach Nottingham und schließlich nach Paris, wo sie eine eigene Schule eigene Schule eröffnet.  
 
Derweil brechen schwere Zeiten an für Erina Bradys Dubliner Tanzschule, wie sich die schon einmal zitierte Zeitzeugin Elizabeth Moore erinnert: «Es war um das Jahr 1948, als die Klassen irgendwie zu schrumpfen begannen. Eines Tages traf ich im Studio ein und sollte die Einzige bleiben. Ich sorgte mich ein wenig um Erina, die sich hinsetzte und einfach nur mit mir redete.» Obendrein eröffnet bald ein großes Konkurrenz-Institut, an dem Ballett, Stepptanz und Gesellschaftstanz unterrichtet werden. Die Gründerin Evelyn Burchall stattet Erina Brady einen Besuch ab und teilt ihr mit, dass sie künftig um jeden Schüler kämpfen wird. Elizabeth Moore bilanziert: «Burchall sollte diesen Kampf gewinnen, denn schon sehr bald machte Erina Brady ihre Schule dicht und kehrte Irland den Rücken.»

Erina beendet ihr irisches Abenteuer und geht in die Schweiz, nach Brione, wo ihre alternde Mutter lebt. Sie hält sich fortan über ihr Privatleben ebenso bedeckt wie über ihre Familiengeschichte. Dann und wann kommt ihr guter Freund Hugh Barden zu Besuch.
 
Was bleibt? Erina Brady hat vielen Anlass zu Spekulationen gegeben. Einige hielten sie für lesbisch. Andere für eine Spionin. Sicher ist, dass sie sich zeitlebens darauf verstanden hat, Geheimnisse zu wahren. Deshalb umgibt sie die Aura des Mysteriums, und das noch posthum. Sie starb im Alter von 70 Jahren in der Schweiz. Aber in Irland gibt es heute mindestens 15 zeitgenössische Tanzkompanien. Sie alle sind: Erina Bradys Erben.