Der Übergang in den digitalen Raum
Distanzen überwinden wie nie zuvor

Das Leben hat sich während der Pandemie auf zahlreichen Ebenen in das Virtuelle verlagert.
Das Leben hat sich während der Pandemie auf zahlreichen Ebenen in das Virtuelle verlagert. | Illustration (Ausschnitt): © Kanika Narang

Die Pandemie hat unser Leben in den digitalen Raum verlagert, aber auch verdeutlicht, wie „phygital“ unser Leben inzwischen ist: eine Mischung aus digital und physisch.

Fotografie ist zu einem digitalen Medium geworden, und die meisten speichern ihre Erinnerungen in ordentlich benannten Ordnern auf ihrem Computer. Durch die Pandemie ist hier noch ein neuer Bereich entstanden: Screenshots. Sie belegen die Vielfalt der digitalen Räume, in denen die Menschen seit März 2020 unterwegs sind.

Diese Räume sind teils privat, teils öffentlich. Einige zeigen Momente des Glücks, etwa Freunde, die sich mit erhobenen Gläsern auf einer Hochzeit oder einem Geburtstag zuprosten. Andere sind schmerzliche Erinnerungen an Menschen, die in der Pandemie verstorben sind. Wieder andere belegen unseren Arbeitseifer: Meetings über Kontinente hinweg, Aufnahmen von Podcasts, Konferenzen und Gesprächen. Die meisten ersetzen inzwischen das traditionelle Gruppenfoto, das bislang eine Zusammenkunft dokumentierte.

So wurden digitale Räume, die zunächst eine Einschränkung bedeuteten, ein Mittel, mit dem man echte Veranstaltungen ersetzen konnte. Diese wären sonst oft schwierig umzusetzen gewesen: Man hätte Fördergelder sammeln und unzählige Zeitpläne einhalten müssen, so dass so manche große Idee nicht hätte verwirklicht werden können. Digitale Konferenzräume mussten dagegen keine solchen engen Vorgaben befolgen und konnten dennoch spannende und ansprechende Inhalte umsetzen und dabei interkulturelles und intersektionales Arbeiten ermöglichen.

Nehmen wir das Beispiel meiner Organisation Agents Of Ishq: Wir haben eine Onlinekonferenz mit Teilnehmer*innen aus weit auseinanderliegenden Teilen der Erde organisiert: Neuseeland, den USA, Europa, China, Japan sowie aus verschiedenen Städten in ganz Indien. Ein so kleines Unternehmen wie wir es sind hätte es unmöglich geschafft, ein solch hochrangiges und umfangreiches Event als Präsenzveranstaltung auf die Beine zu stellen.  

In vielen Fällen haben Online-Veranstaltungen Menschen zu Dingen ermutigt, die sie sich ansonsten nicht zugetraut hätten. Einige der Vorteile von digitalen Räumen waren etwa „Open Nights“, wo Leute sich in einer Café ähnlichen Umgebung unterhalten konnten und sogar für andere etwas dargeboten haben. Viele haben hier zum ersten Mal vor anderen etwas vorgeführt und haben erst in der digitalen Welt den Mut dazu gefunden, während sie eine physische Veranstaltung zu sehr  eingeschüchtert hätte.

Digitale Räume erlaubten das Reisen durch Raum und Zeit, ein Zusammentreffen unabhängig der Fähigkeiten und Vertrautheit der Menschen miteinander. Die Tatsache, dass das Konzept von Anfang an auf den digitalen Bereich ausgelegt war, hat diesen Rahmen besonders menschlich gemacht. Schließlich war von Anfang an klar, dass das Ereignis keine bloße Internetversion einer Offline-Veranstaltung war, sondern eine Zusammenkunft mit einem Zoomfenster und allem, was es uns ermutigt zu versuchen.

Der Übergang zu Online-Veranstaltungen

Es hat im Lauf der Zeit andere Veranstaltungen wie diese gegeben, in denen es manchmal so einfach war Denkern, wie der sonst selten erreichbaren Judith Butler zuzuhören, gratis dem Royal Opera House London beizuwohnen, für einen US-Dollar ein Konzert von Erykah Badu zu besuchen oder in die Metropolitan Oper New York zu gehen – die At-Home-Gala der Met übertrug sogar Konzerte, bei denen über 40 der berühmtesten Opernstars der Welt in ihrem eigenen Zuhause auftraten. Die Konzertreihe fand auf der ganzen Welt statt, von Russland über Frankreich bis nach Louisiana, und wurde von insgesamt 700.000 Zuschauer*innen verfolgt. In Indien konnten bisher unbekannte Musiker wie Shilpa Mudbi oder Danish Sait mit ihren Auftritten von zu Hause über Social Media eine breite Öffentlichkeit erreichen. Kochkurse, Nähkurse, Programmierkurse fanden online statt und produzierten das Beste, was solche Online-Plattformen zu bieten hatten.

Theaterdarbietungen, die im realen Leben nicht mehr stattfinden konnten, haben sich verschiedene Wege in den digitalen Raum gebahnt. Menschen experimentierten mit verschiedenen Darstellungsformen, wie etwa The Lonely Hearts’ Club von Anuja Ghosalkar, das sich mit Online-Erotik beschäftigte, oder Allegedly von Mallika Taneja, das die Zoom-Oberfläche nutzte, um verschiedene Stimmen zum Thema sexuelle Gewalt zu Wort kommen zu lassen. Aus der Betrachtung dieser Live-Performance im Digitalen entstand eine andere Intimität und eine andere Chemie. Diese Aufführungen waren alle Bezahlveranstaltungen und hatten ein beträchtliches Publikum, das sie bei einer physischen Aufführung möglicherweise nicht gehabt hätten. Plattformen wie Book My Show in Indien haben einige dieser Aufführungen organisiert: Comedy-Abende, Sportveranstaltungen, Talkrunden – mit seiner Erfahrung im Onlinebereich konnten das Unternehmen der Kunst einen neuen Raum bieten und sich mit einem eigenen Streamingdienst als erfolgsversprechendes Geschäftsmodell neu aufstellen.

Online-Fürsorge als neue Normalität

In diesem Zuge sind auch Räume öffentlicher Art entstanden, jedoch verbunden mit persönlicher Anteilnahme: Whatsapp-Gruppen, um freie Betten und Sauerstoffvorräte aufzuspüren, Facebook-Gruppen, um Lebensmittel für die Armen oder medizinische Pflege für Ältere zu organisieren. Andere lieferten einfachere Hilfeleistungen für den Alltag. So teilten Köch*innen in der Facebook-Gruppe „Simple Recipes For Complicated Times“ (Einfache Rezepte für komplizierte Zeiten) zu Beginn des Lockdowns Rezepte zum Nachkochen mit Menschen, die noch nie für sich selbst gekocht hatten. Die Seite verzeichnete rasch eine große Community, in der Hobbyköche eifrig Rezepte austauschten. Die so entstandenen Gemeinschaften, in denen die Menschen ihren Alltag schilderten und etwa berichteten, welches Gemüse man heute gefunden, was man mit den Schalen gemacht und wie man seine Woche organsiert hatte, waren so normal und altmodisch wie Nachbarschaften oder Wohnblocks. Sie hatten auch ihre Wärme und ihre bissigen Meinungsverschiedenheiten. Ohne eine zentrale Kontrolle und Verantwortung für diese Orte, hatten diese Räume ihre eigene Flüchtigkeit. Falsche Informationen oder Informationen, die an andere weitergegeben wurden, brachten zudem weitere Ängste und Sorgen mit sich.

Andere, auch viel intimere Räume entstanden im Netz. Es gab Räume der Heilung - so konnten mehr Menschen Angebote im Bereich der mentalen Gesundheit digital annehmen, als sie es in der analogen Welt gekonnt hätten. Einige Menschen beschrieben Besuche bei Online-Hypnotherapeuten zur Behandlung chronischer Schmerzen. Ärzt*innen betreuten COVID-19-Patient*innen per Telemedizin und verringerten so den Schrecken einer häuslichen Isolation für alleinstehende Personen. Durch Zoom-Yogakurse konnten mehr Menschen ihren Weg zur Heilung finden als je zuvor. Kunst, Gesang, therapeutisches Puppennähen, Kochen als Wiederaufleben alter Traditionen und vieles mehr wurde angeboten, um mehr Achtsamkeit in das Leben zu bringen.

Intimität in der digitalen Welt

In gewisser Weise hat der digitale Raum auch Dating-Apps aus der Stagnation gerissen. Sehr schnell haben Dating-App-Anbieter Videochats integriert und „Partyräume“ für Gruppen von Videochats eingerichtet. So konnten sich während der Pandemie nicht nur mehr Menschen miteinander vernetzen, sondern es ist auch eine neue Form von Intimität entstanden. Viele wurden mit der Tatsache konfrontiert, dass ein erfülltes Privatleben oder Liebesleben nicht nur Romantik, sondern auch Freundschaft bedeutet, und dass das ständige hedonistische Anbandeln die Freuden der intimen Gespräche schon verdrängt hatte. Die Gespräche auf Dating-Apps wurden länger und man investierte mehr Zeit sein „Match“ kennenzulernen. Kurz, die vor der Pandemie oftmals praktizierte Routine „Matchen und Ignorieren“ wurde durch eine Art „bewusstes Dating“ ersetzt.

Dies soll jedoch nicht heißen, dass körperliche Nähe ersetzbar ist. Die Chemie des Physischen ist anders geartet und besitzt ihre ganz eigene Magie. Was uns die Pandemie allerdings gezeigt hat ist, dass das Digitale seine eigene Chemie hat, mit der wir uns zuvor nicht immer richtig beschäftigt haben. Seit seiner Entstehungszeit, in der das Internet ein Spielplatz für Innovationen und Andersdenken war, ist es von großen Unternehmen kolonialisiert worden. Es gaukelt eine große Verbundenheit vor, führt dabei aber zu immer mehr Entfremdung von uns selbst. Doch die Pandemie hat nun gezeigt, dass die digitale Welt durchaus lebenserhaltend und sinnstiftend sein kann, wenn man sich der tiefsten menschlichen Bedürfnisse bewusst ist: Verbundenheit, Selbstverwirklichung, Intimität und Zugehörigkeit.

Die Situation hat uns in eine Wirklichkeit gestoßen, die schon länger existiert: eine „phygitale“ Welt, in der Digitales und Physisches nicht miteinander konkurrieren, sondern verbunden sind und sich gegenseitig ergänzen.