Stadtentwicklung Kunst im leeren Raum

Kunst im leeren Raum
Kunst im leeren Raum | Foto: Loredana Rocca

Leerstand gibt es in Deutschland und in Irland. Es gibt ihn in Dresden, der barocken Kunst- und Kulturstadt im Osten Deutschlands, und es gibt ihn in Dublin, der hippen Stadt der jungen Kreativen. Beide Städte haben etwas mehr als eine halbe Million Einwohner. Wie nutzen sie ihre Leerräume für kulturelle Zwecke? Wer ergreift die Initiative? Wer profitiert davon?  

Wenn in der Stadt ein Haus leer steht, hat niemand etwas davon. Nicht der Eigentümer, der mit Sorge zusehen muss, wie das Gebäude verfällt – und womöglich Vandalen anzieht. Nicht die Einheimischen und die Touristen, die sich wundern oder ärgern über den trostlosen Anblick. Schon gar nicht diejenigen, die Raum suchen zum Arbeiten, aber nicht unbegrenzt Geld zur Verfügung haben, um mit den jungen Familien zu konkurrieren, die gerade das nächste angesagte Stadtviertel gentrifizieren und die Mieten in die Höhe treiben.

Man kann sagen, dass die Wirtschaftskrise für Dublins Künstler das Beste war, was passieren konnte. Seit einigen Jahren entstehen in der irischen Hauptstadt pausenlos neue, pulsierende Orte. „Es fühlt sich nicht deprimierend an, es fühlt sich sogar ziemlich aufregend an“, schrieb die britische Tageszeitung The Guardian im November 2010 über die Stimmung in Dublin. Da hatte die Rezession ihren Höhepunkt erreicht – doch die Künstler hatten sich die Krise kreativ zu Nutzen gemacht.

Die Reise zu einem dieser Hotspots beginnt in der roten Straßenbahn-Linie. Man steigt in der Innenstadt ein und drei Haltestellen später in Smithfield wieder aus. Hier, in einem ehemaligen Lagerhaus, Backstein mit großen Fensterfronten, sitzt die Künstler-Organisation Block T.  

Ein Treffen mit der Geschäftsführerin Laura Govn. Einst kam die Litauerin zum Kunststudium nach Irland, zusammen mit anderen gründete sie im Jahr 2010 Block T. „Vor einigen Jahren stand hier in der Gegend jedes zweite Gebäude leer“, sagt sie. Block T zog in eine alte Fabrik, im Juli 2012 dann in das Lagerhaus am Smithfield Square. Heute gibt es dort 80 Studios, zwei Kursräume, eine Dunkelkammer, eine Druckwerkstatt, eine Galerie und ein kleines Café. Man darf gespannt sein, was noch kommt. „Wir fangen gerade erst an“, sagt Laura Govn. Das Projekt läuft ohne staatliche Förderung, die Finanzierung erfolgt durch Spendenaktionen, Kunstverkäufe, Workshops und Veranstaltungen. 180 bis 600 Euro Monatsmiete bezahlen die Künstler für ein Studio. Manche von ihnen haben sich schon durchgesetzt im harten Kunstbetrieb, zum Beispiel der Maler Michael Morris, er hat sich in Irland einen Namen gemacht und kann von seiner Arbeit leben. 

Etwa zur selben Zeit, als Block T entstand, wurde auf der anderen Seite der Liffey eine Ausstellung gezeigt, in einem leeren Schaufenster im Amüsierviertel Temple Bar. Die Kunstmanagerin Louise Marlborough war damals gerade von einem langen Auslandsaufenthalt zurückgekehrt. „Es gab unglaublich viele leer stehende Gebäude“, erinnert sie sich. „Nicht nur in Seiten- und Hinterstraßen, sondern überall und sehr sichtbar.“ Diese Räume würden sich großartig als Galerien machen, dachte sich Marlborough – das Projekt Prettyvacant Dublin war geboren. Das war 2010, zwölf Ausstellungen hat es seither gegeben. Es ist das, was man eine Win-Win-Situation nennt: „Der Eigentümer bekommt einen Mieter, der zeigt, dass das Gebäude nutzbar ist. Wir liefern ihm kostenlose Werbung.“ 

Block T und Prettyvacant Dublin sind zwei Beispiele von vielen. Auch von offizieller Seite kommen Ideen, zum Beispiel die Vacant Spaces Initiative der Stadtverwaltung, die leere Räume an Künstler vermittelt.

Während so in Dublin in den vergangenen Jahren eine bunte Landkarte kreativer Orte entstand, steht Dresden bei der kulturellen Nutzung leer stehender Gebäude noch am Anfang. Die Stadt wächst und boomt, aber sie ist kein Ort, an den es junge Künstler scharenweise zieht – anders als, natürlich, Berlin, oder, seit einiger Zeit, Leipzig. Immerhin hat Dresden seit 2013 sein erstes Wächterhaus. Die Idee dazu kommt aus Leipzig. Durch den Bevölkerungsschwund in den 1990er-Jahren stehen dort heute 35.000 Wohnungen leer – für viele erhaltenswerte Altbauten finden sich jedoch keine Investoren. Das Prinzip der Wächterhäuser ist eine Antwort darauf: Die Eigentümer sorgen dafür, dass alle Anschlüsse wieder funktionieren und das Haus nutzbar wird; von den laufenden Kosten werden sie entlastet. Künstler, Vereine und Initiativen können Räume günstig nutzen. Sie werden zu „Wächtern“ über das Gebäude und erhalten es in seinem Zustand.  

Wächterhäuser gibt es heute in Halle, Görlitz, Chemnitz, Erfurt, Zittau – und Dresden. Das erste Wächterhaus in der sächsischen Landeshauptstadt steht in Löbtau, einem der äußeren Stadtteile. Der Verein Haushalten e.V. bewirtschaftet das Gebäude, ein ehemaliges Wohnhaus. Bevor dort Künstler ihre Ateliers eröffnen konnten, hatte es zehn Jahre leer gestanden. „Wir waren erst skeptisch“, sagt Nicole Hoyer vom Verein Haushalten, „weil wir nicht wussten, ob die Leute nach Löbtau kommen würden.“ Die bevorzugten Stadtviertel für Künstler und Kreative sind die Neustadt und das Hechtviertel, beide sind inzwischen jedoch überlaufen und unbezahlbar.

Einmalige Investitionen im Wächterhaus trägt der Eigentümer; die Betriebskosten übernehmen die Nutzer. 30 bis 40 Euro bezahlen sie pro Raum pro Monat. „Wir sind eine der wenigen Initiativen, die dafür sorgen, dass Künstler in Dresden bleiben“, sagt Nicole Hoyer, und es klingt ein bisschen stolz. Die anfängliche Sorge war unbegründet. Die Leute sind nach Löbtau gekommen. Auf der Warteliste für Dresdens erstes Wächterhaus stehen 20 Namen. Es gibt Pläne für ein zweites.