Berlin 25 Die deutsche „Generation Einheit“

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Fans Deutschland | Foto: Christian Schwier

Wenn Raphael Moser and Julia Wenzel sich am 12. Dezember das Ja-Wort geben, tragen sie damit ihren Teil zur deutschen Einheit bei – obwohl das Paar nie auf diese Weise darüber nachgedacht hat. Wir sitzen in einem gemütlichen Café auf der Berliner Karl Marx Allee, dessen Einrichtung einen riesigen Kontrast zur schmucklosen Stalin-Architektur draußen bildet, von einem Ostdeutschen Regime gebaut, das die Beiden nie kennengelernt haben.

Raphael und Julia, gerade zurückgekehrt von einem Studienjahr in Dublin, gehören zur deutschen „Generation Einheit“, die Generation derer, die um 1989 geboren wurden. Wie sieht diese Generation ein Vierteljahrhundert  später die Vergangenheit eines getrennten Deutschlands – und wie wird sie diese Geschichte, die sie nie gelebt hat, in die Zukunft tragen?

“Ich bin auf meine ostdeutsche Identität definitiv stolz, aber diese ganze Ost-West Ossi-Wessi Sache macht für mich keinen Sinn”, sagt Julia. Sie wurde im Dezember 1988 in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) geboren, als der politische Druck der Bevölkerung auf Veränderung durch eine wachsende Anzahl von Versammlungen und Demonstrationen zunahm.

“Meine Mutter nahm mich als Baby zu Montagsdemonstrationen mit, das war für sie sehr wichtig,” sagt sie. “Aber Ostdeutschland war in der Schule nur dann ein Thema, wenn wir unsere Lehrer danach fragten.”

Raphael wurde im November 1990 in einer Stadt in der Nähe des Schwarzwaldes im Südwesten des Landes geboren. Einen Monat früher gehörte dieser Teil des Landes noch zu Westdeutschland.

“Meine westdeutsche Identität ist für mich nicht so wichtig, vielleicht deshalb, weil ich nie das Gefühl hatte, meine Herkunft verteidigen zu müssen,” sagt er. Er stimmt mit seiner Verlobten überein, dass „diese Ost-West-Sache“ kein relevanter oder bemerkbarer Faktor in seinem Leben oder seiner Weltsicht ist. Er ist in der Nähe von Frankreich und der Schweiz aufgewachsen, so dass diese Länder im Leben und Denken seiner Familie eine wichtigere Rolle spielte als positive oder negative Gespräche über den anderen Teil Deutschlands.

Julia wuchs in einer lutherischen Pastorenfamilie auf, was zur Folge hatte, dass der Konflikt mit dem Ostberliner Regime Teil des normalen Familienalltags war. Aufgrund ihres Studiums ist sie jedoch oft umgezogen und hat so in ganz Deutschland gelebt, im Osten und Westen, Norden und Süden. Auf ihren Reisen konnte sie andere kulturelle Unterschiede beobachten, die genauso auffallend sind wie die Kluft zwischen Ost und West: die Teilung zwischen den kühlen Norddeutschen und den eher gemütlichen Süddeutschen zum Beispiel. Und dann ist da noch die Frage der Religion - Julia ist evangelisch-lutherisch, Raphael katholisch.

Alle diese Faktoren, nicht nur Ost-West, lagen in der Luft, als sie ihre Eltern zum ersten Mal trafen. Was ein schwieriger Guess Who’s Coming to Dinner? Abend hätte sein können, war, wie sie sagten, nicht weiter bemerkenswert. Keiner von beiden stellte den Partner als „aus dem Osten“ oder „aus dem Westen“ vor, sie erwähnten nur, woher sie kamen.

Für viele junge Deutsche scheint die regionale Identität wichtiger und relevanter zu sein als die alten Blöcke des Kalten Krieges.

Komischerweise gibt es keine verlässlichen Zahlen, die einen Überblick darüber geben, ob Julias und Raphaels Ehe Teil eines wachsenden Trends ist. Manche Zeitungsartikel erwähnen, dass Ost-West Paare weniger als 10 Prozent ausmachen, ohne anzugeben, woher die Zahlen stammen. Eine kürzlich auf einer Online Dating Webseite durchgeführte Umfrage behauptet, dass seit der Wiedervereinigung einer von fünf Deutschen mindestens eine Ost-West-Beziehung hatte.

Ost-West-Paare

Aber das Statistische Bundesamt Deutschlands gibt an, keine Informationen zu Ost-West-Ehen zu besitzen: es erfasst nur, wo die Ehen geschlossen werden, nicht, woher die Ehepartner kommen. Selbst wenn es nicht möglich ist, zu wissen, wie viele – oder wie wenige – Ost-West-Paare heute existieren, gibt Julia zu bedenken, dass die Zahl schon aufgrund der Gröβe Deutschlands – mehr als vier Mal so groβ wie die Insel Irland - wahrscheinlich ziemlich niedrig ist.

“Ich glaube, dass die Leute nicht flexibel sind und in ihrer Region bleiben. Das ist der Hauptgrund dafür, dass es nicht mehr Ost-West-Paare gibt, nicht die Unvereinbarkeit von Osten und Westen,” sagt Julia.

Das Deutschland der anderen Seite zu sehen, war besonders für Raphael sehr lehrreich.

“Ich war überrascht, wie hübsch die Städte waren und erstaunt darüber, dass ich noch nie von Orten wie Schwerin und seinem hübschen Schloss gehört hatte.

Neben Eheschlieβungen deuten einzelne Berichte darauf hin, dass eine kleine, aber wachsende Anzahl von westdeutschen Studenten aus pragmatischen Gründen in den Osten ziehen, um dort zu studieren: viele Bundesländer im Osten haben, anders als im Westen, bisher noch keine Studiengebühren eingeführt.
Oliver Müller Lorey, 22, sagt, dass er nach Halle im Osten gezogen ist, weil die Universitäten in seiner Heimatstadt Düsseldorf und der Nachbarstadt Köln teuer und überfüllt waren.

Er scherzt: “Meine Freunde und Familie waren überrascht, lachen mich immer noch aus und fragen, ob sie Bananen mitbringen sollen, wenn sie mich besuchen.” Durch das Leben in Halle sieht er Düsseldorf nun mit anderen Augen. “Jetzt kann ich verstehen, was Leute meinen, wenn sie sagen, dass die Westdeutschen arroganter und egoistischer sind als hier,” sagt er. “Man sieht das an den kleinen Sachen, zum Beispiel, wie sie sich im Verkehr verhalten. Ich würde sagen, dass unsere Generation näher zusammengekommen ist als vorherige Generationen, aber ich denke auch, dass es immer noch guten Willen braucht, um die Unterschiede in der Einstellung zu überbrücken.”

Dies spiegelt sich in den Ergebnissen einer vom deutschen Allensbach Institut durchgeführten Umfrage über die Identität der Ostdeutschen wieder. Je älter die befragten Personen wurden, desto stärker war ihre Identifizierung mit dem Osten.

Während die Groβeltern der Generation 60+ sich im gleichen Maβe als “Deutsch“ oder  “Ostdeutsch“ fühlen, fühlen sich Dreiviertel der 16-29jährigen, die im ehemaligen Osten leben, als “Deutsch“ und nur einer von fünf als “Ostdeutsch“.

Trotz der Tendenz hin zu einer gesamtdeutschen Identität, erkennen manche Teile der “”Generation Einheit” noch immer Unterschiede wie zum Beispiel die Tatsache, dass ein vereinigtes Deutschland immer noch von westdeutschen Eliten dominiert wird.

“Jedes Mal, wenn man darauf hinweist, hörst du: ‚aber ihr habt eine ostdeutsche Kanzlerin und einen ostdeutschen Präsidenten‘, das ist aber  immer noch die Ausnahme und nicht die Regel,” sagt Sabine Rennefanz, eine Autorin der “Generation Einheit”, in der Zeitung Die Zeit. “Wir müssen politischer werden, uns mehr engagieren …… bei den letzten Wahlen fand ich es traurig, dass Ostdeutschland keine wesentliche Rolle gespielt hat. Vielleicht sind wir einfach zu leise.”

Wenn man ältere Westdeutsche befragt, sagen viele, dass es auffällig ist, wie leise die “Generation Einheit” gewesen ist.

“Neben vereinzeltem kritischen Aufblitzen sehe ich keinen wirklichen Konflikt zwischen der jüngeren Generation und ihren Eltern,” sagt Herr Andres Veiel, der Filme über Westdeutschlands linke Terrororganisationen gedreht hat, die Nachfolger der 1968 Generation und deren Angriffe auf ihre Eltern und die wahrgenommene Weiterführung des Dritten Reiches in der Bonner Republik.

Mangelnde Legitimität / Rechtmäβigkeit

Ostdeutschland fehlte auf vielen Ebenen die Legitimität, aber es hatte kein Auschwitz,” sagt Herr Veiel. “Vielleicht hat deshalb das Bedürfnis der jüngeren ostdeutschen Generation, sich mit der ostdeutschen Geschichte kritisch auseinanderzusetzen, ihre Eltern herauszufordern, einen anderen Stellenwert.”

Viele Zugehörige der “Generation Einheit” sagen, sie könnten ihre Eltern nicht dafür angreifen, in der DDR unauffällig geblieben zu sein, weil sie aus eigener Erfahrung wissen, wie sehr sich dieselben Eltern nach 1989 abrackern mussten, um über die Runden zu kommen. Jetzt sind sie 25 und finden es schwer, bezahlte Ganztagsarbeit zu finden und eine Familie zu gründen. Vielen fehlt es an Energie, um über die Entscheidungen ihrer Eltern ein Urteil zu fällen.

Stattdessen ist Deutschlands Generation Einheit über die Berliner Mauer hinausgewachsen und feiert sowohl ihre regionalen Identitäten als auch, wenn sich die Chance bietet, ihre nationalen Erfolge, mit neuer Leichtigkeit.

Letzten Endes war es die “Generation Einheit” von Thomas Müller und Toni Kroos, die den Pokal der Fußballweltmeisterschaft zur Party am Brandenburger Tor in die deutsche Heimat gebracht hat. Was einmal ein Todesstreifen war, ist für diese Generation ein öffentliches Wohnzimmer, wo, wie Willy Brandt 1989 vorhersagte, zusammenwächst, was zusammengehört.

Im Weltmeisterschaftsfieber sangen die Zuschauer Deutschlands Sommerhit Ein Hoch auf Uns, jetzt eine Hymne der „Generation Einheit“: “Ein Hoch auf das, was uns vereint, auf diese Zeit/Ein Hoch auf uns, auf jetzt und ewig/auf einen Tag Unendlichkeit.“