Autorinnen und der Krieg Dem Grauen ganz nah

Kriegsalltag
Kriegsalltag | Foto: © AbdukadirSavas/iStockphoto

Krieg ist nicht mehr das exklusive Feld männlicher Autoren. Drei Bücher deutschsprachiger Schriftstellerinnen über Schuld, Verdrängung und allgegenwärtige Angst.
 

Die Liebe und der Krieg sind die Hefe der Literatur. Allerdings war  das unmittelbare Kriegserlebnis zumeist die Domäne männlicher Autoren, während Frauen, wenn überhaupt, aus der Perspektive des Hinterlands schrieben. Ihnen blieb, das vom Krieg hinterlassene Elend und Leid einzufangen oder den weiblichen Opfermut zu besingen.
 
Seit die Barbarei der Jugoslawienkriege in den 1990er-Jahren der langen Friedenszeit in Europa ein Ende setzte und die Bundeswehr auch über den Balkan hinaus in Kriege verwickelt wird, ist das Thema wieder präsent, auch bei Autorinnen. Dabei geht es literarisch bisher weniger um deutsche Männer, die nach Afghanistan oder in den Kongo gehen, ihr ziviles Leben zurücklassen, um in einem soldatischen Kollektiv aufzugehen und später als Traumatisierte ihr Leben fristen. Vielmehr werden die seit dem Irakkrieg im Rahmen des „embedded journalism“ tätigen Kriegsreporter und -fotografen literarisch aufgerufen. Als Figuren zeigen sie die Paradoxien des Krieges in einer von irreführenden Bildern und „Fake News“ umstellten Wirklichkeit auf.

Kriegsfotograf in der Krise

Einer von ihnen ist der aus Südtirol stammende Kriegsfotograf Bruno Daldossi, den die österreichische Schriftstellerin Sabine Gruber in den Fokus ihres 2016 erschienenen Romans Daldossi oder das Leben des Augenblicks rückt. Daldossi hat alle Konfliktherde der Welt bereist, er war in Bosnien und Tschetschenien, in Afghanistan und im Irak. Er wurde Zeuge des Grauens und ist Spezialist für „letzte Bilder“.
 


Zuhause in Wien hat seine Freundin Marlis, eine Zoologin, 15 Jahre lang immer wieder auf seine Rückkehr gewartet – geschüttelt von Angst. Als er endgültig zurückkehrt, gerät Daldossi in eine existenzielle Krise: Von seiner Redaktion ausgemustert und alkoholabhängig, findet er sich nicht mehr zurecht. Marlis verlässt ihn. „Du hast nur noch Bilder im Kopf“, sagt sie. Und: „Du bist zu weit gegangen. Du hast kein Maß.“ Gute Bilder, hält Daldossi dagegen, mache man nur, wenn man an der Ziellinie stehe. Die antrainierte Distanz und sein auf Verdrängung geschultes Gedächtnis beherrschen sein Privatleben, und immer treibt ihn die Schuld um, dass er als fotografischer Beobachter nie eingreifen konnte.
 
Gruber präsentiert in ihrem Tableau alle Facetten des zynischen journalistischen Alltags im Krieg, unterlegt von authentischen und erfundenen kommentierten Kriegsfotografien. Ihre erzählerische Kraft speist sich aus autobiografischen Quellen, und für ihre Recherchen hat sie sogar an einem UN-Trainingslager für Kriegsjournalisten teilgenommen.

Parallelwelt Trainingscamp

In ein solches Trainingscamp für Afghanistan-Soldaten ist der Protagonist Albert in Isabelle Lehns ebenfalls 2016 veröffentlichtem Buch Binde zwei Vögel zusammen geraten. Als Journalist wenig erfolgreich, verdingt sich Albert als Statist, betreibt in der Rolle von „Aladdin“ ein Café und wartet auf Befehle. Wie Untote spielen er und die anderen Statisten Dorfleben, lassen sich von den übenden Soldaten festnehmen oder erschießen: „Als erstes“, weiß Aladdin inzwischen über das Sterben, „sieht man immer das Licht.“
 
Nur sechs Wochen dauert ein solcher Einsatz, doch sie reichen aus, um Albert völlig von sich selbst zu entfremden. Wieder in der gewohnten Umgebung bei seiner Freundin, weiß er nicht mehr, wo er ist, schleppt „die angefressenen Kilos von Aladdin“ mit sich herum, außerdem die Erfahrungen und Bilder, die er mit niemandem teilen kann. Was als Rechercheaufenthalt gedacht war, wird zum dramatischen Ernstfall.
 
Auch wenn diese kurze, aber unglaubliche Geschichte kompositorisch zwischendurch etwas entgleitet und ausfranst, vermittelt die Autorin einen subtilen Einblick in eine Existenz, die zwischen Simulation und Wirklichkeit changiert. „Ich traue den Bildern nicht mehr, seitdem ich sie selbst gestellt habe“, sagt Albert. Doch das fiktive Dorf ist für ihn zum realen Leben geworden, in das er zurück will.

Die Bedrohung ist überall

Und wir Zivilisten, die wir bislang in den ruhigen Zonen des Friedens zu leben meinten und uns von exotischen Reisen einen unerschöpflichen Vorrat an Idylle aufbewahrten? Die in Zürich und Tel Aviv lebende Sybille Berg räumt in ihrem Buch Wunderbare Jahre. Als wir noch die Welt bereisten (2016) mit der Vorstellung auf, es gäbe ein „Außen“, ein glückliches Nirwana, in dem das Elend ausgesperrt bliebe und in dem wir uns risikolos und angstfrei bewegen könnten.
 
Ob im krisengeschüttelten Griechenland, im anschlagsbedrohten Paris oder im überbevölkerten Indien – überall, wo Berg hinreist, ist sie schon da: die Bedrohung. Und selbst in den Parallelwelten Bayreuths oder im Wallis ist man nicht mehr sicher und lauert wie Kafkas Käfer aus der Erzählung Die Verwandlung am Giebelfenster auf die Katastrophen, die der Klimawandel forciert. Dieser Käfer und all die anderen wunderbaren Zeichnungen von Isabel Kreitz, die Bergs Reiseberichte begleiten, versöhnen mit dem gelegentlich zynischen Unterton der Autorin und zeigen einmal mehr, dass die schönste aller Reisen immer noch der Literatur gilt.