Future Libraries © Mark Stedman

Future Libraries

Weshalb werden Funktion(en) und Rolle(n) von Bibliotheken im Augenblick so intensiv diskutiert?

Offenbar möchten wir diesen Ort bewahren - den Ort, wo wir Bücher, DVDs, Zeitschriften, CDs, einen Platz zum Arbeiten und Lernen finden, wo wir andere treffen, wo wir Fragen stellen können oder ein Schriftstück kommentieren, wo wir kontroverse Veröffentlichungen diskutieren oder uns einfach in Fiktion verlieren können.

Warum fürchten wir, diesen Ort zu verlieren? Was genau brauchen wir oder was erwarten wir von dieser Zufluchtsstätte? Und wer ist „wir“?

Future Libraries: Texte

Weshalb werden Funktion(en) und Rolle(n) von Bibliotheken im Augenblick so intensiv diskutiert?
Offenbar möchten wir diesen Ort bewahren - den Ort, wo wir Bücher, DVDs, Zeitschriften, CDs, einen Platz zum Arbeiten und Lernen finden, wo wir andere treffen, wo wir Fragen stellen können oder ein Schriftstück kommentieren, wo wir kontroverse Veröffentlichungen diskutieren oder uns einfach in Fiktion verlieren können.
Warum fürchten wir, diesen Ort zu verlieren? Was genau brauchen wir oder was erwarten wir von dieser Zufluchtsstätte? Und wer ist „wir“?
„Wir“ – Leser, Schriftsteller, Bibliothekare, Kinder, Studierende, Eltern, neugierige Menschen, Menschen, die Zusammenhänge zu verstehen suchen.
In der modernen Welt leben bedeutet, dass wir Informationen finden und sie verarbeiten, und das Gefundene verstehen müssen. Sowohl Form als auch Zukunft dieser modernen Welt scheinen digital zu sein.
Wird die digitale Welt auch das Bibliothekswesen bestimmen? – Elektronische Bücher sind Bücher. Demnach haben wir immer noch eine Bibliothek und brauchen keine Angst zu haben, etwas zu verlieren! Nun ja, der physische Ort würde durch eine virtuelle Welt ersetzt. Inwiefern verändert dieser Umstand unser Dasein? Welche Teile der physischen Welt sind notwendig für unser Leben oder sogar essentiell für uns als menschliche Wesen?
An der UCD hielt Prof. Freeman Dyson einen Vortrag über das menschliche Gehirn und dass es hauptsächlich analog arbeitet.[1] Er stellt die Frage, ob ein analoges Wesen von digitalen Maschinen –Computern, Robotern, etc. - imitiert werden kann. Ein entscheidender Schlüssel für das Verstehen der Welt um uns herum scheinen „Unerwartete Entdeckungen“ zu sein. Freeman bezieht sich auf Sci-Fi Autoren, die digitales und analoges Leben bereits beschrieben bevor es wissenschaftlich verstanden wurde. Der Mensch braucht demnach Kontexte wie Raum und kann nicht ausschließlich mit digitalen Medien hantieren.
Wir erleben sowohl die digitale als auch die analoge Welt, und wir brauchen beide; wir müssen eine Grenze überschreiten, um von der einen in die andere Welt zu gelangen. Bibliotheken bieten beide Arten von Erfahrung – sie bieten Sammlungen von Genres, spezielle und spezialisierte Kollektionen – und mehr. Die Bibliothek kann als Tor zum Unbekannten oder als Partner in einem Dialog genutzt werden. Ob virtuell oder physisch, es gibt Raum für Forschung und Kreativität.
Gedanken wie diese kommen überall auf der Welt auf, wenn Diskussionen zum Thema Bibliotheken geführt werden. Viele Bibliothekare und Bibliothekarinnen, Schriftsteller/Innen, Akademiker/Innen und Verleger/Innen tauschten sich im Dezember 2017 auf der vom Goethe-Institut Irland veranstaltete Konferenz mit dem Titel „Future Libraries“ aus.
Organisiert wurde diese Konferenz von Anne Klapperstück, Leiterin der Bibliothek, und ihr Wunsch war es, dass die Publikaton dazu als erstes Buch in die neue Bibliothek im renovierten georgianischen Stadthaus von 1790 am Merrion Square, wo das Goethe-Institut Irland im September 2018 wiedereröffnet wird, ins Regal gestellt werde. Es war mir eine große Freude, diese Aufgabe zu übernehmen und die Beiträge für diese Publikation zusammenzustellen. Mia Gallagher, Annabelle Malandrin, Eimear Mannion und Cian O’Braonain haben ihre Gedanken zu “Future Libraries” aufgeschrieben.
Eimear und Cian sind Schüler im Transition Year, die 2018 jeweils eine Woche bei uns in der Bibliothek gearbeitet haben. Die Beiträge der beiden sind sehr wertvoll für dieses Buch und die Bibliothek, da es sich um junge Stimmen handelt, die gehört werden sollten.
Mias Gedanken und Gefühle geben uns einen Einblick in die Bedeutung des Lesens und was Autoren und Autorinnen für wichtig erachten – und auch wie der kreative Prozess des Bücherschreibens beeinflusst werden kann.
Als Leiterin der französischen Bibliothek der Alliance Française teilt Annabelle ihre Sichtweise und ihre Visionen mit uns, wie man den Lesern und Leserinnen im digitalen Universum den Weg weisen kann.
Die verschiedenen Stimmen, die wir in dieser kleinen Sammlung hören, bilden für uns als Leser/innen einen guten Ausgangspunkt, um unsere eigenen Ideen zu entwickeln, was eine Bibliothek ausmacht und wie die Bibliothek der Zukunft aussehen könnte.
 
Oya Demirci
Leiterin der Bibliothek                                                                     Dublin, 16 Juli 2018

[1] Prof Freeman Dyson, "Are Brains Analogue or Digital?", 19th May 2014 - Dublin Institute for Advanced Studies, Statutory Public Lecture of the School of Theoretical Physics, in association with the UCD School of Physics. https://www.youtube.com/watch?v=JLT6omWrvIw
 
Büchereien sind schon seit eh und je eine Erlösung für Eltern und ein Vergnügen für Kinder. Wie sieht das aber im Jahr 2018 aus: Verbringt man den idealen Regentag immer noch lesend in einer Bücherei oder eher zu Hause vor dem Fernseher?
Seit 1858 die erste öffentliche Bücherei in Irland in Dundalk in der Grafschaft Louth ihre Türen öffnete, prägen Büchereien das Leben von Menschen. Millionen von Geschichten wurden mit anderen Menschen in der Gemeinde geteilt und gaben Kindern wie Erwachsenen einen Ort, an dem sie in vergangenen Zeiten der Weltangst entkommen konnten. Aber brauchen wir auch jetzt noch Büchereien? Brauchen auch die Menschen von heute noch einen solchen Fluchtort? Mein Eindruck ist, dass die Menschen heute mehr als je zuvor lesen, um den sozialen Medien zu entkommen. Jenem Gerät, das wir nie aus der Hand lassen, mit seinem grellen Bildschirm, dem sich unsere Augen kaum länger als 10 Minuten entziehen können. Es lauern so viele Gefahren in dieser Cyber-Welt. Womöglich brauchen wir Büchereien jetzt mehr als je zuvor.
Büchereien spielten in meinem Leben immer eine große Rolle. Schon seit unserer Kindheit ging meine Mutter mit meinen Brüdern und mir zu einer Bücherei, die nur zehn Gehminuten von meinem Zuhause entfernt war. Ich brachte dann eine große Tasche mit und wählte viele Bücher aus. Ich las sehr gerne und oft hatte ich die Bücher schon am selben Tag durch und drängte meine Mutter, die Bücher am nächsten Tag mit mir wieder zurückzubringen.   Auch heute noch geht meine Mutter mit meinen jüngeren Neffen und Nichten zur Bücherei und dies macht ihnen mehr Spaß als irgendwelche Spiele, die wir ihnen vorschlagen. Ich habe mich gefragt, woran das liegt, und bin zu folgendem Schluss gekommen. Heutzutage geht alles über die Technik: Sie wäscht unser Geschirr, sie regelt unseren Terminkalender, und sie ersetzt für Kinder sogar ihre Fantasie, denn sie müssen sich nichts selbst vorstellen. Alles, was sie brauchen, lässt sich per Knopfdruck erreichen. Vielleicht ist das Lesen gerade deswegen sowohl für Erwachsene als auch für Kinder etwas ganz Besonderes, eben gerade, weil es uns zum Denken zwingt und wir uns in eine Geschichte hineinversetzen müssen. Als Kind wanderte ich oft und gerne stundenlang zwischen den Regalen herum und suchte mein nächstes Buch, egal, ob das ein aufregendes Abenteuer war oder eine realitätsnähere Geschichte, in der es ums Erwachsenwerden ging. Ich bin in einer Schule mit  Zauberlehrlingen aufgewachsen; heute wachsen Kinder mit einem Telefon in der Hand auf. Sobald ich in die Oberschule kam, ging ich nicht mehr in die Bücherei – ich weiß nicht, warum. Vielleicht weil ich jetzt ein Handy habe, das meine Aufmerksamkeit beansprucht, oder weil ich für sehr wenig Geld online Bücher kaufen kann. Jetzt benutze ich die Bücherei als einen stillen Ort zum Lernen und um mit meiner Arbeit voranzukommen. Die Bücherei ist für mich immer noch ein stiller Ort, an dem ich mich zurückziehen kann. Ich empfinde es als faszinierend, dass es in einer Welt, die so laut geworden ist, immer noch einen Ort gibt, der seinen ursprünglichen Zweck als stillen Ort zum Lesen beibehalten hat.
Wie ich mir die Zukunft der Büchereien vorstelle
Leider haben Büchereien bei der neuen Generation von Kindern an Beliebtheit eingebüßt. Heute wollen Kinder Smartphones und haben kein Interesse am Lesen. Selbst Schulen haben sich hier angepasst und bringen Kindern das Lesen online bei. Die Kreativität von Kindern wird mit neuen Wellen der Technologie erschlagen. Meiner Ansicht nach wird sich das darauf auswirken, wie unsere Büchereien in der Zukunft ausschauen. Eine Zukunftsvision: ein stilles, modernes Gebäude. Anstelle von Büchern sind die Regale voller USB-Sticks, Tastaturen und Tablets. Alles läuft über Selbstbedienung, kein Mensch ist zu sehen. Die Rückgabe eines e-Books ist wie Geldabheben am Bankautomat. Ich befürchte, dass Büchereien dasselbe Schicksal erleiden werden wie Videotheken und dass Büchereien, so wie wir sie kennen, bald eine Seltenheit sein werden. Das macht mich ganz und gar nicht glücklich.
Wenn wir die Zukunft von Büchereien sichern wollen, dann müssen wir damit aufhören, sie mit Hilfe von fortgeschrittener Technik und der Art und Weise, auf die wir lesen, zu modernisieren – und stattdessen das Lesen selbst zu einer coolen Sache machen.
Ich denke und hoffe, dass Büchereien eine Zukunft haben und wenn ich darüber nachdenke, was die Zukunft bringen wird, dann gibt mir dieses Zitat von Stephen Fry etwas Hoffnung: „Kindle ist genauso wenig eine Gefahr für Bücher, wie Aufzüge eine Gefahr für Treppen sind.“
 
Wie oft lesen Sie?




Jeden Tag Jede Woche Jeden Monat Jedes Jahr  Nie
Bevorzugen Sie gedruckte Bücher oder e-Books?



Gedruckte Bücher          e-Books




Besuchen Sie jemals eine Bücherei?   Ja           Nein

Wieviele Bücher haben Sie dieses Jahr bis jetzt gelesen? 





0        1-3        4-6         7-9         10+
Glauben Sie, dass e-Books gedruckte Bücher irgendwann ganz ersetzen werden?


 

Ja                                                Nein
Sind Büchereien Ihrer Meinung nach auf dem neuesten technischen Stand? 



 

Ja                                                 Nein
Falls nein, wie können Büchereien hier besser werden?
 
 
Aus welchem Grund gehen Sie in die Bücherei?




Bücher leihen/lesen                  Lernen/studieren                 Recherche  Alles trifft zu

Ich habe insgesamt 10 Leute befragt. Die Ergebnisse sind unten zu sehen.
 
1)

 
Auf Frage Eins antworteten alle Teilnehmer mit „Jeden Tag“.   Hier hätte ich wahrscheinlich fragen sollen „Wie oft lesen Sie Bücher?“.  Dann wäre das Ergebnis wahrscheinlich anders ausgefallen.
2)

Bei der Frage 2 gaben 8 Teilnehmer an, dass sie gedruckte Bücher bevorzugen. Ein Teilnehmer bevorzugt e-Books und 1 Teilnehmer mag beides gleich gerne. Dies ist interessant, da Menschen trotz der Ausbreitung von Technologie immer noch ein altmodisches gedrucktes Buch vorziehen.
Bei der Frage 3 sagten acht Teilnehmer, dass sie eine Bücherei benutzen, zwei verneinten dies.
In der Frage 4 ging es darum, wie viele Bücher die Teilnehmer dieses Jahr bereits gelesen hatten. Ihnen wurden verschiedene Antwortmöglichkeiten zur Auswahl gegeben. Im Durchschnitt hatten die Teilnehmer dieser Studie in diesem Jahr bisher 2,3 Bücher gelesen.
In der Frage 5 wurden die Teilnehmer gefragt, ob sie glaubten, dass e-Books irgendwann gedruckte Bücher vollständig ersetzen würden. Sieben Teilnehmer sagten, sie hielten dies für unwahrscheinlich. Drei Teilnehmer sagten, sie könnten sich vorstellen, dass e-Books gedruckte Bücher vollständig ersetzen würden.
Bei Frage 6 ging es darum, ob die Teilnehmer fanden, dass Büchereien auf dem letzten Stand der Technik sind. Dem stimmten interessanterweise fünf Teilnehmer zu. Vier Teilnehmer verneinten dies und ein Teilnehmer beantwortete die Frage nicht direkt, aber fügte den Kommentar ‚sind auf dem Weg‘ hinzu.
Die Teilnehmer, die ‚nein‘ geantwortet hatten, wurden dann befragt, was Büchereien in Bezug auf Technik besser machen sollten. Die Teilnehmer sagten, dass finanzielle Zuschüsse und Computer-Services helfen würden, den technischen Stand zu verbessern.
Die Teilnehmer wurden auch gefragt, zu welchem Zweck sie eine Bücherei benutzten.
 

Drei Teilnehmer sagten, dass sie die Bücherei benutzten, um Bücher auszuleihen.  Zwei Teilnehmer sagten, sie gingen in die Bücherei, um dort zu lernen. Zwei Teilnehmer gaben an, dass sie die Bücherei zu Recherchezwecken besuchten und drei Teilnehmer gaben an, dass alle drei Gründe auf sie zutrafen.
Ich machte meine Umfrage vor einer Buchhandlung, was die Ergebnisse möglicherweise beeinflusst hat. Die Teilnehmer kamen aus verschiedenen Altersgruppen.  Manche der Befragten hatten keine Zeit an der Umfrage teilzunehmen und manche hatten kein Interesse.
 
Das digitale Zeitalter hat längst begonnen und wir haben die Zukunft der Büchereien bereits ausgiebig diskutiert. Digitale Inhalte und die digitalen Geräte werfen viele neue Fragen auf.
Warum sollten Menschen überhaupt noch in eine Bücherei gehen und nach Informationen suchen, wenn diese doch jederzeit, sofort und von verschiedensten Quellen über das Internet verfügbar sind? Erwarten Büchereibesucher tatsächlich, dass Büchereien jetzt alle möglichen digitalen Werkzeuge, e-Books sowie Augmented-Reality-Erlebnisse und Workshops anbieten? Welche Rolle kommt Bibliothekaren in dieser neuen Welt zu?
Das größte Problem mit den Online-Informationen ist wahrscheinlich ihre Zuverlässigkeit. Fake News, der Mangel an Objektivität ... man verirrt sich leicht in den Mengen an Informationen, egal, ob es um allgemeine Recherche oder um Nachrichtensuche geht. Aus dieser Perspektive betrachtet, ist die informative und beratende Rolle der Bibliothekare ganz besonders wichtig, und sie sollten genau dort präsent sein, wo Menschen nach Informationen suchen, also online.
Büchereibenutzer hätten dann eine Art von erweitertem Zugriff auf verifizierte Informationen in Form von ausgewählten Texten, Dokumentardateien, Videos von Workshops usw., die direkt von Bibliothekaren gefunden/hochgeladen und online eingegeben wurden. Dies ermöglicht es auch kleineren Büchereien, die es sich nicht leisten können, alle Ressourcen als Hardcopy zu kaufen, kostenlos ihren Bestand zu ergänzen. Viele Büchereien bieten bereits entsprechende Leistungen an.
Die beratende Rolle in Bezug auf die Nutzung der digitalen Werkzeuge ist ebenfalls von großer Bedeutung. Ein Beispiel hierzu: Bei der Alliance Française in Dublin wurde vor zwei Jahren die Entscheidung getroffen, 15 Tablets für die Benutzer der Bücherei und die Teilnehmer der Französischkurse zu kaufen, mit dem Gedanken, dass sich der richtige Einsatz digitaler Tools gut zum Lernen, kreativen Schaffen und Spielen eignet. Wir benutzen die Tablets auch jede Woche für Workshops – sowohl mit Erwachsenen, die ihre eigenen Geräte mitbringen, als auch mit Kindern und ihren Eltern. Digitale Workshops können viel Spaß machen und man kann dabei verschiedene Medien miteinander kombinieren: Video, Spiele, Musik, Kunst und Handarbeit ... Es ist eine neuartige Chance, die Fantasie ganz allgemein zu beflügeln und neue Ausdrucksformen auszuprobieren.
Nichtsdestotrotz ist dies in den Medien zurzeit ein umstrittenes Thema, und zwar insbesondere in Bezug auf die Risiken der digitalen Werkzeuge für Kinder – ihre Augen, ihre Konzentrationsfähigkeit und der damit einhergehende Mangel an zwischenmenschlichem Kontakt. Diese Probleme müssen ernst genommen werden. Viele Eltern wissen wirklich nicht, wie sie mit digitalen Werkzeugen und Kindern, die diese nutzen, umgehen und welchen Richtlinien sie folgen sollen. Bei einem Vortrag über Kindererziehung und digitale Medien, der von der La Souris Grise Organisation im French Institute in London gehalten wurde, merkten wir, dass der Großteil der Zuhörer keine Ahnung zu diesem Thema hatte. Dieser Eindruck wird auch durch die Tatsache bestätigt, dass die allermeisten Erwachsenen im Zusammensein mit ihren Kindern ständig ihr Smartphone dabei haben, obwohl sie selbst nicht mit digitalen Medien aufgewachsen sind und daher die Folgen nicht aus eigener Erfahrung abschätzen können. 
Wir haben uns daher entschieden, an diesem Thema zu arbeiten mit dem Ziel, ausgewählte Apps von zuverlässigen Websites zur Verfügung zu stellen und eigene Erfahrungen und Ratschläge mit den Benutzern zu teilen. Es geht uns nicht darum, Menschen davon abzubringen, digitale Werkzeuge zu benutzen, sondern darum, die missbräuchliche oder falsche Nutzung zu verhindern. Seit wir dies tun, haben wir erkannt, dass viele Eltern dankbar dafür sind, in der Bücherei digitale Werkzeuge nutzen zu können. Die Bücherei fungiert dabei als ein sicherer Ort, an dem die Kinder wissen, dass sie das Tablet nur für eine begrenzte Zeit nutzen können, und lernen, dass das Tablet nicht im Mittelpunkt steht, sondern nur eine andere Aktivität ist, bei der sie neue Ideen für Kunst und Handarbeit mit einer App kombinieren können.
Diese Rolle der Büchereien sollte unserer Meinung nach in den nächsten Jahren mehr ausgebaut werden.
 
Dieses Konzept des Erlebens wird immer mehr zu einem der Hauptziele neuer Büchereien und es ist ein ganz wesentliches Konzept von Büchereien, die als „Third Space“ dienen. Es geht darum, den Benutzern – zusätzlich zu den traditionellen Büchereidiensten – Raum für Andersartiges und Ungeahntes zu bieten: einen Treffpunkt zum geselligen Austausch, ein Sprachzentrum, einen Ort für Kreativität usw. Dieser Ansatz sorgt dafür, dass in Büchereien neue Praktiken eingeführt werden (von Programmierunterricht bis hin zu Stricken, Gärtnern und Yoga ...) und Menschen neue Fertigkeiten lernen und Kontakte knüpfen können.
Büchereien dienen auch gut als gemeinnütziger Ort, um zwischen Terminen eine Pause einzulegen, insbesondere in großen Städten. Die Bücherei La Canopée im obersten Stockwerk eines der größten Einkaufszentren in Paris ermutigt Teenager, anstelle von Shopping doch lieber in der Bücherei vorbeizuschauen und sich umgeben von Comicbüchern und Mangas zu unterhalten. Hier gibt es keine strengen Bibliothekare, die „psssst“ sagen. An diesen sicheren Orten geht es darum, sich Zeit für sich selbst und zum Lernen zu nehmen und offen für neue Erfahrungen zu sein.
Ein anderes Beispiel: In amerikanischen oder französischen Büchereien ist es jetzt üblich, dass es dort Saatgut- oder Werkzeugbänke gibt oder dass man an einem Workshop, der von einem anderen Benutzer organisiert wurde, teilnehmen kann ... Vielleicht ist dies eine neue Initiative, um gemeinsame Praktiken auszutauschen, zur Verwendung und Wiederverwendung anstelle von Kauf und Konsum?
 
Eng verbunden mit der Idee des Erfahrungsaustausches ist die Funktion der Bücherei als Ort für kulturelle Veranstaltungen, bei denen die Büchereien immer mehr involviert sind.
Shows, Vorstellungen und Festivals finden jetzt ganz regelmäßig in Büchereien statt. Hier noch ein Beispiel aus Frankreich: Aufführungen für Kinder – Theater, Tanz, Musik usw. – lassen sich jetzt in der Regel für Theater, Schulen und Büchereien anpassen. Dieser neue Trend hat einen starken Einfluss auf die Architektur und Einrichtung von Büchereien, die jetzt immer mehr so konzipiert sind, dass sie sich im Nu mit ein paar Handgriffen umbauen lassen und somit für die verschiedensten Aktivitäten eignen.
 
Mittler, kulturelle Leiter, Schöpfer neuer sozialer Durchmischungen ... sowie viele andere neue Rollen, die es heute noch gar nicht gibt: Auf Bibliothekare warten – zusätzlich zu ihren herkömmlichen Aufgaben –  viele Möglichkeiten, wie sie ihren Beruf in neuartigen Büchereien ausüben können!

Annabelle Malandrin

Director of the French Library, Alliance Française Dublin
 
Als ich klein war, waren Büchereien stille Orte voller Bücher, Zeitschriften und Zeitungen. Bibliothekare waren die Hüter der Stille und des Papiers. Wie die meisten Kinder war ich voller Widersprüche. Ich fühlte mich schnell unbeholfen und fehl am Platz, plauderte in der richtigen Gesellschaft aber auch stundenlang drauflos. Ich war gerne körperlich aktiv und kommandierte meine Geschwister und Cousins in erfundenen Abenteuergeschichten herum. Aber ebenso gerne mochte ich es, die Stille der Bücherei zu betreten, ein Buch aufzuschlagen und mich darin zu vertiefen, ohne mich von irgendetwas anderem ablenken zu lassen.
Ich war eine richtige Leseratte und las oftmals zwei oder drei Bücher gleichzeitig. Ich hatte zwar zu Hause eine beträchtliche Sammlung – und vergrub mich nur zu gerne in den Büchern, die meine Eltern seit ihrer Kindheit aufbewahrt hatten –, aber ich war eine schnelle Leserin und immer auf der Suche nach etwas Neuem. So kam es, dass ich aus eigener Initiative in die Bücherei ging und nicht nur, weil die Erwachsenen es mir vorgeschlagen hatten. Das Ganze hatte etwas von einem Ritual an sich. Der Weg zu Fuß oder mit dem Rad zu der uns nächsten Bücherei in Rathmines. Die Stille, die sich ausbreitete, sobald ich die Bücherei durch die Flügeltüren betrat, die geheimnisvollen Möglichkeiten, die sich mir auftaten. Die Abteilung für Erwachsene hinter der Absperrung. Die geschwungene Treppe, die ich nach oben führte, wo mich eine noch größere Auswahl erwarten würde: links die faszinierende wissenschaftliche Abteilung (ein Bereich, den ich bis heute noch nicht betreten habe) und rechts von mir die Kinderbücherei.
Ganz tief in mir spüre ich immer noch dieses Gefühl von Vorfreude und Erleichterung, das mich überkam, sobald ich das kleine Zimmer im Obergeschoss betrat. Und auch ein klein bisschen Angst, dass alle guten Bücher womöglich schon verliehen waren. Das aufregende Gefühl, vor den Regalen zu stehen, probeweise in verschiedene Bücher einzutauchen, zu überlegen, welche ich sofort ausleihen will, welche noch ein oder zwei Wochen warten können und für welche ich ein plötzliches Bedürfnis verspürte, sie erneut zu lesen. Und zum Abschluss ein kurzer Kontakt, der dann endlich Befriedigung verschaffte: das Lächeln der Bibliothekarin, das Bitteschön und das Ploppgeräusch des Stempels auf der Innenseite, als „Wenn morgen heute ist“ für die nächsten zwei Wochen mein eigen wurde.
Unser Abend zum Thema Büchereien der Zukunft war von Worten erfüllt.  Wir debattierten, stritten, hakten nach, stimmten miteinander überein, widersprachen einander. Wir stellten Fragen, viele Fragen, aber die Frage, die mir immer wieder in den Kopf kommt, lautet: Was macht eine Bücherei eigentlich zur Bücherei?
An jenem Abend kam mir spontan in den Kopf: „ein Ort mit Büchern“. Ich bestand sogar darauf, dass das Wort „Bücher“ auf unserer Brainstorming-Seite festgehalten wurde. Das hat viel mit meinen frühen Erinnerungen an Büchereien zu tun.
Aber es stammt auch daher, dass ich Schriftstellerin bin, also selber Bücher produziere. Ich will, dass die Leute sie lesen; ich selbst lese sie gerne, ich halte sie für wichtig. Und aus etymologischer Sicht stammt beispielsweise das englische Wort für Bücherei - ‚library‘ - von dem lateinischen Wort (‚liber‘) für Buch ab. Aber wie wir an jedem Abend diskutiert haben, finden sich in Büchereien auch Texte, die sich nicht als Worte auf einer Seite manifestieren: Audiomaterialien, Filme, bildende Kunst, digitale Medien, Vorträge, Gesprächsrunden. Deswegen wird die Beschreibung einer Bücherei als „Ort mit Büchern“ der Sache nicht mehr ganz gerecht. Ich habe an der Uni Barthes und die Poststrukturalisten gelesen und verstehe, worum es hier geht, zumindest theoretisch. Aber ich hatte an dem Abend trotzdem damit zu kämpfen, wenn andere in meiner Gruppe bei dem Wort „Bücher“ einfach den Kopf schüttelten. Wenn Bücher keinen eigenen Ort mehr haben, dann macht mich das einfach ein wenig traurig.
 
Ich habe in den letzten vier Monaten immer wieder über unsere Diskussion nachgedacht und dabei hat sich mein geistiges Konzept von einer „Bücherei“ langsam etwas gewandelt. Dies ist bei weitem keine perfekte Definition, aber es scheint mir, dass das, was Büchereien bieten, einer Andachtsstätte ähnlich ist, also einem Ort, an dem sich Menschen sowohl nach außen wenden und mit anderen in Kommunikation treten können – entweder über das Medium eines von jemand anderem verfassten Textes oder in Form eines direkten Dialoges – als auch ihre Aufmerksamkeit nach innen richten und sich ihren inneren Gedanken, Erinnerungen, Fantasien und kreativen Ideen zuwenden können. Es gibt andere Orte, die diese gleichzeitige Wendung nach innen und außen zulassen: Klassenzimmer und Hörsäle, Konzertsäle, Theater, Gärten und Parks, wilde Landschaften sowie all jene sonderbaren Zwischenstationen wie Flughäfen, Bahnhöfe und der Rücksitz im Auto. Was unterscheidet dann aber eine Bücherei von all diesen Orten?
Zunächst einmal hat es etwas mit Multiplizität zu tun. In einem Kino, Hörsaal, Klassenzimmer oder Konzertsaal konzentrieren sich die Anwesenden auf einen einzigen Text; das trifft auch auf die meisten Andachtsstätten zu, wo Glaube in Form eines oder mehrerer zusammengehöriger Texte kodifiziert ist. In Bildungseinrichtungen wird von den Anwesenden – selbst wenn der Dozent oder Lehrbeauftragte sich in seinem Vortrag auf verschiedene Texte bezieht – erwartet, dass sie sich jeweils immer nur auf einen bestimmten Text konzentrieren, der sich wiederum auf den allumfassenden Text bezieht – also die Vorlesung an sich. In gepflegten Gärten, Parks und Wäldern fungiert das Design sozusagen als Text; jedem von uns fällt vielleicht eine bestimmte Pflanze oder ein Baum oder ein Hain oder ein Blumenbeet auf, aber diese Gestaltung wurde von Menschen vorgenommen, denen es auch hier wieder darum ging, einen einzigen Text zu schaffen, nämlich den Garten, Park oder Wald, den wir in diesem Moment wahrnehmen.
Die Umweltjournalistin Gaia Vince beschreibt das Anthropozän, das Zeitalter, in dem wir jetzt leben, als ein vom Menschen dominiertes Zeitalter. Egal, wie weit wir auch reisen, wir können uns selbst nicht entkommen. Der britische Naturforscher David Attenborough hat ebenfalls beobachtet, dass es heutzutage fast unmöglich ist, echte Wildnis zu finden: Nationalparks, die in vielen westlichen Ländern noch am ehesten mit unberührter Natur vergleichbar sind, unterliegen alle einem gewissen Grad an Design, selbst wenn es nur die Grenzen um sie herum sind. Sollte ich aber wie durch ein Wunder eine Wildnis finden, die in keiner Weise kultiviert wurde, dann werde ich dort auch keinen von Menschen geprägten Text finden. Das heißt, dass dies auch nicht mit einer Bücherei verglichen werden kann.
Und was jene Zwischenstationen anbelangt, die es uns erlauben, uns gleichzeitig nach innen oder nach außen zu wenden... hier, wie auch in einer Bücherei, ist Multiplizität möglich. Jeder der Passagiere in einem Flugzeug kann einen anderen Text lesen – wobei ich das Wort „lesen“ hier sehr locker benutze und damit neben Büchern auch den Konsum von Filmen, Musik, Podcasts meine. Es gibt keinen bestimmten Augenblick, in dem von uns allen erwartet wird, dass wir von unserem Text hochschauen, um durch die Flugzeugfenster hindurch den Sonnenuntergang zu bewundern. Unsere Aufmerksamkeit wendet sich also verschiedenen Dingen zu, nicht einer Sache wie bei einem Gottesdienst, einer Vorlesung oder einem Konzert. Wie in einer Bücherei gibt es hier auch ein Element des Herumstöberns und Schmökerns; wir können aus der Mediensammlung der Fluglinie oder dem, was wir im Handgepäck mitgebracht haben, die Texte auswählen, die wir uns näher anschauen wollen. Aber der Rücksitz im Auto oder die Plastikstühle in Starbucks am Flughafen sind ganz sicherlich keine Büchereien – auch wenn wir von diesen Orten aus womöglich auf eine Bücherei zugreifen. Wir sitzen nicht primär in einem Flugzeug oder Café, um die Texte zu „lesen“, die an diesen Orten angeboten werden. Wir sind hier, um von A nach B zu gelangen, Kaffee zu trinken oder einfach ein bisschen Zeit zu vertrödeln. Deswegen hat das Leseerlebnis an diesen Orten oftmals etwas Nebensächliches oder Zufälliges an sich.
Im Gegensatz dazu besucht man Büchereien immer aus einem bestimmten Grund und dieser Grund hat fast immer etwas mit „Lesen“ zu tun.
Ich selbst sah den Zweck einer Bücherei ursprünglich darin, Freude zu bereiten. Als Kind gefielen mir insbesondere Geschichten aus alten Zeiten, anderen Ländern oder Fantasiewelten. Die Bücherei öffnete mir den Zugang und die Zuflucht zu diesen Welten. Als Teenager war ich weiterhin an Abenteuern interessiert, wenn auch in anderen Gefilden. Mit dreizehn habe ich mir „Am Abgrund des Lebens“ ausgeliehen. Ich erinnere mich gut daran, wie ich das Hardcover im Plastikumschlag in die Hand nahm, eine Seite aufschlug, auf der Pinkie mit einem Messer in der Hand eine junge Frau bedrohte, und wie mich dies sofort auf spürbare, seltsame und aufregende Weise in den Bann schlug. Ich wusste nicht, worum es ging, aber ich wusste, dass ich diese Geschichte einfach lesen muss und dass ich mich nach dem Lesen anders fühlen würde. Später las ich mich durch den umfangreichen Bestand der Rathmines Bücherei an gelb umhüllten Science-fiction-Romanen und -Geschichten aus dem Gollancz-Verlag durch. Das ausgeliehene Buch, an das ich mich am besten erinnere, ist Robert Silverbergs „Thomas der Verkünder“ – ein dystopischer, metaphysischer Roman über einen messianischen Protagonisten, der vom Pöbel niedergemacht wird.
Silverberg ist ein intelligenter, gefühlvoller Schriftsteller, der die Dinge hinterfragt; ich bin eine gefühlvolle Leserin, für die Glaube bzw. Glaubensverlust damals wichtige Themen waren. Ich habe beim Lesen des Buches weinen müssen. Obschon mein Vater ein großer Science-fiction-Fan ist und eine große Büchersammlung zu Hause hat, fehlte dieses Buch in seiner Sammlung. Wie „Am Abgrund des Lebens“ und unzählige andere Bücher, deren Aufzählung hier zu viel Platz beanspruchen würde, hatte Silverbergs Roman eine besondere Wirkung auf mich, hat etwas in mir verändert und hat meine Arbeit als Schriftstellerin beeinflusst. Würde ich, wenn mir die Bücherei nicht die Möglichkeit gegeben hätte, diese Erfahrungen zu sammeln, heute dieselben Geschichten und Bücher schreiben?
Im Laufe meines Studiums veränderten sich meine Motivation und gleichzeitig auch mein geistiges Konzept einer Bücherei. Ehemals ein Ort für Vergnügen, Überschreitungen, Fantasieren und Flucht, wurde die Bücherei nun zum Arbeitsplatz. Wie alle Studenten konnte ich mir nicht alle Bücher auf meiner Lektüreliste leisten und habe deswegen die Bücherei benutzt, um auf sie zuzugreifen. Die Bibliothekare an unserer Universitätsbibliothek waren hervorragend: engagiert, hilfsbereit und sachkundig. Aber wenn ich an jene Zeit denke – als ich stundenlang in der Bibliothek saß, vor einem Stapel mit Büchern brütete und mir emsig Notizen für Essays oder Prüfungen machte –, dann wird mir immer noch ganz mulmig zumute. Nie zuvor hatte ich soviel Zeit in der Bücherei verbracht noch mich derart mit Büchern herumgeschlagen. Statt mit Genuss in den Taten von Pinkie und Heathcliff zu schmökern und zu überlegen, welchen dieser bösen Jungs ich mit nach Hause ins Bett nehmen soll, brütete ich über den Schriften von Heidegger und Wittgenstein und hoffte darauf, dass mein überlastetes Gehirn endlich begreifen würde, worum es ging. Und im Hintergrund die unüberhörbaren und unerträglichen tierischen Geräusche von mir und anderen Studenten: Schniefen, Husten, Kaugeräusche, Flüstern. Wenn ich an jene Zeit denke, spüre ich immer noch hautnah meine allumfassende Angst, die Angst vor dem Versagen.
Ein paar Jahre nach meinem Studienabschluss war ich wieder an der Dublin City University, wo ich im Bereich Fernstudium arbeitete und für eines der frühen digitalen Projekte Forschung betrieb. Das Thema war ziemlich langweilig, aber meine Erinnerungen an den Besuch der Unibibliothek in jener Zeit sind – im buchstäblichen Sinne – von goldenem Sonnenlicht durchdrungen. Vielleicht war der Grund einfach, dass die Bücherei erweitert worden war und in ein neues Gebäude mit angemessen großen Fenstern mit Blick auf das damals noch grüne Universitätsgelände verlegt worden war. Vielleicht war es aber auch, weil es mir gelungen war, dem Büro eine Weile zu entkommen, und ich unbeaufsichtigt stundenlang aus jenen Fenstern starren konnte, während ich mir gemächlich, um die Zeit möglichst zu strecken, ein paar Notizen machte – der Schatten des faulen Mädchens, der sich hinter meiner sonst sehr leistungsorientierten Persönlichkeit einer braven Studienabgängerin versteckte.  Oder vielleicht half mir die Meditation, mit der ich im Jahr zuvor begonnen hatte, die ehrgeizige, angstvolle und an mir zweifelnde emotionale Last, die ich mit mir trug, abzuschütteln.
Seitdem habe ich auch andere Büchereien zu Forschungszwecken besucht – manchmal für die Projekte von anderen, manchmal für meine eigenen Projekte. Wenn ich auch nicht sagen kann, dass mir das Forschen in Büchereien denselben Kick eines verbotenen Vergnügens gibt, den ich empfand, wenn ich als Kind „Das scharlachrote Siegel“  in die Hand nahm, so breitet sich in mir doch eine ruhige Zufriedenheit aus. Ich kann mich konzentrieren, hier und da einlesen, blättern. Kurz aufschauen und mir die Leute um mich herum anschauen, die sich in Büchereien zu Hause fühlen. Die tierischen Geräusche wahrnehmen, ohne mich davon zu sehr stressen zu lassen. Und ich habe immer wieder wunderbare, unvergessliche Begegnungen mit Bibliothekaren. Der Bibliothekar in Bristol, der mir bei der Suche nach Bildern und Stories zur Ausgestaltung meines zweiten Romans half. Die Begegnung mit der Roman- und Kurzgeschichtenautorin Éilís ní Dhuibhne, die in den 1980ern in der irischen Nationalbibliothek arbeitete und mir, als ich für einen Dokumentarfilm über Frederick Harvey, den Bischof von Derry, forschte, relevante Texte aus dem 18. Jahrhundert zeigte. Vor kurzem in der Bücherei des Dubliner Goethe-Instituts das Gespräch mit Anne Klapperstück, in der sie mir von ihren beeindruckenden Schreibgewohnheiten erzählte, eine geheime Tätigkeit, die sie, wie alle guten Bibliothekare, größtenteils für sich behalten hatte.
Bei unserem gemeinsamen Abend im Dezember betonten viele der Anwesenden, dass es unmöglich ist, eine Bücherei ohne Bibliothekare zu haben. Darüber waren wir uns alle – im Großen und Ganzen – einig. Obschon ich diese Aussage etwas qualifizieren muss, als dass es schwierig ist, die Bibliothekare zu identifizieren, die sich um digitale Büchereien oder Archive kümmern. Und wenn jemand – wie der inzwischen verstorbene Künstler Stephen McKenna – in seinem Haus durch den umsichtigen, gewissenhaften Erwerb von Texten eine eigene Bibliothek aufbaut, macht ihn das dann zu einem Bibliothekar? Da bin ich mir nicht sicher. Bibliothekare können – müssen aber nicht – Kuratoren, Verwalter, Wächter oder Hüter sein. Oder sogar Regelvollstrecker. Unbedingt erforderlich ist nur, dass sie da sind, um Leser zu unterstützen – und auch hier benutze ich das Wort „Leser“ im weiteren Sinne und meine damit Menschen die sich mit allen möglichen Texten beschäftigen. Wer, wenn nicht ein Bibliothekar oder eine Bibliothekarin, kann uns zur nahrhaftesten Kost für unsere Köpfe, Herzen und Seelen führen und sich dabei gleichzeitig um die Texte und die Vorkommnisse in seiner Obhut kümmern sowie sicherstellen, dass der Ort selbst gehegt und gepflegt, immer wieder frisch angereichert und gut behütet wird? Die Anwesenheit eines solchen Cicerones macht den Unterschied zwischen einer Bücherei und einem Plastikstuhl in Starbucks.
Kehren wir aber noch einmal zu der Multiplizität zurück, die Büchereien anbieten: der Möglichkeit, gleichzeitig anzukommen und aufzubrechen. Aus sozialer Sicht betrachtet bedeutet dies einerseits die Möglichkeit von Gemeinschaft, andererseits – und zugleich – aber auch von Privatsphäre, in der es erlaubt ist, dass man anderen den Rücken zukehrt. Dies ist meiner Meinung nach ein total radikales Konzept. Wo sonst ist es in unserer derzeitigen westlichen Gesellschaft nicht nur erlaubt, sondern geradezu erwartet, dass man Kontaktversuche anderer abweist? Seit etwa zehn Jahren arbeite ich mit vielen Schulbüchereien in weiterführenden Schulen zusammen und leite dort Schreibwerkstätten mit Jugendlichen, die Lese- und Schreibschwierigkeiten haben. Das Bemerkenswerte an diesen Orten ist vor allem, dass sie ihren Lesern – und ich benutze dieses Wort wieder im weitesten Sinne – die Erlaubnis geben, sich zu entziehen und unkommunikativ zu sein.
In den diesen Schulbüchereien trifft man immer Leser an. Junge Menschen, die vielleicht zu Hause, in der Klasse, mit Mitschülern oder mit der Schulleitung Schwierigkeiten haben. Manchmal kommen sie zur Bücherei um an Werkstätten wie meiner teilzunehmen, was ihnen – wie einst meine „Forschungsarbeit“ für die Fernbildung an der Dublin City University – einen willkommenen Vorwand bietet, den Unterricht zu schwänzen. Manchmal kommen sie, um ein Buch aus der breiten Auswahl an Unterhaltungsliteratur in der Bücherei zu lesen oder anzuhören. Manchmal sitzen sie vor einem Bildschirm und spielen ein Spiel oder surfen im Internet. Manchmal haben sie es sich in einer Sofaecke gemütlich gemacht und holen Schlaf nach, den sie zu Hause nicht bekommen konnten. Und manchmal sitzen sie einfach da, in ihrer eigenen kleinen Welt mit den Problemen, die Jugendliche eben haben, und müssen – endlich einmal – niemandem Rede und Antwort stehen, sondern können einfach sie selbst sein.
Was für eine Wohltat. Was für eine Gnade. Was für eine wertvolle, erhaltenswerte Sache.