Traces of Resistance

Traces of Resistance © Fabian Saul

Ein Flaneur-Projekt von Fabian Saul
 

Wir freuen uns sehr, dass wir mit Flaneur-Chefredakteur Fabian Saul für das Projekt Traces of Resistance zusammenarbeiten können. Im Rahmen des Projekts wird Fabian Saul Dublin, Newry, Glasgow, Carlisle und London besuchen und vor Ort Spuren des Widerstands im urbanen Umfeld sowie im kollektiven Gedächtnis der Bewohner nachspüren. Seine Rechercheergebnisse werden 2019 in Form einer anschaulichen Erzählung in einem eigenen Print - und Onlineformat umfangreich veröffentlicht werden.

Traces of Resistance ist ein fragmentarischer Roman, der Linien zwischen verschiedenen Geschichten des Widerstands zeichnet, die in jedem Kapitel durch eine einzige Straße verbunden sind. Kapitel für Kapitel wächst so eine fiktive Karte, bei der die Kantstraße Berlins direkt an den Markt von Tanger, die große Stadiou Athens gleich um die Ecke vom Majdan-Platz liegt. Das Anekdotische wird hier nicht zur Untermauerung der großen Erzählung benutzt, sondern entwickelt eine eigene Erzählung, bei der Widerstand (ästhetischer, politischer, räumlicher, performativer) zu einem universellen humanistischen Motor wird, der den bloßen lokalen Kontext überwindet.
 
Die Geschichten werden zusammen mit Akteuren vor Ort gesammelt, sortiert und diskutiert. Unter dem Eindruck eines neu aufkeimenden Nationalismus und einer tiefen europäischen Krise, ist Traces of Resistance auch der Versuch einer multi-perspektivischen europäischen Erzählung.
Straßen, als Räume kollektiver Erinnerung, in London, Carlisle, Glasgow, Newry und Dublin erzählen von den Grenzziehungen, ihren Überwindungen, Unabhängigkeit und Abhängigkeiten und insbesondere wie sich das post-koloniale und post-industrielle Erbe im Stadtraum lesen lässt.

Für weitere Informationen zu den einzelnen Stationen Fabian Sauls in Irland und Großbritannien als Teil des Projekts, klicken Sie bitte auf nachstehende Titel.


Fabian Saul © Pedro Ruiz Fabian Saul
ist Chefredakteur des Flaneur Magazins, einer nomadischen, multidisziplinären und preisgekrönten Publikation, die sich in jeder Ausgabe einer Straße widmet. Seit seiner Gründung hat es sich zu einer kollaborativen, kulturellen Plattform entwickelt.

Dublin & Newry:
In Dublin interessiert Fabian Saul eine Straße, die zunächst vielleicht wenig aufregend scheint: Die O’Connell Street. Durch ihre Monumente, Sehenswürdigkeiten sowie literarischen Auftritte (wie etwa bei James Joyce) wurde viel über die zentrale Hauptverkehrsstraße geschrieben. Und genau deshalb lohnt es sich anhand dieser Straße abzulesen, ob und wie kollektive Erinnerung im Stadtraum funktioniert. Hierbei sind die Rolle der Touristen als Akteure im Stadtraum und die Formen des (historischen) Widerstands, die sich in den Spuren der Straße finden lassen, beachtenswert. Auch die bauliche Struktur der Straße, die viele europäische Parallelen kennt, ist für Fabian Saul von Bedeutung. Er ist der Überzeugung, dass ein Erzählen aus den Fragmenten (anstatt aus dem Kanon) eine neue Perspektive auf die Straße liefern kann.

Newry’s Grenzlage zwischen Nordirland und Irland dazu geführt, hat vielerlei Funktionen und Effekte der kleinen Gemeinde hervorgerufen. Besonders bekannt sind die gewalttätigen Episoden während des Nordirlandkonflikts, die zwischen 1971 und 1994 als »The Troubles« bekannt gewesen sind. Im Zusammenhang mit der Finanzkrise wurde die Stadt durch ihre Grenzlage zu einem Ort transnationalen Shoppings, und Namensgeber des sogenannten Newry Effects. In Zeiten des Brexits verdichtet sich in der Ortschaft erneut der regionale Konflikt und die Frage nach der Aktualität historischer Grenzziehungen. In Newry wäre es besonders reizvoll eine Durchgangsstraße, etwa einen grenzübergreifenden Motorway zu wählen, um die Erzählung auch über diese Grenzen hinaus zu gestalten.
 
London:
In London wird sich Fabian Saul einer Straße in Hackney widmen, einer Nachbarschaft im Londoner Osten, die unmittelbar von der rasanten Gentrifizierung betroffen ist. Speziell seit der Nachkriegszeit und vor allem dem Ende des 20. Jahrhunderts hat sich durch Migrationswellen der Druck auf die ansässige Bevölkerung stark erhöht.
Der stattfindende Bevölkerungsaustausch spiegelt sich auch in den Erzählungen des Ortes - reich an Widerstandsgeschichte - , die oftmals in widersprüchlicher Parallelität koexistieren.
 
Glasgow & Carlisle:
Dass das post-industrielle Zeitalter nur in einer Verschränkung mit post-kolonialem Verständnis verstanden werden kann, zeigt sich an Orten wie Jamaica Street, in denen sich auch namentlich die Verbindung zum Empire manifestiert. Fabian Saul kann sich vorstellen, dass die Recherche in Glasgow sich auf diese Orte konzentriert und dabei die lokalen Widerstandsbewegungen auch in Reflexion zu globalen Verpflechtungen gelesen werden können. Besonders spannend ist für ihn dabei einen post-industriellen Ort zu finden, der ebenfalls mit dem historisch verankerten schottischen Unabhängigkeitsstreben verknüpft ist. Er glaubt, dass zwischen diesen drei Schwerpunkten (Arbeiterbewegung und post-industrielles Erbe; schottische  Unabhängigkeit und Nationalismus; post-koloniale Abhängigkeiten) Glasgow als ein Ort, der die essentiellen Fragen der Moderne immer wieder von Neuem aufwirft, betrachtet werden kann.

Carlisle, »the Great Border City« nach Schottland, überlagern sich u.a. Schichten des industriellen Zeitalters (und der Bedeutung Carlisle als Transitorts), des mittelalterlichen Englands und der neuen post-industriellen Identitätsfindung.

Als Stadt jenseits der Metropolen möchte Fabian Saul Carlisle mit einbeziehen, um seine Erzählung zu entzerren und auch zu verdeutlichen, wie der Übergang in die Moderne für non-metropolitan areas auch eine andere Widerstandsgeschichte erzeugt hat. Als Grenzort soll Carlisle aber nicht nur als bloßes Scharnier zwischen den anderen Erzählungen dienen.